Osnabrück Nach der Bundestagswahl: Warum wir die Kultur mehr als bisher brauchen werden
Kaum einer redet im Bundestagswahlkampf über Kultur. Dabei ist sie als Besinnungsraum einer von zermürbenden Debatten gebeutelten Gesellschaft ungemein wichtig. Ein Plädoyer für freie Kulturräume.
Deutsche vertrauen Politikern nicht wirklich, dafür ihrem Bürgermeister. Sie halten wenig von Finanzberatern, umso mehr von Feuerwehrleuten. Deutsche gehen nicht nur mit ihrem Geld sparsam um, auch ihr Vertrauen schenken sie nicht einfach her.
Verlässlichkeit steht hoch im Kurs. Werbeagenturen mag kaum einer. Dafür genießt das Bundesverfassungsgericht krisenfestes Grundvertrauen. Aber das wussten Sie sicher schon. Ich finde es überraschend, dass Deutsche den Museen ungefähr so fest vertrauen wie dem Bundesverfassungsgericht. Deutsche vertrauen dieser Institution fast so sehr wie Freunden, ja, der wie der eigenen Familie.
Kultur spielt im Bundestagswahlkampf praktisch keine Rolle. Warum eigentlich nicht? Kulturhäuser können für sich reklamieren, was den meisten anderen Akteuren und Institutionen des Landes fehlt: Vertrauen, ein klares Ja zu ihrer Daseinsberechtigung.
Wie hoch das Vertrauen in Museen ist, fand jetzt das Berliner Institut für Museumsforschung heraus. Die Bertelsmann-Stiftung konnte 2023 nachweisen, das rund 80 Prozent der Deutschen es für wichtig halten, dass es Theater, Museen, Kultureinrichtungen gibt.
Ich finde das unglaublich, vor allem unglaublich wichtig. Kultur genießt hohe Akzeptanz. Die Kulturmacher sollten das nutzen, auf ihr Publikum zugehen und auf jene Menschen, die zu diesem Publikum noch nicht oder nicht mehr gehören. Die Gesellschaft braucht Kultur – nach der Bundestagswahl womöglich noch mehr.
Denn mich schockiert, dass das Vertrauen der Kulturakteure in die Gesellschaft schwindet. Sie warnen laut davor, Extremisten könnten die Freiheit der Kultur einschränken. In seinen „10 Forderungen“ zur Bundestagswahl spricht der Deutsche Museumsbund „zunehmende Demokratiefeindlichkeit“ ebenso an wie die Behinderung ihrer Arbeit in „Bundesländern mit Regierungsbeteiligung rechtsextremer Parteien“.
Das ist mehr als die Klage einer Klientelgruppe. Da geht es um die Freiheit. Der Angriff „rechtsextremer Parteien“ auf die Kultur läuft bereits. Ich finde das schon lange alarmierend.
Denn die Gesellschaft braucht die freien Räume, die Kultur eröffnet, Räume, in denen Menschen neue Perspektiven einnehmen, mit den Künsten frische Erfahrungen machen oder auch von der inzwischen allgegenwärtigen Hetze einfach einmal ausruhen können.
Kultur ermöglicht Besinnung und damit genau das, was Extremisten den Menschen gezielt zu nehmen versuchen. Damit diese Besinnung möglich ist, müssen sich Kulturmacher auch selbst neu justieren – indem sie selbst Pluralität vorleben, Offenheit praktizieren. Ich kann Kulturakteure, die sich vor allem als Aktivisten verstehen, kaum noch ertragen.
Schön ist das Leben mit einer offenen Kultur für Alle. Wir brauchen sie jetzt gerade dringend. Die Menschen vertrauen den Museen, den Theatern, der Kultur. Das ist ein Pfund. Macht was draus, möchte ich den Kulturakteuren zurufen.