Paris  Gisèle Pelicots Tochter ist überzeugt, auch Opfer zu sein - doch es mangelt ihr an Beweisen

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 11.03.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In ihrem zweiten Buch „Damit man sich erinnert“ schreibt Caroline Darian über ihr Erleben des viermonatigen Prozesses als Tochter des Opfers und des Haupttäters zugleich. Foto: IMAGO/Tomas Stevens
In ihrem zweiten Buch „Damit man sich erinnert“ schreibt Caroline Darian über ihr Erleben des viermonatigen Prozesses als Tochter des Opfers und des Haupttäters zugleich. Foto: IMAGO/Tomas Stevens
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Caroline Darian glaubt, ihr Vater habe auch sie betäubt und sexuell missbraucht. Allerdings hat sie im Gegensatz zu ihrer Mutter kaum Beweise. Trotzdem hat sie jetzt Anzeige erstattet. Außerdem hat sie ein Buch über den viermonatigen Prozess ihres Vater geschrieben.

Ihre Mutter Gisèle Pelicot meidet fortan das Scheinwerferlicht, seit der Prozess gegen 51 ihrer Peiniger im Dezember mit 51 Schuldsprüchen endete. Über Jahre hinweg hatte ihr Ex-Mann Dominique sie medikamentös betäubt und von unbekannten Männern vergewaltigen lassen.

Caroline Darian, Gisèles Tochter, aber will keinen Rückzug. Auch von ihr fanden sich Fotos auf dem Computer ihres Vaters, die sie in Schlafhaltung nackt oder in ihr fremder Unterwäsche zeigen. Sie ist überzeugt davon, dass er ihr Schlafmittel verabreicht und sich an ihr vergangen hat. Er streitet dies ab, doch die 46-Jährige glaubt ihm nicht: „Er hat während der Ermittlungen mehrfach gelogen und verschiedene Versionen erfunden.“

Während Dominique Pelicot wegen schwerer Vergewaltigung seiner Ex-Frau zur Höchststrafe von 20 Jahren Haft verurteilt wurde, befand ihn das Gericht auch wegen des Besitzes und der Verbreitung von heimlich aufgenommenen intimen Fotos seiner Tochter und der beiden Schwiegertöchter für schuldig. Anders als ihre Mutter, von deren Vergewaltigungen es 20.000 Fotos und Videos gibt, hat Darian keine Beweise für möglichen Missbrauch durch ihren Vater.

Trotzdem hat sie nun Anzeige gegen ihn erstattet. Zeitgleich veröffentlichte sie ein Buch namens „Damit man sich erinnert“ („Pour que l’on se souvienne“) über ihr Erleben des viermonatigen Prozesses als Tochter des Opfers und des Haupttäters zugleich. Der Titel spielt auf den Gedächtnisverlust der Opfer von „chemischer Unterwerfung“ an, also der Beigabe von Medikamenten, um sie wehrlos zu machen – in Deutschland ist meist die Rede von K.O.-Tropfen.

Mit ihrem Verein „Schläfere mich nicht ein“ („M’endors pas“) kämpft Darian für mehr Bewusstsein für dieses weit verbreitete Problem. Ihr erstes Buch „Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“ ist in 19 Sprachen erschienen, auch auf Deutsch. Das zweite, so sagte sie nun in einer Fernsehsendung, sei für sie noch wichtiger. „Ich repräsentiere 95 oder gar 99 Prozent der Opfer, die sich unsichtbar fühlen, weil sie nicht wie meine Mutter vor Gericht alle Beweise auf dem Tisch liegen haben, um als Opfer anerkannt zu werden.“ Diese Anerkennung sei aber wichtig für den psychischen Wiederaufbau.

Darian ist nicht ihr wirklicher Nachname, sondern ein Pseudonym, das sich aus den Vornamen ihrer Brüder zusammensetzt: David und Florian. Von beiden fühlt sie sich unterstützt, nicht aber von ihrer Mutter. Gisèle Pelicot, so der Vorwurf, könne sich nicht eingestehen, dass sich ihr Ex-Mann auch an der gemeinsamen Tochter vergriffen haben könnte. Beide Frauen haben sich voneinander entfernt.

Im Vergleich zur Öffentlichkeit bietet Caroline einen härteren Blick auf die 72-Jährige, die durch ihre aufrechte Haltung, ihren Mut, einen öffentlichen Prozess zu fordern, und ihren Kampf im Namen aller Opfer sexueller Gewalt eine weltweit berühmte Ikone wurde. In mehreren französischen Städten gibt es Fresken von der zierlichen Seniorin mit dem roten Pagenkopf. Das US-amerikanische „Time Magazine“ kürte sie zur „Frau des Jahres“, die französischen Verlage rissen sich um das Recht, ihre Autobiografie zu veröffentlichen.

Noch immer erhält sie Pakete, Briefe und etliche Einladungen: vom kanadischen Unterhaus in Ottawa, dem französischen Senat, der Uno, dem EU-Parlament. Doch Gisèle Pelicot schlug bislang alle aus. „Am Abend der Urteilsverkündung hat sie die Entscheidung getroffen, keine einzige öffentliche Einladung anzunehmen“, erklärte Stéphane Babonneau, einer ihrer beiden Anwälte. „All das berührt sie sehr, aber sie will nichts tun, was die Jury des Schwurgerichts beeinflussen könnte.“ Da zehn der 51 Verurteilten in Berufung gingen, findet im Herbst in Nîmes ein weiterer Prozess statt.

Caroline Darian hat sich derweil von den beiden Anwälten, die auch sie vertraten, getrennt. Auch ihnen wirft sie vor, „100 Prozent ihrer Energie in den Fall von Gisèle Pelicot“ gesteckt und deren Kinder und Enkel, die den Großvater ebenfalls der Nötigung verdächtigen, übergangen zu haben. Ihre neue Anwältin ist Florence Rault.

Die Juristin vertritt auch die Familie von Sophie Narme, einer jungen Immobilienmaklerin, die 1991 in Paris vergewaltigt und ermordet wurde, sowie von Marion, die 1999 einem Angriff mit exakt derselben Vorgehensweise entging. An deren Schuh wurde die DNA von Dominique Pelicot gefunden, inzwischen hat er seinen Vergewaltigungsversuch gestanden, während er jede Verwicklung in den brutalen Tod von Sophie Narme von sich weist. Die Ermittlungen laufen noch und könnten in einen weiteren Pelicot-Prozess münden.

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