Berlin Weltweiter Börsensturz: Jetzt schnell alle Aktien verkaufen?
US-Aktienmärkte schwanken unter Trumps erratischer Politik. Sind Umschichtungen nötig oder ist Ruhe bewahren angesagt? Experten analysieren die wirtschaftlichen Entwicklungen und mögliche Chancen für Europa.
Die erratische Politik von US-Präsident Donald Trump sorgt für erhebliche Unruhe an den internationalen Aktienmärkten. Experten versuchen, Anleger zu beruhigen, aber ist die Strategie des „Aussitzen und Durchhalten“ noch zeitgemäß, oder erleben wir eine fundamentale Zeitenwende?
Investmentexperte Christian Röhl ist sich sicher: „Wir sehen, dass diese Disruptionen weitergehen, insbesondere im transatlantischen Verhältnis.“ Er verweist darauf, dass die geopolitischen Spannungen anhalten werden: „Europa ist jetzt auf sich gestellt, nicht nur was die Sicherheit angeht, sondern auch was die Wirtschaft betrifft. Es ist eine wirtschaftliche Zeitenwende.“
Lange galt die Annahme, dass US-Präsidenten Rücksicht auf die Aktienmärkte nehmen. Diese Erwartung hat Trump laut Röhl ins Gegenteil verkehrt: „Die Annahme, dass US-Politiker berücksichtigen, wie sich die Aktienmärkte verhalten, scheint nicht mehr zu gelten.“ Trump sei bereit, wirtschaftliche Turbulenzen in Kauf zu nehmen, um seine „America First“-Politik durchzusetzen: „Trump nimmt den Kollateralschaden, die Verunsicherung der heimischen Industrie, bewusst in Kauf.“
Der renommierte Verhaltensökonom Hartmut Walz hingegen warnt davor, vorschnell von einer Zeitenwende zu sprechen. Er sieht in Krisen und wirtschaftlichen Turbulenzen eine Konstante der Märkte: „Wir hangeln uns immer schon von einer Krise zur nächsten. Der Mensch meint nur im Nachhinein, es sei nicht so schlimm gewesen. Zeitenwenden werden schnell ausgerufen.“ Zwar könne es durchaus historische Brüche wie die Weltkriege geben, doch grundsätzlich gehöre Unsicherheit zu den Märkten.
Noch dominieren die sogenannten „Magnificent 7“, darunter Apple, Tesla, Amazon und Microsoft, den MSCI World. Doch das könnte sich langfristig ändern. „Aktuell fühlen sich manche Anleger vielleicht nicht wohl mit einem MSCI World“, erklärt Röhl. „Aber man hat die Möglichkeit, nachzujustieren.“ Falls die USA wirtschaftlich an Bedeutung verlieren, werde sich das auch in den Gewichtungen des ETF widerspiegeln: „Es handelt sich um ein sich selbst aktualisierendes System.“
Walz sieht ebenfalls Risiken durch eine zu starke US-Dominanz im MSCI World. „Ich habe schon im vergangenen Jahr auf das Klumpenrisiko im MSCI World hingewiesen. Wenn jemand darin hohe Altbestände hat, dann sollte er ergänzend auf den MSCI ohne US-Werte setzen. Das ist eine Art Gegengift, um das Klumpenrisiko zu verringern.“
Die hohe Gewichtung weniger US-Tech-Werte sei eine potenzielle Gefahr gewesen, die sich nun durch eine Marktkorrektur etwas entschärft habe: „Nun ist schon etwas heiße Luft aus dem MSCI World gewichen, d. h. der Druck hat nachgelassen und das Risiko eines massiven Crashs ist eher gesunken. Vor drei Wochen hätte ich mir mehr Sorgen gemacht als jetzt.“
Der Aktienmarkt kennt die problematische Übergewichtung bestimmter Werte. Allerdings seien laut Finanzexperte Röhl die Parallelen zur Entwicklung in den 1990er Jahren, als der MSCI vor allem aus japanischen Aktien bestand, begrenzt: „Dieser wurde nach der Spekulationsblase mit den Auswüchsen in Immobilien abgebaut.“ Die Umschichtung des MSCI habe jedoch zehn Jahre gedauert.
