Reform des Bereitschaftsdienstes Ärztebereitschaft im Kreis vor Umbruch
Die geplante Reform der KVN bedeutet: im Fahrdienst nur ein Arzt für die ostfriesische Halbinsel. Mehr Telemedizin. Keine Notfallpraxis ohne Klinik. Das hat für eine Stadt erhebliche Auswirkungen.
Aurich/Norden - Der Bereitschaftsdienst in ganz Niedersachsen steht vor einem Umbruch. Das hat auch Auswirkungen auf Ostfriesland und den Landkreis Aurich – sowohl für die Ärzte, als auch die Patienten.
Spätestens zum 1. Juli wird zunächst der Fahrdienst im Bereitschaftsdienst verändert. Damit sind die Ärzte gemeint, die im Bereitschaftsdienst – auch nachts – zu den Patienten rausfahren. Bisher, so erklärte es die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) auf Anfrage, habe ein Patient im ländlichen Bereich mitunter drei Stunden und länger warten müssen, bis der Bereitschaftsarzt tatsächlich bei ihm zu Hause eingetroffen war. Das soll sich künftig durch den Einsatz von Telemedizin ändern, sagte Detlef Haffke, Sprecher der KVN.
Telearzt entscheidet über Besuch vor Ort
Künftig gilt: Sollte es der Gesundheitszustand eines Patienten nicht erlauben, selbst in die kassenärztliche Bereitschaftsdienstpraxis zu fahren, wird er oder ein Angehöriger telefonisch oder per Video mit einem Telearzt verbunden. Dieser Kontakt komme schnell und unkompliziert zustande, so Haffke. Wenn der Telearzt einen Hausbesuch für medizinisch notwendig hält, wird ein Team der Johanniter zu den Patienten nach Hause geschickt. Vor Ort entscheiden die Mitarbeiter der Johanniter, ob sie mit einem Arzt Rücksprache halten müssen oder ob ein Arzt zum Hausbesuch kommen muss.
Im Zuge der Reform wird Niedersachsen für den Fahrdienst zudem in acht Bezirke aufgeteilt. Diese acht Versorgungsregionen sind laut KVN an die Krankenhausversorgungsregionen in Niedersachsen angepasst. Für Ostfriesland heißt das: Der Bezirk für den Fahrdienst umfasst künftig die gesamte ostfriesische Halbinsel, also Ostfriesland, Friesland und Wilhelmshaven. Haffke betonte aber: „Die Einsätze des Fahrdienstes werden in den Nahtbereichen zu anderen Bezirken auch von Fahrdiensten aus anderen Bezirken übernommen. Es gilt: Der Fahrdienst, der die geringste Entfernung zum Wohnort des Patienten hat, übernimmt den Hausbesuch.“
Derzeit suchen KVN und Johanniter noch Ärzte
Wie viele Ärzte für den Bereich zuständig sein werden, sei noch nicht abschließend geklärt. Zunächst werde sich die Planung an den bisherigen Zahlen orientieren. Das wäre ein Arzt in der Woche und zwei am Wochenende – für die gesamte ostfriesische Halbinsel. „Wenn sich aufgrund der Anfahrtszeiten Schwierigkeiten ergeben, würden wir aufrüsten“, sagte Haffke.
Ob das neue System funktioniert, ist noch nicht klar. Laut KVN gibt es bereits Testläufe in anderen Regionen. Die Johanniter suchen momentan nach Ärzten für den Fahrdienst. Die KVN sucht nach Hausärzten, die an der telemedizinischen Beratung teilnehmen wollen. Die Annoncen liegen der Redaktion vor. Zunächst sollen die Bereitschaftspraxen an den Kliniken mit dem sogenannten Sitzdienst nicht betroffen sein. Mittelfristig werde es aber auch hier zu Änderungen kommen, so Haffke.
