Schortens Welpe wie Müll entsorgt: Hund Milou saß tagelang im Altkleidercontainer fest
Welpe Milou wurde wohl in einen Altkleidercontainer im Landkreis Friesland geschmissen - und saß dort mindestens zwei Tage und Nächte fest. Familie Sipahi hörte den kleinen Hund – und rettete ihm vermutlich das Leben.
Der kleine Malteserwelpe Milou hat ein großes Abenteuer hinter sich: Unbekannte haben ihn im Februar 2025 in einen Altkleidercontainer in Sillenstede (Stadt Schortens) gesteckt – aus dem er allein nicht wieder herauskommen konnte und in dem er sehr wahrscheinlich gestorben wäre.
Der auf fünf Monate geschätzte Hund wurde allerdings entdeckt: Die 16 Jahre alte Senay Sipahi fand ihn und befreite den kleinen Vierbeiner mithilfe der Feuerwehr. Schon zwei Tage lang hatte die junge Frau da gemeinsam mit ihrer Mutter Tanja Sipahi nach dem Ursprung des Fiepens und Jaulens gesucht, das immer wieder zu hören gewesen sein soll.
Am frühen Freitagmorgen vernimmt Tanja Sipahi erstmals eine Art Winseln und macht sich auf die Suche nach der Quelle des Geräuschs. Ihr sei schnell klar geworden, dass es sich dabei um einen jungen Hund handelt, sagt die langjährige Hundebesitzerin. Kopfschüttelnd ergänzt sie: „Er wurde vermutlich Donnerstagnacht reingeschmissen.“
An jenem Wochenende herrschen Minusgrade. „Es war so kalt.“ Weiträumig suchen sie immer wieder den Bereich vor ihrem Wohnhaus ab, zu dem auch ein Platz mit Altkleider- und Altglascontainern gehört. Diese Anstrengungen bleiben zunächst vergebens. Wann immer die 49-Jährige versucht, sich dem Geräusch wirklich zu nähern, verstummt es: „Kein Rascheln, kein Geräusch. Kein Fiepen oder Jaulen mehr.“
Am Sonntagmorgen schließlich ist das Hundeweinen für Senay Sipahi ganz deutlich zu hören. „Ich hatte gerade mein Fenster aufgemacht, da hat sie richtig laut gefiept.“ Die Jugendliche hat diesmal Glück. Der Hund verstummt nicht – und das Mädchen steht schließlich direkt vor einem der beiden Altkleidercontainer in unmittelbarer Nähe ihres Elternhauses.
„Da hab ich dann auch das Rascheln auf Tüten gehört.“ Sie holt sich einen Hocker und beginnt, den Entsorgungsbehälter genau zu untersuchen und zu leeren, also bestmöglich die Plastiktüten mit den Klamotten drin wieder aus dem Container zu ziehen. Senay Sipahi schafft Platz – und kann bald deutlich einen Hundegeruch vernehmen. Sie gräbt weiter. „Ich bin schon mit dem Kopf so weit wie möglich reingekommen. Da hab ich sie gesehen.“
Der Hund kauert verängstigt in einer Ecke des Containers. Trotz vielfacher Versuche kommt er nicht zu seiner Finderin: Er reagiert nicht auf das Locken mit Worten oder gar Futter. Eine Nachbarin alarmiert schließlich die Feuerwehr. Ingo Carstens, Jugendwart der Feuerwehr Sillenstede, ist an diesem Sonntag Gruppenführer. „Ich bin jetzt seit über 30 Jahren dabei. So einen Einsatz hatten wir noch nicht – zum Glück noch nicht“, fügt er hinzu.
Die Einsatzkräfte brechen schließlich die riesige Metallbox auf, um an den winselnden Winzling zu kommen. Senay Sipahi kann den Vierbeiner endlich in ihre Arme schließen. In ihr Herz hat die Familie ihn da längst geschlossen.
Dann der Schock: Der Welpe aus dem Container soll nach seiner Rettung ins Tierheim. Die Feuerwehr verständigt den zuständigen Mitarbeiter beim Bauamt der Stadt Schortens, wo im Normalfall ein Platz im Zwinger auf Fundhunde wartet. Der Stadtangestellte soll das Tier abholen und am Tag darauf dem Tierheim übergeben – ein normaler Ablauf.