Falls die US-Kurse weiter unter Trumps Isolationismus leiden, könnten europäische Aktien allmählich an Bedeutung gewinnen: „Aber nur, wenn Europa jetzt das macht, was es machen muss: zusammenwachsen.“
Wirtschaftswissenschaftlerin Mechthild Schrooten von der Universität Bremen betont, dass Volatilitäten an den Aktienmärkten nichts Neues seien: „Billig kaufen und teuer verkaufen, das ist ein Grundprinzip der Märkte.“ Allerdings habe sich durch Künstliche Intelligenz (KI) die Geschwindigkeit der Marktreaktionen drastisch erhöht: „Mittlerweile werden viele Prozesse durch KI gesteuert. Das heißt, bestimmte politische Impulse werden sofort weitergegeben, die Entwicklungen übertragen sich also rascher auf den Aktienmarkt.“
Besonders am Tesla-Kurs, der zuletzt massiv eingebrochen ist, lasse sich eine neue Dynamik erkennen: „Es gibt eine neue Form der Demokratie durch Konsum und Geldanlage. Die Verbraucher stimmen mit Kauf und Verkauf ab, sie äußern sich damit politisch. In Kombination mit KI erzeugen diese sehr schnell starke Bewegungen an den Börsen.“
Schrooten widerspricht ebenfalls der These eines grundlegenden Umbruchs: „Von einer Zeitenwende würde ich nicht sprechen. Der Aktienmarkt bewegt sich nicht nachhaltig von einer in die andere Richtung. Langfristig erholt sich alles.“ Sie rät Anlegern, sich bewusst mit ihrem Risikoprofil auseinanderzusetzen: „Eine Anlage in einen MSCI ist eben kein Festgeld.“
Walz sieht das ähnlich und betont, dass viele Anleger bisher noch keinen echten Börsencrash erlebt haben: „Der letzte war 2008. Viele Anleger von heute hatten damals noch keine Aktien. Im Alltag wird dieser Crash ohnehin verdrängt.“ Die Märkte seien grundsätzlich unberechenbar: „Ohnehin kann niemand Märkte vorhersagen. Die Entwicklungen sind erratisch, es gibt keine verlässlichen Prognosen, sondern immer nur bestimmte Indikatoren.“
Der bekannte Börsianer André Kostolany riet einst, Aktien zu kaufen, eine Schlaftablette zu nehmen und die Kurse nicht weiter zu beobachten. Doch ist dieser Rat heute noch gültig? Röhl sieht es pragmatisch: „Es wird sich zeigen, wann es wieder zu einem Gleichgewicht kommt.“
Die aktuelle Lage könnten Anleger auch nutzen, um ihr Portfolio strategisch neu auszurichten: „Wer überzeugt ist, dass das Zusammenrücken in Europa auch wirtschaftliche Kräfte freisetzt, kann etwa den MSCI Europa beimischen – als einen Akzent im Rahmen einer Core-Satellite-Strategie, also zusätzlich zu einem Kern, der global investiert.“
Schrooten sieht Chancen für europäische Unternehmen: „Europa rückt jetzt stärker zusammen: Die europäischen Werte profitieren davon.“
Aktienschwankungen, die sogenannte Volatilität, sieht sie nicht nur negativ: „Es gibt jetzt einen immensen Schub in Sachen Finanzbildung. Jeder Anleger muss sich nun gezwungenermaßen mehr Gedanken um das eigene Risikoprofil machen.” Aktuell zeige sich klar: Investieren ist immer mit einem Risiko verbunden, selbst, wenn man sein Geld breit streut.
Walz rät dazu, langfristig zu denken und sich nicht von kurzfristigen Marktschwankungen verunsichern zu lassen. Sein Ansatz: „Ich rate zum prognosefreien Investieren. Denn an den Aktienmärkten kann stets alles passieren – auch das Gegenteil.“
Statt auf Vorhersagen zu setzen, sollten Anleger breit diversifizieren: „Was sie machen können: Ihre Risiken wirklich maximal streuen und in ETFs investieren, die einen echten Weltindex abbilden, der auch Schwellenländer beinhaltet. Und im besten Fall nicht nur große, sondern auch mittlere, und kleine Unternehmen. So wie beispielsweise der FTSE All World oder MSCI All Country World IMI: Es gibt Produkte auf diese Indizes, die außerdem sehr günstig sind.“
Die derzeitigen Unsicherheiten an den Märkten erfordern also eine differenzierte Betrachtung. Anleger sollten ihre Portfolios kritisch überprüfen und gegebenenfalls anpassen, aber nicht in Panik verfallen. Die Märkte haben sich bisher immer wieder erholt – die Frage ist nur, in welcher Zeitspanne und mit welchen Gewinnern und Verlierern.