Aurich in der Pandemie Jugend zwischen Homeschooling, Isolation und Angst
Für Jugendliche begann die Pandemie 2020 mit „zwei Wochen schulfrei“. Doch daraus wurden mehr als zwei Jahre Ausnahmezustand. Drei junge Erwachsene berichten, wie sich das auf sie ausgewirkt hat.
Aurich - Fünf Jahre sind mittlerweile seit dem Beginn der Corona-Pandemie vergangen. Für viele Kinder und Jugendliche begann der Lockdown im März 2020 mit einer scheinbar guten Nachricht. „Zwei Wochen schulfrei“ hieß es. Doch aus zwei Wochen wurden schnell zwei Jahre. Schüler mussten von zu Hause aus am Unterricht teilnehmen oder ihre Klassen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt und nur jeweils jeden zweiten Tag unterrichtet. Viele dieser Jugendlichen sind heute junge Erwachsene und berichten unterschiedlich über den Einfluss der Pandemie auf ihr Leben. Wir haben mit drei jungen Erwachsenen über ihre Erfahrungen gesprochen.
Verlust des sozialen Anschlusses durch Isolation
„Erst habe ich mich natürlich über die zwei Wochen schulfrei gefreut“, sagt Fiona Oltersdorf. Sie war zu Beginn der Pandemie 14 Jahre alt und ist in Großefehn zur Schule gegangen. Heute macht sie eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement an der BBS Aurich. „Aber als dann immer mehr Einschränkungen kamen, war das ziemlich gruselig.“ Ihre eigene Mutter sei Risikopatientin gewesen. Auch bei regelkonformen Treffen mit Freunden habe sie deshalb oft aus Sorge nicht teilnehmen können. „Ich war zu Beginn der Pandemie ein sehr schüchternes Kind“, berichtet Oltersdorf. „Ich hatte ohnehin schon nicht viele Freunde. Durch die Isolation habe ich den sozialen Anschluss verloren.“ In der Zeit der Pandemie feierten viele ihrer Mitschüler ihren 16. Geburtstag. Doch sie sei meistens nicht dabei gewesen. „Damals hat sich das angefühlt, als würde ich etwas sehr Wichtiges verpassen“, sagt die 19-Jährige. Die Einsamkeit im echten Leben hat Oltersdorf durch Internetfreundschaften ausgeglichen. Einige davon dauern bis heute an. „Der echte persönliche Kontakt hat zwar trotzdem gefehlt“, sagt sie. „Aber durch die Internetfreunde habe ich mich ein bisschen weniger alleine gefühlt.“
Die Schule stellte in der Pandemie kein Problem für sie da, sagt sie. Den Schülern wurden über Schulserver Aufgaben zur Verfügung gestellt, die sie nach der Bearbeitung wieder einreichen sollten. „Das war für mich eigentlich optimal“, so Oltersdorf. „Meine mündlichen Noten waren wegen meiner Schüchternheit ohnehin nicht so gut. Da kam mir zugute, dass nur die schriftlichen Leistungen bewertet wurden.“ Sie habe sich jeden Tag nur höchstens zwei Stunden mit den Schulaufgaben beschäftigen müssen.
„Heute denke ich mir, dass das eigentlich gar nicht so schlimm war, dass ich auf die ganzen Geburtstage nicht gehen konnte“, sagt sie mit Rückblick auf die Pandemie. „Mit 15 war das aber schon ziemlich schlimm für mich. Ich habe erst nach der Pandemie wieder einen sozialen Anschluss gefunden, weil ich mich zu einem extrovertierteren Menschen entwickelt habe.“ Mittlerweile habe sie das Gefühl, die versäumten Erfahrungen der Pandemie gut nachholen zu können. „Seit ich wieder im Leben angekommen bin, schätze ich die Zeit mit meinen Freunden umso mehr“, sagt sie.