Das aber kommt für Familie Sipahi nicht infrage: „Wir haben uns ja solche Sorgen gemacht – wir wollten sie dann auch nicht mehr hergeben“, sagt Tanja Sipahi. Aus der Gefangenschaft im Altkleidercontainer direkt in einen Zwinger – das will die Tierfreundin keinesfalls zulassen. Sie bietet an, den Welpen aufzunehmen: „So ein kleiner Zwerg. Wenn man einen hat, geht auch ein zweiter.“
So bekommt der verängstigte Welpe aus dem Altkleidercontainer mit den Sipahis eine neue Familie – und mit Familienhund Buma sogar einen großen Bruder. „Sie sucht immer seine Nähe“, erzählt Tanja Sipahi lachend. Ein Besuch beim Tierarzt tags darauf bringt Klarheit: Die plüschige kleine Milou ist offenbar ein Rassehund. Aus einer seriösen deutschen Zucht stammt der Malteser nicht – denn Milou trägt keinen Chip unter der Haut.
Darüber hinaus sei bei der Untersuchung ein kleiner Herzfehler festgestellt worden – der sich aber vorerst nicht auswirke. Alles in allem hat das Hundekind die Gefangenschaft im Altkleidercontainer körperlich gut überstanden, habe die Veterinärin festgestellt.
Möglicherweise ist Milou ein Opfer des illegalen Welpenhandels aus dem Ausland. Für Tanja Sipahi liegt die Vermutung durchaus nahe: Der ungefähre Zeitpunkt, an dem der Welpe von seiner Mutter getrennt werden konnte, lag demnach um Weihnachten 2024. Das Verhalten von Milou gibt der Sillensteder Familie Aufschluss darüber, dass sie zuletzt kein hundeerfahrenes Zuhause hatte, wenn sie auch nicht sonderlich abgemagert war.
„Sie ist sehr scheu“, berichtet Tanja Sipahi. Das bessere sich jetzt zunehmend. Ersthund Buma gibt der kleinen Hündin Sicherheit. Die sei zunächst nicht stubenrein gewesen. „Sie kannte keine Spaziergänge. Sie wusste gar nicht, wie man an der Leine läuft.“ Dank ihrer Tochter lernt sie das jetzt alles. „Die Hunde suchen sich ihre Menschen aus“, sagt sie mit Buma zu ihren Füßen. Milou sucht ständig die Nähe zu ihrer 16-jährigen Finderin. Die verrät, dass der Welpe auch nachts an ihr hängt: „Sie hat ein Körbchen – aber mein Bett ist besser.“
Wie das Hundekind überhaupt in den Container kam, lässt sich wohl nur als eine Art von „Entsorgung“ ohne Rücksicht auf Verluste erklären. „Das ist wie Müll weggeschmissen. Dabei gibt es Tausende von Möglichkeiten, einen Welpen abzugeben“, sagt Tanja Sipahi. Sie hat kein Verständnis für Menschen, die sich so eines Tieres entledigen: „Wenn man einen Hund nicht mehr will, kann man den vermitteln.“ Feuerwehrmann Ingo Carstens sieht das ähnlich: „In der heutigen Zeit hat man immer eine Möglichkeit, einen Hund loszuwerden.“
In einem kleinen Dorf wie Sillenstede kenne man die Hundebesitzer samt ihrer Vierbeiner, von denen es viele gibt. Dass Milou aus einem der hiesigen Haushalte kam, halten beide angesichts dessen für unwahrscheinlich.
Die Tierrechtsorganisation PETA hat eine Belohnung in Höhe von 500 Euro für Hinweise ausgesetzt, die Aufschluss über Milous Herkunft geben können. Wer etwas weiß, wird gebeten, sich telefonisch unter 0711/8605910 bei der Tierrechtsorganisation zu melden, gibt die in einer Mitteilung an die Presse bekannt.
Tipps könnten auch anonym erfolgen. „Bitte helfen Sie mit, diese traurige Tat aufzuklären. Ohne die aufmerksame Finderin hätte der Welpe nicht überlebt“, wird Björn Thun, Fachreferent bei PETA, in dem Schreiben zitiert. Der findet deutliche Worte: „Der herzlose Halter hätte genug Verantwortungsbewusstsein zeigen und den Hund im Tierheim abgeben müssen. Ihn einfach in einem Altkleidercontainer zurückzulassen und damit seinen Tod in Kauf zu nehmen ist tierschutzwidrig und muss bestraft werden.“
Maltesermini Milou hat sich mittlerweile bestens an ihr neues Leben gewöhnt, wenn sie auch Fremden gegenüber noch ziemlich reserviert scheint. Da sie bislang von ihrem früheren Halter nicht vermisst wurde, darf sie bald auch offiziell von Familie Sipahi adoptiert werden und dauerhaft in Sillenstede bleiben.
Dort hat der kleine Vierbeiner aufgrund der spektakulären Rettungsaktion ohnehin schon große Bekanntheit erlangt: Spaziergänger erkundigen sich bei den Findern und Nachbarn nach dem Wohlbefinden des kleinen Hundes aus dem Container und Autofahrer winken oder hupen im Vorbeifahren.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Ostfriesen-Zeitung.