Vannes  Kindervergewaltiger im Arztkittel: Jetzt startet der Prozess gegen den Chirurgen aus Frankreich

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 25.02.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Akten stapeln sich in Vannes. Rund 750 Personen werden bei dem Prozess erwartet, für den extra drei Säle in der ehemaligen juristischen Fakultät eingerichtet wurden. Foto: IMAGO/Vincent Le Guern
Die Akten stapeln sich in Vannes. Rund 750 Personen werden bei dem Prozess erwartet, für den extra drei Säle in der ehemaligen juristischen Fakultät eingerichtet wurden. Foto: IMAGO/Vincent Le Guern
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Prozessauftakt im Missbrauchsskandal: Der Ex-Chirurg Joël Le Scouarnec steht seit Montag in Vannes vor Gericht. Er soll über Jahrzehnte hinweg mindestens 299 Kinder im Krankenhaus sexuell genötigt und vergewaltigt haben.

Alle schrecklichen Erinnerungen aus Kindertagen sind Guillaume wieder ins Bewusstsein gekommen. Wie der Arzt ihn operierte und nach dem Eingriff immer wieder bei ihm am Krankenbett auftauchte, jedes Mal alleine. Wie er den Kittel, der den Jungen bedeckte, hochhob und ihn an den intimsten Körperstellen anfasste, während das Kind wehrlos dalag.

„Ich war verzweifelt, als mich der Doktor noch eine Nacht länger im Krankenhaus behalten wollte“, berichtete der heute erwachsene Guillaume, gegenüber französischen Journalisten. „Aber dass ich sexuell missbraucht, vergewaltigt wurde, konnte ich meinen Eltern nicht sagen.“ Er fand schlichtweg nicht die Worte dafür.

Sie erfuhren erst von den schrecklichen Taten an ihrem Sohn, als Guillaumes Name in den langen Listen auftauche, die Ermittler beim früheren Chirurgen Joël Le Scouarnec fanden. Der 74-Jährige, dem sexuelle Nötigung und Vergewaltigung von 299 minderjährigen Patienten vorgeworfen wird, führte präzise Buch über seine Opfer und darüber, was er ihnen antat.

Französische Medien, die Einblick in diese abscheulichen Ausführungen erhielten, bezeichnen sie als „Tagebücher des Grauens“. Am gestrigen Montag begann in Vannes in der Bretagne der Prozess in einem der schwersten Kindesmissbrauchs-Fälle der französischen Geschichte. Vier Monate soll er dauern.

Um die rund 750 erwarteten Personen, die Zivilkläger und Anwälte, Pressevertreter und das Publikum, unterzubringen, wurden drei Säle in der ehemaligen juristischen Fakultät eingerichtet, in die die Verhandlungen per Video übertragen werden. Mehrere Betroffene kritisierten diese Organisation. „Der Angeklagte wird mit der Gesamtheit der Nebenkläger nicht oder höchstens sporadisch konfrontiert“, sagte die Opfer-Anwältin Marie Grimaud. „Er wird die Wut und Emotionen nicht spüren, muss nicht 300 Augenpaare anblicken.“

Dem zuständigen Staatsanwalt Stéphane Lorient zufolge hat Le Scouarnec seine Beteiligung in den meisten Fällen vorab eingestanden. Zugetragen haben sollen sie sich zwischen 1989 und 2014 in knapp einem Dutzend Krankenhäusern im Westen Frankreichs, in denen der Spezialist für Darm- und Viszeralerkrankungen praktizierte. Weitere Straftaten, die länger zurückliegen, sind bereits verjährt. Le Scouarnec drohen bis zu 20 Jahre Haft.

Seine Opfer, Jungen wie Mädchen, waren zum jeweiligen Tatzeitpunkt im Schnitt elf Jahre alt. Manche haben keinerlei Erinnerung, weil sie unter Narkose standen, als er sie belästigte, andere haben die Angriffe verdrängt. Der Chirurg galt als distanziert, aber als guter Arzt. Manche Kollegen wunderten sich darüber, ihn durch die Gänge irren zu sehen, offenbar auf der Suche nach Opfern.

Er aber wusste es einzurichten, sich oft alleine mit seinen kleinen Patienten in deren Zimmern wiederzufinden. In psychiatrischen Gerichtsgutachten wurde er als „perverser Sexualstraftäter“ bezeichnet. Er selbst beschrieb in den Verhören seine „Obsession“, durch die er die Kinder nicht mehr als kleine Patienten, sondern als Objekte seiner Lust ansah.

Kein einziges von ihnen erstattete Anzeige, sondern es waren die Anschuldigungen seines sechsjährigen Nachbarmädchens, durch die der Arzt 2017 aufflog. Bei einem ersten Prozess im Dezember 2020, bei dem ihm außerdem zwei Nichten und eine vierjährige Patientin sexuelle Nötigung und Vergewaltigung vorwarfen, wurde Le Scouarnec zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt.

Im Rahmen der Ermittlungen fand die Polizei bei der Durchsuchung seines Hauses in Jonzac, gut 80 Kilometer nördlich von Bordeaux, Sexspielzeug, Puppen, die bis zu einem Meter groß waren, Kinderunterwäsche und die handgeschriebenen Notizbücher. In seinem Computer hatte er rund 300.000 Fotos und Videos von Kindesmissbrauch gespeichert.

Im Prozess wird es auch um die Frage gehen, ob die Behörden versagt haben, wo es Versäumnisse gab. Denn nach einer Meldung des US-Sicherheitsdienstes FBI wurde Le Scouarnec 2005 wegen Besitzes von kinderpornografischem Material zu einer mehrmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt – ohne Folgen für seine Arbeit als Kinderchirurg. Auch die Warnungen eines misstrauischen Kollegen an die damalige Krankenhausleitung und die regionale Ärztekammer waren ungehört verhallt.

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