Magdeburg TikTok-Star der AfD: Was kann Ulrich Siegmund, woran Scholz, Habeck und Merz scheitern?
Auf dem Account von Ulrich Siegmund steht ein Thema besonders im Fokus: Migration. Eine halbe Million Menschen scheinen das regelrecht zu feiern. Sie folgen dem Politiker auf TikTok. Was fesselt so viele Menschen an dem „Posterboy“ der AfD?
„Kennt Ihr das Gefühl, Ihr bekommt gute Post und könnt kaum erwarten sie aufzumachen? So ging es mir hier mit diesem Umschlag. Ich habe nämlich einen Abschiebekalender geschenkt bekommen“, sagt Ulrich Siegmund, Fraktionsvorsitzender der AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt, in seinem Video auf TikTok. „Weißt Du, wie Du viel mehr Geld im Portmonee haben könntest? Indem wir uns auf unsere eigenen Leute und unser eigenes Land konzentrieren würden“, sagt er in einem anderen.
Für den Politiker ist „rechts genauso normal, wie konservativ. Früher war das selbstverständlich“. Das sagt er, als wir ihn vor ein paar Tagen im Landtag in Magdeburg treffen. Seine Ansichten scheinen viele Menschen zu teilen.
Denn Ulrich Siegmund ist ein TikTok-Star. Der „Posterboy“ der AfD, ein „Reichweitenkrösus“, wie Zeit und MDR ihn nannten. Beinahe eine halbe Million Follower schauen sich die Inhalte des Politikers auf TikTok an. Seine Videos haben zehntausende Likes, viele davon sogar hunderttausende. Die Inhalte des gelernten Groß- und Einzelhandelskaufmanns werden teilweise Millionen Mal angeschaut. „Ich lade ein Video hoch und nach fünf Stunden sehe ich es als Statusmeldung bei 20 Leuten, denen ich es nicht mal geschickt habe“, sagt er.
Man braucht nicht lange, um zu verstehen, was die Medien meinen. Ulrich Siegmund ist groß, er trägt (etwas) Bart und ein breites Lächeln. Die Haare des 34-Jährigen sind gemacht und das Outfit? Beige Hose, kariertes Hemd, darüber ein blauer Strickpulli von Tommy Hilfiger.
Doch der AfD-Politiker singt nicht auf TikTok, er tanzt auch nicht. Auf seinem Account „Mut zur Wahrheit“ sagt er ungefiltert, was er denkt: „Ich glaube, dass ich dadurch vielen aus dem Herzen spreche, die es aus unterschiedlichen Gründen vielleicht nicht selbst aussprechen können.“ Dieses Land sei nicht besonders tolerant, was Meinungen angeht, die nicht dem Mainstream entsprächen, meint der frühere BWL-Student.
Und das scheint auch schon sein ganzes Geheimnis. Siegmund lasse sich nicht umerziehen, sagt er. Er werde nicht gendern, weiter „Indianer“ sagen und lasse sich von „dieser Sprachpolizei“ nicht einschränken. „Ich verstelle mich nicht, bleibe menschlich und versuche politische Zustände in diesem Land so transparent und einfach wie möglich zu beschreiben”, erklärt er seinen Stil.
Und das tut Siegmund, indem er in seinen Videos einfache und klare Sprache benutzt. Er spricht seine Zuschauer direkt an, redet von „Grünen auf dem Lastenfahrrad“, Klimaklebern und äußert sich klar zu den Anschlägen in Magdeburg und München. Siegmunds Themen sind kontrovers – die einen verurteilen ihn dafür, die anderen feiern ihn.
Besonders häufig geht es in den Videos des 34-Jährigen um ein Thema: Migration. „Ich bin der letzte Deutsche in diesem Land. Dieses Gefühl habe ich, wenn ich mit irgendeiner Regionalbahn unterwegs bin oder in einer großen deutschen Stadt auf die Straße gehe“, sagt der Politiker in einem seiner Videos - 24.000 Likes.
Das Geheimtreffen in Potsdam 2023 nennt Siegmund an anderer Stelle die „Potsdamer Kaffeerunde“. Er selbst war einer von gut zwei Dutzend Teilnehmern.
Siegmunds größtes Hobby? Das Reisen. Weit über 40 Länder hat der AfD-Politiker besucht. Am wohlsten fühlte er sich dabei unter anderem in Thailand, Österreich und Griechenland. „Da liebe ich die Gastfreundschaft und die Kultur“, erzählt er. Sein Lieblingsessen? Asiatisch. Aber auch die indische und die deutsche Küche schmecken ihm besonders gut. Seine Lieblingsmusik? Irische Musik und Mallorca-Hits. Aber auch klassische Musik mag er.
Doch Privates oder sehr Persönliches ist auf dem Kanal des AfDlers nicht zu finden. Seine extreme Reichweite generierte Siegmund zu Corona-Zeiten. Er drehte Videos zu „dem ganzen Irrsinn“, der zu der Zeit herrschte. Da seien „sehr viele wach geworden“, sagt er. Viele Vorschriften, die zu Zeiten der Pandemie herrschten, kann Siegmund bis heute nicht verstehen. Impfen lassen hat er sich auch nicht.
Bis heute pflegt er seine Social-Media-Accounts selbst. Seine Videos dreht er entweder im Landtag, spontan im Auto, auf der Straße oder bei sich zu Hause in Tangermünde. Das Schönste an Sachsen-Anhalt, wenn es nach Siegmund geht. Die Stadt ist die Heimat des 34-Jährigen. Dort lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Mädchen, drei und 14 Jahre alt.
Tangermünde stehe ihm zufolge „für die sogenannte heile Welt, nach der sich viele Menschen sehnen“. Er erklärt: “Das heißt eine sichere Stadt, wo ich meine Kinder auch abends draußen spielen lassen kann, ohne Angst zu haben, dass ihnen etwas passiert. Wo die Menschen nett zueinander sind, wo man einander hilft und wo einfach das deutsche Werteverständnis, so wie ich es lieben gelernt habe, besteht und wo ich es fortführen möchte.“
Millionen Views, hunderttausende Likes: Warum Siegmund und auch die AfD die Öffentlichkeitsarbeit auf TikTok so strikt verfolgen, erklärt sich ohne Nachfrage. Wie einflussreich der Auftritt in den sozialen Medien tatsächlich ist? „Gewaltig“, ist das Wort, das der „Posterboy“ benutzt. „Sehr, sehr viele laden sich Videos runter, schicken die weiter per WhatsApp, zeigen die Kollegen auf der Arbeit“, sagt er. „Deswegen halte ich den Einfluss durch Social Media für gewaltig.“