Hamburg  Liebesbriefe vom Lehrer: „Er hat mich über Jahre kontaktiert“

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 03.03.2025 12:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Eine Schülerin bekommt Liebesbriefe von ihrem Lehrer. Der Journalistin und Buchautorin Britta Rotsch ist genau das passiert. Foto: Unsplash
Eine Schülerin bekommt Liebesbriefe von ihrem Lehrer. Der Journalistin und Buchautorin Britta Rotsch ist genau das passiert. Foto: Unsplash
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Britta Rotsch ist 18 Jahre alt, als ihr fast 60-jähriger Lehrer beginnt, ihr private Nachrichten zu schreiben. Jahrelang geht das so. Ihre Erfahrungen hat die Journalistin in einem Buch festgehalten. Im Interview erzählt sie, warum es in der Schule so leicht zu Machtmissbrauch kommen kann.

In der ersten Mail, die Britta Rotsch von ihrem Lehrer erhalten hat, steht: „Du bist wunderschön. LG“ Angehängt ist eine Porträt-Aufnahme, die ihr Deutschlehrer von ihr und ihren Mitschülern im Unterricht angefertigt hat.

Es folgen viele weitere E-Mails, SMS und Anrufe. Der Mann, der verheiratet ist, gesteht der Schülerin seine Liebe. Er will sie außerhalb der Schule treffen, schmeichelt ihr immer wieder. Die Zwölftklässlerin ist verunsichert, fühlt sich von ihrem Lehrer aber auch gesehen, kann sich mit ihm über Themen austauschen wie mit sonst niemandem.

Heute ist Britta Rotsch 37 Jahre alt und weiß, dass da ein emotionaler Machtmissbrauch stattgefunden hat. Und sie sagt, dass ihre Geschichte kein Einzelfall ist. In dem Buch „Wenn Lehrer Grenzen überschreiten“ legt die Journalistin dar, wodurch gerade in der Schule Missbrauch begünstigt werden kann. Zudem lässt sie auch andere Betroffene zu Wort kommen. Im Interview erzählt sie, warum der Missbrauch in der Schule aus ihrer Sicht System hat.

Frage: Frau Rotsch, zum Abitur haben sie von ihrem Deutschlehrer einen Brief bekommen. Darin stand unter anderem “Und ich hoffe, dass du mir irgendwann glauben kannst, dass ich dich liebe…” Das war nicht die einzige Nachricht dieser Art von ihm, oder?

Antwort: Es gab über 100 E-Mails, SMS, manchmal Anrufe und eben Briefe. Er hat mir über zwei Jahre während der Schulzeit geschrieben, aber auch danach ging es weiter. Über Jahre hat er mich kontaktiert, mich gefragt wie es mir geht, ob wir uns treffen können und mir Lebenstipps gegeben.

Frage: Wie lange haben Sie auf diese Nachrichten geantwortet?

Antwort: Am Anfang regelmäßig, wenn auch immer wieder mit einigen Tagen Pause dazwischen. Mit der Zeit wurden meine Antworten aber immer kürzer, irgendwann blieb ich stumm. Jemanden aus meinem Leben zu verbannen, der mich „liebt“ und sich um mich sorgt – dieser Gedanke war lange schwer zu ertragen für mich.

Frage: Mittlerweile können Sie das als klaren Machtmissbrauch benennen. Das hat aber lange gedauert. Gab es einen Schlüsselmoment, an dem Sie gemerkt haben, was da mit Ihnen passiert?

Antwort: Dass ein emotionaler Missbrauch stattgefunden hat, war es für mich schwer zu erkennen, denn ich wurde von vornherein manipuliert. Lange habe ich das gegenüber anderen als lustige Geschichte abgetan. Irgendwann hat mir mein Lehrer geschrieben, dass er den Ponyhof besucht hat, auf dem ich als Kind geritten bin. Da hat sich etwas in mir verändert. Ich habe es als extrem empfunden, dass er derart in meine Vergangenheit eindringt. Da war ich aber schon Anfang 30. In der Recherche für mein Buch habe ich dann gemerkt, dass ich eine von vielen bin.

Frage: Sie haben mit zahlreichen Frauen gesprochen, die ebenfalls Machtmissbrauch in der Schule erlebt und deren Geschichten Sie anonymisiert in Ihrem Buch veröffentlicht haben. Haben Sie Parallelen zu ihren eigenen Erfahrungen festgestellt? 

Antwort: Ja, die Vorgänge sind immer gleich. Es fängt mit Grooming (gezielte Kontaktaufnahme Erwachsener mit Minderjährigen in Missbrauchsabsicht, Anm. d. Red.) durch die Lehrkraft an. Die Täter suchen sich bewusst Menschen aus, die vulnerabel sind, keine Grenzen setzen können und nicht das größte Selbstbewusstsein haben. Wer gut sexuell aufgeklärt wurde, hat ein geringeres Risiko, in so etwas hereingezogen zu werden und auch der familiäre Hintergrund und die Bindung zu den eigenen Eltern ist sehr wichtig.

