Unfall in Pewsum So half ein Pizzabäcker den Einsatzkräften
Der schwere Unfall in Pewsum macht die Krummhörner betroffen. Eine Pizzeria reagierte auf den Einsatz mit einer spontanen Pizza-Lieferung für die Einsatzkräfte.
Pewsum - „Also ein Foto von mir muss nicht in die Zeitung, darum geht es doch heute auch nicht“, sagt Ali el-Hussein von der Pizzeria Peperoni in Pewsum, als der Fotograf ihn vor die Linse bittet. Ein bisschen um ihn geht es aber schon, trotz seiner Bescheidenheit. Denn el-Hussein und seine Kollegen von der Pizzeria hatten am Montagabend, 17. Februar 2025, von dem tödlichen Unfall gehört, so wie fast alle im Ort. Und irgendwie wollten sie helfen, wollten nicht untätig sein. Also taten sie das, was sie am besten können: Pizza backen.
Eigentlich fing der Montag ganz normal an. Die Pizzeria hatte wie gewohnt geöffnet, Kunden holten ihre vorbestellten Pizzen ab. Gegen Abend sah el-Hussein dann plötzlich ganz viel Blaulicht auf der Straße vor seiner Pizzeria zentral in Pewsum vorbeirauschen. „Ich zähle auch öfter mal die Wagen, wenn sie hier vorbeikommen. Wenn es mehr als fünf sind, dann weiß ich meistens schon, dass es was Ernsteres ist“, so der Pewsumer. So auch an diesem Abend. Bei dem Unfall waren zwei junge Menschen tödlich verletzt worden. Ihr dreijähriges Kind überlebte schwer verletzt.
„Man muss hier doch einfach ein bisschen zusammenhalten“
El-Husseins Bruder war zu diesem Zeitpunkt eigentlich dabei, eine Bestellung auszuliefern. Dafür hätte er auch an der Unfallstelle vorbeigemusst, die nicht weit entfernt war von der Pizzeria in der Cirksenastraße. „Ich sagte zu meinem Bruder: Hör mal zu, fahr da mal vorbei und schau, ob die was brauchen“, erinnert sich el-Hussein. Die Bestellung cancelte er, schickte den Bruder stattdessen zur Unfallstelle. Der fragte dort, wie lange die Einsatzkräfte wohl noch vor Ort seien und mit wie viel Mann.
Es sollte ein langer, schwieriger Einsatz werden. „Bis 23 Uhr waren sie, glaube ich, noch dort“, sagt el-Hussein. Also überlegten sie sich, ein paar Pizzen vorzubereiten und dort abzuliefern. „Für uns ist das doch nur eine Stunde Arbeit“, sagt er. Um etwa 21.20 Uhr habe sein Bruder dann die Pizzen vorbeigebracht. Die Feuerwehrleute seien dankbar gewesen. „Man muss hier doch einfach ein bisschen zusammenhalten“, begründet el-Hussein die spontane Aktion. „Ich mache das gerne, denn man darf nicht vergessen, dass die Feuerwehr das ja auch alles freiwillig macht.“
Trotz der Katastrophe: „Man muss eben auch essen“
Er habe großen Respekt vor der Feuerwehr, den Rettungssanitätern, der Polizei und anderen Einsatzkräften. „Sie sind immer sofort vor Ort. Das ist schon echt stark, was sie machen.“ Besonders bei so schweren Unfällen wie dem am Montag sei es beeindruckend, was die Einsatzkräfte stemmen. Da wolle man eben auch gerne etwas zurückgeben, wenn auch nur in Form von Pizza.