Viele Versäumnisse durch Corona-Maßnahmen
„Dass meine damalige Klasse und ich unseren Abschluss nicht feiern konnten, war das Schlimmste für mich“, sagt Imke Hartmann. Sie hat während der Corona-Pandemie ihren Realschulabschluss gemacht. Heute wird sie an der BBS Aurich zur Steuerfachangestellten ausgebildet. „Wir standen in der Pausenhalle, haben unser Zeugnis bekommen und das war es eigentlich auch schon“, berichtet sie. Es habe durch die plötzlichen Einschränkungen weder eine Abschlussfeier, noch eine richtige Mottowoche, noch eine letzte Klassenfahrt gegeben. „Ich mochte meine Klasse sehr“, sagt die 20-Jährige. Dass kein richtiger gemeinsamer Abschluss zustande kam, habe sich wie ein großes Versäumnis angefühlt. Auch ihren 16. Geburtstag im Dezember 2020 konnte sie nicht feiern, wie sie es sich vorgestellt hat, so Hartmann. „Ich wollte das richtig groß mit all meinen Freunden machen“, sagt sie. Der 16. Geburtstag hätte etwas Besonderes werden sollen. Kontakt zu Freunden habe sie während der Pandemie nur über das Internet gehabt. „Sonst habe ich eigentlich fünf Monate lang fast niemanden außer meiner Familie gesehen.“ Doch sie hat auch Positives aus der Corona-Zeit mitgenommen. „Es war fast wie eine Art Pause für mich“, sagt sie. Sie habe mit Sport angefangen. Ein Hobby, das sie bis heute verfolgt.
Das Lernen während der Pandemie sei zwar keine allzu große Herausforderung gewesen. Aber im Nachhinein – vor allem, als sie sich entschieden hat, Abitur zu machen – sei ihr bewusst geworden, dass ihr viel Schulstoff fehlte. Wegen der Pandemie sind einige Inhalte aus den Lehrplänen gestrichen worden. Die Aufgaben, die ihre Lehrkräfte während der Pandemie an die Schüler gegeben hatten, seien viel zu leicht gewesen. „Damit habe ich mich einmal in der Woche vier Stunden lang beschäftigt und dann war ich fertig.“ Außerdem habe sie nach der Pandemie Probleme gehabt, vor vielen Menschen zu sprechen. „Ich wurde auf einmal nervös und fing an, zu stottern. Vor der Pandemie hatte ich mit Präsentationen in der Schule überhaupt kein Problem.“
Ständige Sorgen mit andauernden Folgen
Minea Wasner erinnert sich heute nur ungern an die Pandemie zurück. „Mein erster Eindruck war direkt: Krise“, sagt die 19-Jährige. Sie macht jetzt eine Ausbildung zur Pharmazeutisch-Technischen Assistentin (PTA) an der BBS Aurich. Sie habe von Anfang an Angst davor gehabt, dass die globale Situation eskalieren könnte. In ihrer Familie gebe es viele Menschen, die zur damaligen Zeit als Risikopatienten eingestuft wurden. „Wir konnten die Situation gar nicht einschätzen. Man war ständig besorgt“, sagt sie. Durch die Isolation und Unsicherheit habe sie Panikattacken und depressive Phasen entwickelt, deren Nachwirkungen sie heute noch belasten. „Mir hat total die Struktur gefehlt. Und dass ich meine Freunde nicht sehen konnte, war auch total schlimm für mich.“ Auch ihren Großeltern stehe sie sehr nahe, doch durch deren Status als Risikopatienten habe sie sie nur selten gesehen. „Bis heute habe ich noch Angst vor Infektionen oder davor, dass ich jemanden anstecken könnte“, berichtet sie. Nur durch Spaziergänge oder Telefonate mit Freunden habe sie soziale Kontakte pflegen können. „Was wirklich Besonderes habe ich zwar nicht verpasst“, so Wasner. Sie hat 2024 ihr Abitur gemacht – ohne jegliche Einschränkungen. „Aber mein Alltag ist verloren gegangen. Das hat mich sehr belastet.“
Auch mit der neuen Art des Unterrichts sei sie nicht zufrieden gewesen. „Mir fallen so spontan nur zwei Lehrkräfte ein, die uns genügend Aufgaben und Material zur Verfügung gestellt haben“, berichtet sie. „In anderen Fächern haben Lehrer sogar darum gebeten, dass wir bitte keine Fragen stellen sollen.“ Dadurch habe das Lernen in dieser Zeit kaum einen Mehrwert gehabt.