KVN: Ohne Klinik keine Bereitschaftspraxis
Wer am Abend oder am Wochenende ein medizinisches Problem hat, für das kein Rettungsdienst benötigt wird, geht im Normalfall zum kassenärztlichen Bereitschaftsdienst in seiner Stadt. Der ist in Aurich und Emden mit einer Praxis an die Krankenhäuser angegliedert. Weil es in Norden kein Krankenhaus mehr gibt, ist die Praxis im Regionalen Gesundheitszentrum (RGZ) untergebracht.
Zwar werde dieses Angebot im ersten Schritt der Reform des Bereitschaftsdienstes noch bestehen bleiben, sagte der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), Dieter Haffke, auf Anfrage. Sobald es an den Standorten aber keine Krankenhäuser mehr gebe, werde es dort mutmaßlich auch keine Bereitschaftspraxen mehr geben. Für den Landkreis Aurich bedeutet das: Die Bereitschaftspraxis wird dann in der Zentralklinik in Georgsheil eröffnen. Heißt: Aus drei Bereitschaftspraxen bisher wird nur noch eine in Georgsheil.
Norden bald ohne Versorgung?
KVN-Bereitschaftsdienstpraxen machen nur an Krankenhäusern Sinn, die unterschiedliche Fachabteilungen und eine Notfallambulanz haben, sagte Haffke. Aufgrund der niedersächsischen Krankenhausplanung und der zukünftigen Krankenhausplanung des Bundes werde es voraussichtlich zu Schließungen von Krankenhäusern kommen. Dies könne die KVN nicht beeinflussen. Klar ist aber: Die KVN wird keine Bereitschaftsdienstpraxen an geschlossenen Krankenhäusern betreiben, betont KVN-Sprecher Haffke.
Für Aurich und Emden bedeutet das: Zumindest bis die Zentralklinik öffnet, wird es dort auch eine Bereitschaftspraxis mit den bisherigen Öffnungszeiten geben. In Norden sieht die Sache schon anders aus. Sollte die Finanzierung des RGZ nicht über den 31. Dezember 2025 hinaus gesichert werden können – und danach sieht es derzeit aus – verliert Norden nicht nur das RGZ, sondern auch noch die Kassenärztliche Bereitschaftspraxis. Die Norder Patienten müssten dann nach Aurich oder Emden fahren.
Ärzte sehen Reform als Entlastung
Eine Tatsache, die vielen Hausärzten im Altkreis Norden Sorgen macht. Grundsätzlich stehen die Hausärzte Dr. Anika Scholle aus Norden und Eva Wortberg aus Hage der geplanten Reform der Fahrdienste im Bereitschaftsdienst aber positiv gegenüber. „Das ist eine unheimliche Entlastung für uns, weil wir nachts nicht mehr raus müssen, um dann am nächsten Tag müde in den Praxisdienst zu gehen. Ich finde es ein ganz gutes Konzept“, sagte Wortberg auf Anfrage. Für ihre Kollegin Dr. Anika Scholle bedeutet der neue Weg der KVN eine finanzielle Entlastung. Denn sie hat die nächtlichen Fahrdienste nicht selbst absolviert, sondern eine Vertretung für diesen Dienst bezahlt. Rund 10.000 Euro habe sie das pro Jahr gekostet, sagte sie. Eine Summe, die künftig wegfällt.
Aus Sicht der KVN soll die Reform der Fahrdienste auch ein Anreiz für Ärzte sein, sich in Niedersachsen niederzulassen – weil sie hier keine Fahrdienste mehr leisten müssen, erklärte Dieter Haffke.
Wann genau die Reform in Ostfriesland startet, ist derzeit noch nicht klar. Erste Bereiche starten laut KVN bereits Ende April. „Wenn es läuft, breiten wir die Reform auf weitere Bereiche in Niedersachsen aus“, so Haffke. Spätestens bis zum 1. Juli soll die Reform aber in ganz Niedersachsen greifen.