Hannover Neuer Pflegereport: Zahl der Pflegebedürftigen in Niedersachsen steigt weiter rasant
Die Zahl der Pflegebedürftigen in Niedersachsen steigt um 73 Prozent. Das geht aus dem neuen Pflegereport der Barmer hervor. Die Kosten für Pflegeheime steigen ebenso rasant. Braucht es jetzt eine Pflege-Reform?
In Niedersachsen wächst die Zahl der Pflegebedürftigen. Gleichzeitig steigen die Kosten pro Pflegebedürftigem. Das geht aus dem aktuellen Pflegereport der Barmer Krankenkasse hervor, der dieser Redaktion vorliegt.
So wuchs im Zeitraum von 2017 bis 2023 die Zahl der Pflegebedürftigen in Niedersachsen um fast 73 Prozent auf mehr als 612.000 Menschen. Gleichzeitig stiegen die Kosten. Pflegebedürftige und ihre Angehörigen müssen für einen Heimplatz tiefer in die Tasche greifen.
Ende 2023 waren in Deutschland knapp 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig; 2021 waren es noch knapp 5 Millionen. Den starken Anstieg führt das Statistische Bundesamt unter anderem auf die Folgen der Reform von 2017 zurück.
„Die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs im Jahr 2017 hat mehr Menschen den Zugang zu Pflegeleistungen ermöglicht“, sagt Heike Sander, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Niedersachsen. Gleichzeitig stiegen die Gehälter der Pflegekräfte; die Personalschlüssel in der stationären Pflege wurden verbessert. Die Maßnahmen seien zwar sinnvoll, trieben aber die Pflegekosten in die Höhe.
Von den 612.000 Pflegebedürftigen in Niedersachsen hätten die meisten davon Pflegegrad 2. Sander erläutert weiter: „Unsere Prognosen zeigen, dass bis zum Jahr 2050 die Zahl der Pflegebedürftigen auf etwa 813.000 steigen wird.“ Zur Versorgung dieser Menschen werden voraussichtlich rund 26.000 zusätzliche Pflegefachkräfte benötigt.
Knapp neun von zehn Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt. Immer mehr Niedersachsen nutzen das Pflegegeld. Zwischen 2017 und 2023 hat sich die Zahl der Pflegegeldempfänger laut Barmer-Report auf 316.600 Personen verdoppelt.
Besonders stark war der Anstieg bei Pflegegrad 2. „Keine andere Pflegeleistung wächst so stark wie das Pflegegeld“, erklärt Sander. Das Pflegegeld könne flexibel genutzt und mit anderen Leistungen kombiniert werden.
Immer seltener wechseln Menschen mit Pflegegrad 2 in eine vollstationäre Pflegeheimunterbringung. Laut Barmer-Report sank die Zahl der Niedersachsen, die mit Pflegegrad 2 eine vollstationäre Dauerpflege erhielten, zwischen 2017 und 2023 um 24 Prozent auf etwa 12.460.
Unter Personen mit Pflegegrad 3 stieg die Zahl der vollstationär Betreuten dagegen um knapp 25 Prozent an. „Der Wechsel ins Pflegeheim erfolgt erst dann, wenn die Pflege in den eigenen vier Wänden nicht mehr möglich ist“, erklärt Sander. Viele fühlten sich finanziell überfordert. So sei der Eigenanteil für die Betreuung im Pflegeheim in Niedersachsen zwischen 2018 und 2024 um rund 71 Prozent gestiegen.
Im Vorjahr lag er in Niedersachsen bei durchschnittlich 2.452 Euro pro Monat. Berechnungen der Diakonie kommen gar auf 2.639 Euro pro Monat. Ein Grund für die erheblichen Kostensteigerungen seien unter anderem die Tariflohnerhöhungen für Pflegekräfte.
Bis heute werde die Ausbildung der Pflegekräfte von der Pflegeversicherung bezahlt, so Sander. Nicht allein das müsse dringend geändert werden. Die Barmer-Chefin mahnt eine grundlegende Pflegereform auf Bundesebene an. Denn die Differenz zwischen Einkommen, in der Regel die Rente, und den Pflegekosten werde immer größer.
Der niedersächsische Diakonie-Chef Hans-Joachim Lenke plädiert dafür, die Pflegeversicherung zu einer Pflege-Vollversicherung mit begrenztem Eigenanteil weiterzuentwickeln. Fixiert werden müsse künftig ein verlässlicher Eigenanteil. Alles darüber hinaus müsse die neue Pflegeversicherung abdecken.