Berlin „Übles Fake-Video“: Strack-Zimmermann geht juristisch gegen Satire vor
Hat Marie-Agnes Strack-Mann ihren eigenen Mann als Frontsoldaten in die Ukraine geschickt? Natürlich nicht. Weil ein Film es per KI-Technik aber so aussehen lässt, geht die FDP-Politikerin jetzt gegen den Satiriker Jan Henrik Stahlberg („MuxmäuschenstillX“) vor.
Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Vorsitzende im Verteidigungsausschuss im EU-Parlament, geht juristisch gegen ein Satire-Video vor. In dem Beitrag verfremdet der Filmemacher Jan Henrik Stahlberg einen Talk-Auftritt der Politikerin mittels KI. „Hier wird eine Grenze überschritten“, teilte Strack-Zimmermanns Büro unserer Redaktion mit. „Entsprechend hat Frau Strack-Zimmermann eine Unterlassungserklärung eingefordert.“ Die FDP-Politikerin gehe nicht nur gegen den Filmemacher vor, sondern auch gegen das Filmfest Bremen, das den Beitrag im Internet geteilt hatte.
Das strittige Video zeigt Strack-Zimmermann im Gespräch mit der ARD-Journalistin Sandra Maischberger sowie mit ihrem angeblichen Ehemann. Der KI-generierte „Horst Strack-Zimmermann“ wirft seiner Frau darin vor, ihn als Frontsoldat in die Ukraine entsandt zu haben. Als Mitglied der „Grauen Kraniche“ habe er dort durch eine Rheinmetall-Mine beide Beine verloren.
Strack-Zimmermann, ebenfalls KI-animiert, antwortet darauf mit markigen Durchhalteparolen: „Wenn nun der große Oberst a.D. Strack-Zimmermann rumheult, weil er keine Beine mehr hat (...), dann bitte ich wirklich, Contenance zu wahren. Weil das ist für einen Offizier wirklich blamabel.“ Auf den YouTube-und Instagram-Accounts zum Film „MuxmäuschenstillX“ ist der Beitrag weiterhin verfügbar.
„In der Tat hat sich Frau Strack-Zimmermann geärgert, da es sich hier um ein übles Fake-Video handelt, das auch nicht als KI markiert wurde, wie es Usus ist“, teilt ihr Büro dazu mit. „Dass sehr viele Menschen das erschreckenderweise nicht erkennen und damit die Behauptung, es wäre doch klar, dass das Satire ist, ins Leere läuft, zeigen die vielen Kommentare unter dem Video, das ja mehrfach geteilt wurde.“
Jan Henrik Stahlberg, Urheber der Satire, weist den Vorwurf der Täuschung zurück: „Dass diese groteske Übertreibung der politischen Haltung von Marie-Agnes Strack-Zimmermann bei einem Prozent des Publikums jedoch als Realität durchgeht, dass diese Leute also Frau Strack-Zimmermann absolut zutrauen würden, die ‚Grauen Kraniche‘ zu gründen, ‚Kimchi in Kiew‘ auszurufen und ihren Mann an die Front zu schicken, sorry, das sollte vielleicht eher Frau Strack-Rheinmetall-Zimmermann nachdenklich machen als uns.“
Auf das Verdikt des „üblen Fakes“ antwortete Stahlberg: „Ich kenne ein Lokal bei mir um die Ecke, da habe ich schon sehr übel gegessen. Andere sitzen da und finden es köstlich. Also würde ich sagen, ‘übel’ ist ein Geschmacksurteil.“ Dass er Humor und Geschmack von Marie-Agnes Strack-Zimmermann mit dem Film verfehlen würde, damit habe er allerdings gerechnet.
Unverständlich finde er, dass Strack-Zimmermann nicht nur gegen ihn vorgehe, sondern auch gegen das Filmfest Bremen, das seinen Beitrag nur geteilt habe. „Das ist krass. Das ist unglaublich“, sagte Stahlberg. „Strack-Zimmermann gilt als enorm klagefreudig – daher wusste ich, dass so eine Klage passieren kann. Aber doch, wenn schon, dann gegen mich!“ Auf dem Filmfest soll nun eine Diskussion zu den Grenzen der Satire stattfinden.
Dem Vorwurf einer mangelnden Kennzeichnung der KI-Verfremdung widersprach Stahlberg: „Ein Fake ist es, da hat sie Recht“, sagte er und betonte: „Das Video ist als solches gekennzeichnet und oft asynchron.“ Tatsächlich findet sich auf dem YouTube-Kanal zum Film „MuxmäuschenstillX“ ein Disclaimer, der den Beitrag als KI-generiert ausweist. Auf dem Kurznachrichten-Portal „X“ haben Nutzer inzwischen auch die manipulierten Ursprungsvideos verlinkt. Verwendet hat Stahlberg unter anderem einen realen Maischberger-Mitschnitt. Für die Dialoge des „Ehemanns“ stand der Erfahrungsbericht eines Krebspatienten Pate, den Stahlberg mit seinem eigenen Gesicht „überschrieben“ hat.
Von der Politik forderte Stahlberg eine größere Kritikfähigkeit: „Als Person der Zeitgeschichte, mit viel Macht und allen Privilegien, sollte man es auch ertragen können, Zielscheibe von Humor und Satire zu werden“, sagte Stahlberg. Sein Spielfilm „MuxmäuschenstillX“ sei „eine generelle Abrechnung mit dem Neoliberalismus – und damit gegen dessen Vertreter“ gerichtet, so der Filmemacher. Stahlberg verwies auf Olaf Scholz (SPD) und Friedrich Merz (CDU), die er in ähnlichen KI-Trailern verspottet habe. „Die haben nicht reagiert, und ehrlich gesagt finde ich das auch souveräner.“
Transparenzhinweis: In einer ersten Fassung haben wir geschrieben, dass auf dem Filmfest Bremen im Rahmen der Podiumsdiskussion auch das strittige Kurzvideo aufgeführt worden soll. Das ist unzutreffend. Eine Einladung zur Diskussion an Strack-Zimmermann hat nicht das Festival, sondern der Regisseur ausgesprochen.