Hamburg Aller Fokus auf Waffen – damit wurde ein anderes Bundeswehr-Problem zu lange ignoriert
Drei Jahre nach dem Sondervermögen für die Bundeswehr scheint das Personalproblem so dringend wie selten zuvor. Eine Not mit Ansage: Weil das Geld vor allem in Waffen gesteckt wurde, bleiben beim Personal jetzt nur noch unnütze Wehrpflicht-Debatten.
Die „Zeitenwende“-Rede von Noch-Kanzler Olaf Scholz ist schon drei Jahre her. Doch bei allen notwendigen Milliarden für neue Waffen, Hilfen für die Ukraine und zumindest etwas Beschleunigung bei der Beschaffung, ist ein anderes Problem noch weitgehend ungelöst. Die Bundeswehr altert und schrumpft. Es gibt nur noch rund 181.000 Soldaten, die durchschnittlich 34 Jahre alt sind, wie Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) in ihrem diesjährigen Wehrbericht konstatierte. Frauen sind noch immer unterrepräsentiert, das Ziel von 20 Prozent Frauenanteil bliebt in weiter Ferne.
Nach eigenen Vorstellungen bräuchte die Bundeswehr bis 2031 eigentlich mehr als 200.000 Soldaten. Laut Generalinspekteur Carsten Breuer müssten es sogar mehr als doppelt so viele sein – für den hypothetischen Fall, dass Russland in den kommenden Jahren wirklich Nato-Gebiet angreifen sollte.
Doch ein solcher Aufwuchs ist illusorisch. Zwar gab es zuletzt mehr neue Rekruten. Doch laut Högl bricht noch immer jeder Vierte neue Soldat seinen Dienst vorzeitig ab. Die Gründe dafür sind verschieden, aber insgesamt ist die Bundeswehr offenbar immer noch nicht der moderne Arbeitgeber, der sie so gerne wäre.
Zudem soll es immer wieder Fälle gegeben haben, in denen Soldaten am liebsten bleiben würden, aber wegen fehlender Planstellen die Bundeswehr verlassen musste. Heißt: Die Bundeswehr hat trotz Milliarden in Haushalt, Sondervermögen und einem dicken Personalproblem kein Geld für Personal. Das ist grotesk. Eine neue Regierung muss bei allen Debatten um den Wehretat dieses Problem dringend mitbedenken.
Die Devise, dass sich im Gegensatz zum Material neue Soldaten nicht einfach mit viel Geld kaufen lassen, bleibt zwar richtig; aber zumindest, um Personal zu halten, muss mehr Geld in die Hand genommen werden. Dazu gehört auch eine viel schnellere Modernisierung der Kasernen.
Längst sind Befürworter der Wehrpflicht wieder auf dem Vormarsch. Nach dem Motto: Wenn sich nicht genug junge Menschen freiwillig für die Bundeswehr finden lassen, muss man sie halt zwingen. Doch das ist ein Fall für die Mottenkiste. Ein Zwang schadet dem Ansehen der Bundeswehr in der Gesellschaft und der Motivation künftiger Soldaten. Doch auch eine neu konzipierte Wehrpflicht kann es nur geben, wenn im Vorfeld neue Kasernen gebaut werden und viel mehr Ausbilder zur Verfügung stehen. Beides klappt nicht von heute auf morgen. Doch drei Jahre nach der Zeitenwende-Rede müsste man zumindest damit anfangen.