Osnabrück Zwei Ex-Vfler im Aufstiegskampf: Duell der Trainer-Freunde Polzin und Thioune
Wenn der Hamburger SV in der 2. Fußball-Bundesliga am Samstagabend Fortuna Düsseldorf empfängt, treffen an der Seitenlinie zwei frühere Osnabrücker aufeinander: Merlin Polzin und Daniel Thioune. Ihre ersten Schritte als Trainer gingen sie bei den Lila-Weißen gemeinsam und führten den VfL 2019 zum Aufstieg. Bis heute sind sie befreundet. Auch deshalb wird das Duell besonders.
Der eine begann 2013 als Aushilfstrainer im Nachwuchsleistungszentrum, der andere bewarb sich im selben Jahr dort um ein Praktikum: Der Zufall führte Daniel Thioune und Merlin Polzin des VfL Osnabrück zu einem kongenialen Trainerduo zusammen – an diesem Samstag (20.30 Uhr) begegnen sich die beiden erstmals als Cheftrainer im direkten Duell beim Topspiel der 2. Fußball-Bundesliga zwischen dem Hamburger SV und Fortuna Düsseldorf.
Thioune war gerade von seinem Freund Joe Enochs, damals Leiter des NLZ, als Aushilfstrainer verpflichtet worden – bei einer gemeinsamen Mountainbike-Tour hatte der Amerikaner seinen Freund und ehemaligen Teamkollegen spontan angesprochen. Thioune konzentrierte sich damals auf sein Lehramtsstudium, nachdem sich die Chance, als Co-Trainer im Profifußball zu bleiben, bei RW Ahlen zerschlagen hatte.
Genau wie der damals 39-Jährige Exprofi hatte auch der 23-Jährige Hamburger vor allem Fußball im Kopf. Bei seinem Heimatverein Bramfelder SV, wo er als Oberligaspieler wegen einer Arthrose aufhören musste, hatte er schon mit 18 die Bambinis trainiert. In Osnabrück nahm er 2013 sein Lehramtsstudium auf – wichtiger war ihm der Praktikumsplatz im NLZ.
Mit Feuereifer stürzte er sich in seinen Traumjob. So bot er eines Tages dem Trainer der U17 an, das Spiel der VfL-Konkurrenten HSV und St. Pauli zu beobachten. Daniel Thioune nahm an – und bekam eine ausführliche, perfekte Spielanalyse auf den Schreibtisch. „Richtig gut war die, und da habe ich beschlossen: Den Jungen lässt du nicht mehr weg“, erinnert sich Thioune, der Polzin zu seinem Co-Trainer machte.
Sie lernten voneinander, Polzin von der Lebens- und Profierfahrung des Älteren, Thioune von den analytischen Fähigkeiten und von der Vermittlungskompetenz des Jüngeren. Und sie hatten Erfolg, der größte war der Aufstieg der U19 in die Bundesliga. Wichtiger noch: Sie hatten ein Händchen dafür, Talente zu fördern und zu entwickeln: Sebastian Klaas, Steffen Tigges, Felix Agu.
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Als Thioune Anfang Oktober 2017 beim VfL die Chance bekam, Cheftrainer zu werden, stellte er zwei Bedingungen: Er wollte mit seinem Freund Enochs, der entlassen worden war, im Reinen sein – und Merlin Polzin sollte sein Co-Trainer bleiben. Als beides geregelt war, startete das Duo durch. Knapp drei Jahre blieben sie im Amt, bauten nach dem Klassenerhalt mit wenig Geld eine neue Mannschaft auf, die den souveränsten Aufstieg der VfL-Geschichte hinlegte und 2019/20 den Klassenerhalt in der 2. Bundesliga schaffte – zusammen übrigens mit Sportdirektor Benjamin Schmedes, der seine Lehrzeit beim HSV absolviert hatte.
Aus dem Anfänger-Duo war in wenigen Jahren einer der heißesten Tipps der Trainerbranche geworden. Thioune beeindruckte mit einer klaren, menschlichen Führung, die von dem Leitsatz geprägt war: „Niemand ist wichtiger als das Team.“ Mit dem Taktik-Nerd Polzin besprach er alle Details, sie entwickelten detaillierte Matchpläne auf der Basis einer Gegneranalyse.
Keiner hat die Trainerlaufbahn der beiden so intensiv verfolgt wie der Exprofi. „Man kann ruhig sagen, dass wir auf die Entwicklung der beiden stolz sind. Es ist auch eine Leistung und ein Anspruch unseres NLZ, Trainertalente hervorzubringen“, sagt der 54-Jährige und verweist darauf, dass auch Enochs und der aktuelle Co-Trainer Frihtjof Hansen aus der Nachwuchsabteilung hervorgegangen sind.
Und nun kommt das erste direkte Duell auf der großen Bühne. Als Thioune im Sommer 2020 vom HSV aus seinem Vertrag in Osnabrück herausgekauft wurde, musste er seinen „Co“ nicht fragen, ob er mitgeht. Polzin ist HSV-Fan seit Kindertagen, und als ihm sein Chef von dem Angebot erzählte, „da ist er regelrecht ausgeflippt vor Freude“, erinnert sich Thioune.
Im Mai 2021 trennten sich nach sieben gemeinsamen Jahren die Wege: Thioune wurde entlassen, seinen Assistenten wollten der HSV und der neue Trainer Tim Walter behalten. Und auch, als Thioune im Februar 2022 bei Fortuna Düsseldorf wieder einstieg, war eine Wiederaufnahme der Zusammenarbeit kein Thema.
Freunde sind sie geblieben, als Kollegen schätzen sie einander wie in ihren Osnabrücker Zeiten. „Natürlich ist das aus dieser Perspektive ein besonderes Spiel“, sagte Polzin, „so viel, wie wir miteinander erlebt haben.“ Das kann ihnen niemand nehmen und wird sie immer verbinden, aber an diesem Samstag ist das kein Thema. Beide wollen gewinnen, beide haben das letzte Spiel verloren – und beide wollen in die Bundesliga. So oder so: Heute wird ein neues Kapitel ihrer Trainergeschichte aufgeschlagen.