Frage: Wie war die Beziehung zu Ihren Eltern?

Antwort: Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, war die einzige, die Abitur gemacht und studiert hat. Meine Eltern haben meine Interessen nicht geteilt. Mein Lehrer hingegen schon. Er hatte Psychologie und Germanistik studiert, ich konnte mich mit ihm über Literatur austauschen. Er wurde schnell eine Art Mentor für mich.

Frage: Fördert ein Lehrer die individuellen Interessen und Stärken eines Schülers, ist das ja erstmal positiv zu bewerten. Wann, würden Sie sagen, werden Grenzen überschritten?

Antwort: Handynummern werden ja mittlerweile schnell ausgetauscht, es gibt Klassenchats und so weiter. Wenn ein Lehrer aber Nachrichten am Abend oder mitten in der Nacht schreibt und versucht eine Verbindung jenseits vom schulischen Kontext aufzubauen, dann sollte man stutzig werden. Viele berichten mir auch, dass der Lehrer plötzlich in derselben Bar oder im Schwimmbad aufgetaucht ist. Das sind auf jeden Fall Warnzeichen. Sowas soll und darf nicht sein. 

Frage: Welche Faktoren gibt es noch, die Machtmissbrauch im Kontext Schule begünstigen? 

Antwort: Das Thema wird immer noch tabuisiert. Nach dem Motto: Was nicht sein darf, gibt es auch nicht. Gelder für Studien werden gestrichen, was das System weiter begünstigt. Außerdem ist das Schulsystem in Deutschland so individuell, jedes Bundesland hat seine eigenen Vorgaben und niemand hat einen Überblick. Schulen haben den Auftrag, die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu schützen, aber das passiert meines Erachtens zu wenig. Fortbildungen zum Thema gibt es nur wenige, sie werden nicht bezahlt oder es wird Lehrkräften nicht die Zeit dafür eingeräumt. Auch angehende Lehrerinnen und Lehrer werden in sexueller Bildung nicht ausreichend geschult. Es gibt an vielen Schulen zwar Schutzkonzepte, aber Lehrkräfte werden nicht richtig gebrieft und auf den Ernstfall vorbereitet. Und auch der Lehrermangel spielt eine Rolle.

Frage: Inwiefern?

Antwort: Vor allem an größeren Schulen gibt es zahlreiche Zeitverträge, man kennt sich untereinander teilweise nicht mal mehr und es herrscht wenig Solidarität. In Schulen mit Personalmangel fehlt es zudem oft an ausreichender Aufsicht und Kontrolle, was Missbrauch erleichtern kann.

Frage: In Ihrem Fall hat sich nach der Veröffentlichung Ihres Buches eine frühere Lehrerin bei Ihnen gemeldet, die das grenzüberschreitende Verhalten ihres Kollegen sehr wohl bemerkt hatte.

Antwort: Ihr war das unangenehm. Mein Lehrer war schon so alt, ich eine junge Frau. Sie wusste nicht, wie sie mich hätte darauf ansprechen sollen.

Frage: Im Zuge Ihrer Recherchen haben Sie Ihren Lehrer nochmal kontaktiert, es gab aber keine Antwort. Hätten Sie sich eine Entschuldigung gewünscht?

Antwort: Ich habe ihm einige Fragen gestellt und mich hätte seine Sicht wirklich interessiert. Es hat mich anfangs geärgert, dass er nicht geantwortet hat. Für mich war das dann aber der Beweis, dass er sich ertappt fühlt. Eine ernsthafte Entschuldigung für sein Verhalten hätte ich von ihm wahrscheinlich nie bekommen. Ich bin in meinem Verarbeitungsprozess mittlerweile auch so weit, dass ich keine mehr brauche. 

Frage: Wie verhält sich eine Lehrkraft richtig, wenn sie einen konkreten Verdacht des Machtmissbrauchs durch einen Kollegen hat, sich ihr beispielsweise ein Schüler anvertraut? 

Antwort: Das wichtigste ist es, zuzuhören und der Schülerin oder dem Schüler Glauben zu schenken. Es muss ein Vertrauensverhältnis herrschen. Dann sollte die Gegenseite damit konfrontiert werden und es sollten die Schritte, die im Schutzkonzept festgehalten sind, befolgt werden. Je nach Größe des Falls müssen dann auch höhere Institutionen eingeschaltet werden.

Frage: Es melden sich wahrscheinlich immer wieder Betroffene bei Ihnen. Was raten Sie diesen? 

Antwort: Ich bekomme fast wöchentlich Nachrichten. Ausschließlich von Frauen. Mir ist es wichtig jedes Mal darauf hinzuweisen, dass da ein Machtmissbrauch stattgefunden hat. Durch eine Person, der man vertraut hat. Sie tragen daran keine Schuld.

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