Osnabrück Die Beneidete: Mit Annalena Baerbock geht die politische Hassliebe des Landes
Annalena Baerbock will keine herausgehobene Rolle bei den Grünen mehr spielen. Damit verlässt eine politische Persönlichkeit die erste Reihe, die krassere Emotionen ausgelöst hat als alle anderen. Weil sich im Amt nicht nur sie selbst verändert hat. Sondern auch das ganze Land.
Einer der womöglich letzten großen politischen Auftritte von Annalena Baerbock, zumindest einer der letzten auf absehbare Zeit, zeigte die grüne Außenministerin noch einmal auf der ausdrücklichen Nicht-Höhe ihres Schaffens, eher auf der unteren Mitte.
Anfang Februar war das. Der Bundestag stritt gerade in einer historischen Debatte über Friedrich Merz’ Plan einer Abstimmung notfalls gemeinsam mit der AfD, und Baerbock, eine der Rednerinnen, wirkte müde. Sie klebte über weite Strecken an ihrem Manuskript, verhaspelte sich trotzdem mehrfach, und an knackigen Zitaten, die hängen blieben, wollte ihr nicht auch nur ein einziges einfallen.
Ein Auftritt wie der ganze vergangene Grünen-Wahlkampf, nicht einmal richtig mies, eher irgendwie, nun ja, fast egal.
An jenem Tag Anfang Februar im Bundestag hätte man schon ahnen können, was jetzt, zwei Monate später, offiziell geworden ist: Ausgerechnet über Annalena Baerbock, für einige Jahre eine Art Personifikation des politischen Zeitgeistes in Deutschland, ist die Zeit nun hinweggegangen. Dass sie ab sofort keine herausgehobenen Ämter bei den Grünen mehr anstrebt, ist sozusagen der sichtbare Abschluss einer Zeitgeistwende.
Denn alles, was Baerbock verkörperte, war ja bis vor ein paar Jahren noch breitester Konsens: Eine junge, erfolgreiche Frau, eine Mutter mit Spitzenjob, die ihren Landsleuten den Klimaschutz näher bringen will und den Menschen in aller Welt die Universalität der Menschenrechte – irgendwelche Einwände?
Dass sie dabei auch noch spektakuläre Fotos von sich vor dem Eiffelturm (im roten Kleid) oder dem Kapitol in Washington (blauer Wollmantel) produzierte, schien den als stoffelig verschrieenen Deutschen sogar einen Hauch von Eleganz zu verleihen: alles super also. Würde man meinen.
Doch wie sich der Stil der Grünen zu wandeln begann, so veränderte sich auch der öffentliche Blick auf Baerbock. Was eben noch smart und modern war, kam nun übergriffig und neunmalklug rüber. Was gerade noch als leuchtendes Vorbild taugte, geriet in den Ruch des Elitären oder wurde gleich als Hochstapelei verdächtigt: Kann eine so junge Frau, die auch noch Fotos vorm Eiffelturm macht, wirklich eine gute Diplomatin sein?
Alte und neue Patzer wie ihr frisierter Lebenslauf (O-Ton Baerbock: „Das war Mist“), Hochmutsanfälle („Ich komme eher aus dem Völkerrecht“), diplomatische Stockfehler („Wir führen einen Krieg gegen Russland“) und das nebulöse Programm einer „feministischen Außenpolitik“ verschärften den Eindruck, dass diese ganze Figur Annalena Baerbock zu gut sei, um wahr zu sein. Der Neid, die verlässlichste deutsche Regung, tat sein Übriges.
Und so dürfte Annalena Baerbock, die sogar einmal Kanzlerin werden wollte und danach als Außenministerin heftigste Krisen von Ukraine bis Taliban-Umsturz erstaunlich umsichtig managte, vor allem als politische Hassliebe der Deutschen in die Geschichte eingehen.
Keiner aus der aktuellen Politikerriege, nicht einmal Robert Habeck, löst derart heftige Emotionen bei Freund und Feind aus wie sie. Die Art und Weise, wie heute über Politik und Politiker gestritten wird, hat sich im Laufe ihrer politischen Karriere verändert und verschärft. Und es ist geradezu eine Laune des Schicksals, dass ausgerechnet diese Annalena Baerbock diesen Wandel durch ihr schlichtes So-Sein auch noch maßgeblich vorangetrieben hat.
Sie, die immer ein wenig schwächer war, als ihre Fans und vielleicht auch sie selbst lange glaubten. Und viel stärker, als es ihre Hasser ertragen konnten. Wer weiß, vielleicht kehrt sie ja irgendwann noch einmal zurück. Also, wenn die Zeit gekommen ist.