Plattdeutsches Theater  Wiekenspöler präsentieren haarige Zeiten in Lübbertsfehn

Gerd-D.Gauger
|
Von Gerd-D.Gauger
| 07.03.2025 11:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Gerhild Janssen und Maike Rosenboom gehen Gert Mimke Köllmann und Enno Peters an Leib und Haar. Foto: Gerd-D. Gauger
Gerhild Janssen und Maike Rosenboom gehen Gert Mimke Köllmann und Enno Peters an Leib und Haar. Foto: Gerd-D. Gauger
Artikel teilen:

Die Wiekenspöler persiflieren mit einem schwungvollen Dreiakter das turbulente Geschehen in einem Frisiersalon. Dabei laufen sie zur Höchstform auf.

Lübbertsfehn - Wir leben, wer will’s angesichts der täglich auf uns einstürmende Kalamitäten-Meldungen bestreiten, in haarigen Zeiten. Da tut es ganz gut, sich einmal für ein paar Stunden aus den Miseren dieser Welt zu lösen. Und kaum hat man den Entschluss gefasst, auf was stößt man dann? Auf „Haarige Tieden“. Glücklicherweise sind die von anderem Kummher, obwohl es in ihnen auch turbulent zugeht. Mit dem Unterschied, dass sie anders als auf den politischen Bühnen üblich, ein befreiendes Lachen auslösen.

Timon Gerdes brezelt Magret Köllmann auf, Jona Gerdes hört Wolfgang Petry unter der Haube. Fotos Gerd-D. Gauger
Timon Gerdes brezelt Magret Köllmann auf, Jona Gerdes hört Wolfgang Petry unter der Haube. Fotos Gerd-D. Gauger

Den Schubs hinein gibt die gescheite Autorin Winnie Abel, aus deren Fundus sich in diesem Frühjahr gleich vier ostfriesische Heimattheater bedienen. So auch die Wiekenspöler, die Spaßkompanie aus Lübbertsfehn. Premiere war am Donnerstag im Heim des KBV „Germania“, in dem Bühne und Parkett einander so nahe sind, dass eine besonders intime Atmosphäre entsteht, von der Schauspieler und Publikum profitieren. So war’s auch mal bei Onkel Harm in Moordorf oder bei Rockers in Pfalzdorf – klein und eng, das sind die echten Stimmungs-Stimulanten.

Wo die Veralberung von Klischees zum Kunstgriff wird

„Haarige Tieden“ also. Eine Posse, in der alles aus dem Ideenkorb gefischt wird, was es an Klischees gibt. Was kein Fehler ist, denn die Veralberung eines Klischees ist ein Kunstgriff, der meisterhaft sein kann. So wie in diesem flotten Stück, das gelegentlich in die Niederungen des Klamauks abgleitet, was jedoch gleich wieder durch echte Humoreske aufgefangen wird.

Die Szenerie: ein Frisiersalon. Und was haben wir da? Eine Friseurin, chic, aber deren geistige Gaben auf Dauerurlaub sind, ein Friseur, der sicht- und hörbar dem anderen Ufer zustrebt. Eine die ganze Bandbreite der menschlichen Gesellschaft repräsentierende Kundschaft. Ein das Finanzamt beschummelndes, also durchaus normales Inhaberpaar, bedrängt von einem pfennigfuchsenden Wirtschaftsprüfer. Solch ein Typenkaleidoskop muss man erst einmal besetzen. Die Lübbertsfehner können das! Und das Publikum weiß das. Schon vor der Premiere waren mehr als 1000 Karten für die 13 Vorstellungen geordert. Bis zum 29. März geht’s rund, wenige Restkarten gibt es noch.

Eine famose Besetzung, ein Schwelgen in Granatentypen

Die Besetzung ist ein einziges Schwelgen in Granatentypen. Schauen wir in die Kundschaft. Enno Peters, der Altmeister, mit seinem herrlichen Platt und seinen originellen Ironiepfeilen; die gesten- und stimmreiche Emma Dannemann als nicht mehr ganz taufrische Braut in spe; Magret Köllmann, großartig komisch mit ihrem ruinierten Make up; der sparsam auftretende, aber voll Witz sprühende Albert Saathoff. Und Jona Gerdes als Wolfgang-Petry-Verschnitt mischt unverdrossen als Running Gag Farbe in das Geschehen, ein echter Gewinn, während für Gerda Meyer als Vertreterin nur eine kleine, aber respektabel ausgefüllte Rolle bleibt. Gerhild Janssen und Timon Gerdes rufen als schlicht gestrickte Friseurin und als gezierter Coiffeur der zwiespältigen Art Lachsalven hervor: Das sind zwei mit strotzender schauspielerischer Potenz. Helfried Kuhlmann treibt mit der Figur des pedantischen Steuerprüfers die Handlung mit seiner ganz speziellen, beifallheischenden Spielweise voran.

Und dann ist da noch dieses Schummelpaar, das auf die unterschiedlichste Weise seine Mogeleien zu kaschieren sucht. Gert Mimke Köllmann und Maike Rosenboom, was für Duo. Sie, die Knallerfrau, die den Prüfer (ihren früheren Flirt) zu umgarnen versucht, er, der alle Register zieht, um aus der Bredouille herauszukommen – da stehen zwei auf den Brettern, die einer unbeschwerten Burleske Schmelz und Esprit verleihen. Und das ist ja auch der Sinn in diesen haarigen Zeiten.

Ähnliche Artikel