London  Wiederaufstieg Großbritanniens: Führt Keir Starmer Europa zum Frieden?

Susanne Ebner
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Von Susanne Ebner
| 03.03.2025 18:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Keine zwei Tage nach dem Eklat im Weißen Haus hatte der britische Premierminister Keir Starmer zu einem Ukraine-Gipfel nach London eingeladen. Mit ihm auf dem Bild zu sehen: Der französische Präsident Macron und der ukrainische Präsident Selenskyj. Foto: IMAGO/Christophe Ena
Keine zwei Tage nach dem Eklat im Weißen Haus hatte der britische Premierminister Keir Starmer zu einem Ukraine-Gipfel nach London eingeladen. Mit ihm auf dem Bild zu sehen: Der französische Präsident Macron und der ukrainische Präsident Selenskyj. Foto: IMAGO/Christophe Ena
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Keir Starmer rückt Großbritannien nach dem Brexit zurück ins europäische Zentrum. Seine Nähe zu Donald Trump stärkt seinen politischen Einfluss. Kann er Europa führen?

Keir Starmer inszenierte sich als einflussreicher Akteur auf der Weltbühne, als er am Sonntag nach dem Ukraine-Gipfel im prunkvollen Lancaster House in London auftrat. Entschlossen forderte er Europa auf, mehr Verantwortung zur Beendigung des Krieges in der Ukraine zu übernehmen, und rief zur Bildung einer „Koalition der Willigen“ auf. Jetzt sei die Zeit zu handeln, nicht für weitere Debatten, betonte er – und drängte europäische Staaten, sich ebenfalls zur Entsendung von Friedenstruppen zu verpflichten. 

Er wählte diese Worte inmitten einer Phase erheblicher transatlantischer Spannungen. Der diplomatische Eklat zwischen US-Präsident Donald Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus erschütterte die Beziehungen – und katapultierte Starmer unerwartet in die Rolle des Vermittlers.

Noch wenige Tage zuvor hatte er in Washington ein harmonisches Treffen mit Trump, nun versucht er, diese gewachsenen Beziehungen zu nutzen, um die entstandenen Risse zu kitten.

Für Starmer ist es ein bemerkenswerter Aufstieg – von einer politischen Randfigur zum zentralen Akteur in Europas Sicherheitsfragen, Seite an Seite mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Nach dem Brexit rückt Großbritannien damit wieder in eine Führungsrolle auf der europäischen Bühne.

Jake Benford, Politologe der Bertelsmann Stiftung, verwies in diesem Zusammenhang auf eine Frage, die einst der US-Außenminister Henry Kissinger formulierte: „Wen rufe ich an, wenn ich Europa sprechen will?“ Der Premier habe sich in dieser Situation zum Ansprechpartner gemacht. 

Ein Vorteil für ihn: Die Labour-Partei hatte schon vor der Wahl gezielt gute Beziehungen zu Trump aufgebaut. Und: „Die Briten haben ihren besten Strategen, Peter Mandelson, als Botschafter nach Washington geschickt“, so Benford. Auch Vorgängerin Karen Pierce habe exzellente Arbeit geleistet, um frühzeitig enge Kontakte mit dem Weißen Haus und der potenziellen Trump-Regierung zu knüpfen. 

Starmers Engagement für die Ukraine findet in Großbritannien breite Unterstützung – Politik und Medien stehen dem Kreml seit Jahren skeptisch gegenüber. Die Giftanschläge auf die Ex-Agenten Alexander Litwinenko und Sergej Skripal auf britischem Boden, mutmaßlich durch den Kreml verübt, haben Londons Haltung geprägt.

Großbritannien warnte früh vor der russischen Bedrohung, bildete nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 als eine der ersten Nationen ukrainische Soldaten aus und lieferte Waffen. Die Solidarität mit der Ukraine ist parteiübergreifend groß, betonte Sophie Stowers von der Denkfabrik UK in A Changing Europe. Mit einer Einschränkung, wie sie sagte: Die Bevölkerung ziehe es vor, Waffen zu liefern, statt eigene Soldaten zu entsenden. 

Die breite Unterstützung für die Ukraine spiegelt die langjährige sicherheitspolitische Ausrichtung Großbritanniens wider. Das Vereinigte Königreich habe sich stets als „euro-atlantische Macht“ verstanden – auch nach dem Brexit, erklärte Richard Whitman von der University of Kent im Gespräch mit dieser Zeitung. Doch mit Starmers offensiver Ukraine-Politik rückt die Insel politisch erstmals seit dem schmerzhaften EU-Austritt wieder ins Zentrum der europäischen Bühne. 

Starmers Rolle als Vermittler zwischen den USA und Europa stärkt seine Position in Brüssel, wo der britische Einfluss gerade im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik vermisst wird, sagte Stowers. Dabei hat sich Londons Ton deutlich gewandelt. Nach dem Brexit war das Verhältnis von Spannungen geprägt: Handelskonflikte, das Nordirland-Protokoll und tiefes Misstrauen dominierten. Die Briten galten lange Zeit als unzuverlässiger Partner. Nun jedoch verfolgt Großbritannien einen pragmatischeren und strategischen Ansatz in der europäischen Diplomatie.

Doch was können die Briten militärisch einbringen? Das Land verfügt über eine starke Marine, eine leistungsfähige Luftwaffe sowie eine strategische Nuklearabschreckung, die ihren Beitrag zur Nato ausmachen. „Im europäischen Vergleich ist Großbritannien militärisch recht gut aufgestellt“, betonte Benford.

Die größte Herausforderung liege jedoch weniger in den verfügbaren militärischen Mitteln als in der Frage, wie diese koordiniert werden, falls die USA ihre Führungsrolle nicht mehr in gewohntem Maß wahrnehmen, sagte Whitman. 

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