Osnabrück  Die Abkehr vom Gendern: Wie Unternehmen und Medien klammheimlich zurückrudern

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 14.03.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ist die Debatte rund um das Gendern vorbei? Foto: IMAGO/Silas Stein
Ist die Debatte rund um das Gendern vorbei? Foto: IMAGO/Silas Stein
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Audianer_innen, Lehrende oder MitarbeiterInnen: Vor ein paar Jahren brüsteten sich viele Unternehmen mit ihrer progressiven Sprachpolitik. Davon kann keine Rede mehr sein. Wenn selbst frühere Vorreiter nicht mehr durchgängig gendern, zeigt das, dass man Sprachwandel nicht erzwingen kann, meint Chefredakteur Burkhard Ewert.

Falls Sie der Gendersprache zuneigen, ist Ihnen in den vergangenen Monaten womöglich etwas aufgefallen. Sollten Sie Doppelpunkte, Unterstriche, Sternchen oder längliche Doppelnennungen ablehnen, gilt das vermutlich ebenfalls, denn in dieser heiß umstrittenen Frage greift ein neuartiges Phänomen um sich: die Stille. 

Ich jedenfalls stelle fest, dass ich seit geraumer Zeit kaum mehr in Debatten verwickelt werde, dass zum Beispiel wir als Medium auf das generische Maskulinum verzichten sollen. Auch anderer Akteure in der Branche gendern nach meiner Wahrnehmung nur in Ausnahmefällen oder zumindest nur in einer Weise, die kaum auffällt.

Ebenso wenig würde es ernsthaft stören, wenn jemand privat mit Sprechpausen oder Knacklauten agiert und diese Art der Sprache für ihn ein wichtiges persönliches Anliegen bildet. Es kommt allerdings selten vor, zumindest außerhalb abgrenzbarer Milieus, in denen die Verwendung solcher Formen mehr oder weniger vorgegeben wird.

Zu dieser Wahrnehmung passt, dass manche Unternehmen und Medien sang- und klanglos zurückrudern und ihre progressiven Regelwerke entrümpeln. Sie hatten sich von einer Einführung der Gendersprache womöglich versprochen, zur Gerechtigkeit zwischen vielerlei Geschlechtern und empfundenen Identitäten beizutragen. Sie hatten aber außerdem, so meine These, internen und externen Aktivisten schlicht nicht widerstanden oder waren der Fehleinschätzung erlegen, eine Anpassung an den Sprachtrend sei gut fürs Geschäft und erschließe neue Kundengruppen.

Mindestens sollte die sprachliche Anbiederung der Anwerbung von Nachwuchskräften nutzen – ignorierend, dass Umfragen unter jungen Leuten eine überbordende Neigung zu dieser Art der Sprache nicht belegen und dass nur eine kleine Minderheit zu identitätspolitischen Extrempositionen neigt; Nicht-Muttersprachler noch einmal weniger.

Ein prominenter Fall war der Automobilhersteller Audi mit seinen „Audianer_innen“. Ein Jahr lang hatte eine Projektgruppe Vorschläge ausgearbeitet, die 2021 als 13-seitige Leitlinie für die interne und externe Kommunikation mitsamt Hinweis auf den „glottoralen Stopp“ in der Sprechweise eingeführt wurden. Auch in der geschäftlichen Kommunikation sollte in den Anreden von „Partner_in“ und „Lieferant_in“ gesprochen werden.

Ferner hoben die Audi-Chefs hervor, dass fortan „keine Rückschlüsse vom Äußeren auf das Geschlecht gezogen“ werden sollten, was die Beschäftigten im Alltag vor allerlei Probleme gestellt haben dürfte.

Zwischendurch hatte ein Mitarbeiter gegen die Regeln geklagt – erfolglos. Nun ist es dem Konzern selbst nicht mehr wichtig, alle geschlechtlichen Identitäten durch dezidiert neutrale Formulierungen abzubilden. Audi schaffte seine Gender-Schreibweisen unlängst ab, freilich ohne darauf wie bei der Einführung mit einer Pressemeldung hinzuweisen. 

Auch die Grünen geben sich entspannter als früher und haben kein Problem damit, in ihrem Wahlprogramm eine „Milliardärssteuer“ ganz ohne Doppelpunkt oder weibliche Form zu fordern, ebenso wie die Leitungsebene des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks ihren Moderatoren zu verstehen gab, sie sollten sinnvollerweise die Sprechweise derjenigen Menschen verwenden, die ihre Gehälter sichern. Auch der „Tagesspiegel“, der sich als Hauptstadtzeitung eine Weile lang an der Spitze der Bewegung sah, kassierte sein gendersprachliches Regelwerk ein und kehrte zu unaufdringlichen Empfehlungen zurück; andere große Medien waren ihm ohnehin nicht gefolgt.

Die Entwicklung beweist, dass es durchaus lohnen kann, standhaft zu bleiben und sich nicht eilfertig jeder Mode der politischen Korrektheit zu unterwerfen. Die Menschen im Rest der Republik haben ein feines Gespür, wo wirklich jemand benachteiligt wird und wo nicht, und vor allem wodurch. In ihre Sprache wollten sie sich mehrheitlich nicht reinreden lassen, eben auch, weil sie andernfalls den unterschwelligen Vorwurf akzeptiert hätten, andere Menschen abzuwerten, wogegen sie sich durch ihren beharrlichen Widerstand verwahrten; zurecht, wie ich finde.

Sprache wandelt sich, argumentierten die Befürworter von Gender-Formen. Das stimmt – aber eben nur dann, wenn diejenigen es wollen, die sie benutzen; nicht dann, wenn jemand Neuheiten auf Krampf verordnen will. In diesem Sinne: Genießen Sie die Stille!

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