Die Schwere des Unfalls war el-Hussein zu dem Zeitpunkt übrigens noch nicht bewusst, er ging von einigen Verletzten aus. „Wenn ich gewusst hätte, dass es dort auch Tote gab, hätte ich das mit den Pizzen vielleicht nicht gemacht“, sagt el-Hussein. „Dann ist wahrscheinlich keinem nach Essen zumute.“ Dann hält er kurz inne, denkt nach. „Aber andererseits“, fügt er hinzu, „hat A ja auch nichts mit B zu tun.“ Trotz der Katastrophe müsse man natürlich etwas essen. Außerdem hätten viele von den Kameraden und Kameradinnen ja vielleicht schon seit dem Mittag nichts mehr gegessen, war dann seine Überlegung. „Die kamen vielleicht gerade von der Arbeit zurück, waren kaum zu Hause und dann ging es schon wieder los“, so el-Hussein.
Pewsum: Menschen haben Redebedarf
Zwei Wörter fallen bei Ali el-Hussein besonders oft, wenn er über den schrecklichen Unfall spricht: „stark“ und „Zusammenhalt“. Denn gerade dieser Zusammenhalt zeichne Pewsum eben auch aus. „Das ist doch fast ein Dorf hier, jeder kennt sich. Ich finde, da muss man auch unterstützen.“
Auch jetzt, einige Tage nach dem Unfall, kämen noch viele Kunden mit Redebedarf in der Pizzeria vorbei. „Nicht, weil sie irgendwie petzen oder spekulieren wollen“, sagt el-Hussein. „Sondern eher, um die Trauer rauszulassen.“ Einige seiner Kunden seien auch selbst in der freiwilligen Feuerwehr aktiv. Auch darum wolle man helfen. El-Hussein erinnert an dieser Stelle auch noch mal an die Spendenaktion, die von der am Einsatz beteiligten Feuerwehr Krummhörn-Ost ins Leben gerufen wurde. Klasse sei es, dass er auch schon von Leuten von weiter weg gehört habe, die sich daran beteiligten.
In Pewsum hilft man sich gegenseitig
Eines ist el-Hussein aber ganz wichtig, wie er mehrmals in unserem Gespräch erwähnt: Das soll alles keine Werbung für ihn oder die Pizzeria sein, auch darum habe er sich entschieden, sich nicht im Bild oder Video aufzeichnen zu lassen. Es gehe ihm um die Arbeit der Einsatzkräfte. Und er hat noch eine ganz andere Hoffnung: Vielleicht lesen auch andere Gastronomen von dieser Aktion und fühlen sich dann inspiriert, auch mal so was zu machen, sagt el-Hussein. Es gebe natürlich bereits viele Menschen, die die Einsatzkräfte unterstützen. So auch die Anwohner der Unfallstraße, die warme Getränke und Süßigkeiten an die Einsatzkräfte verteilten. Wenn jemand von einer solchen Aktion erfahre, ziehe das vielleicht noch weitere Kreise, so el-Hussein.
Der Pewsumer vergleicht das Szenario mit einem Jugendlichen, der, wie er selbst früher, bei einem älteren Nachbarn im Garten aushilft und dafür einen Zehner zugesteckt bekommt. „Der Junge freut sich, erzählt das seinen Kumpels, das spricht sich rum und dann helfen sich vielleicht ganz viele im Ort untereinander“, so el-Hussein.
So ähnlich laufe das auch öfter mal in Pewsum ab, erzählt der Gastronom. Etwa 20 Jahre arbeitet er schon im Ort, anfangs noch in einem Imbiss. Seit fast 13 Jahren führt er nun schon sein eigenes Restaurant in der Cirksenastraße. Und da sei es ganz normal, dass man auch mal den örtlichen Fußball- oder Basketballverein mit ein paar Familienpizzen bei Veranstaltungen versorge. Auch bei Sturmschäden, wenn im Ort kaum Durchkommen war und viele Wehren im Einsatz waren, haben er und seine Kollegen von der Pizzeria schon mal eine Mahlzeit oder auch ein paar Getränke ausgeteilt. „Eine Flasche Cola kostet uns im Einkauf vielleicht knapp einen Euro, das kostet doch fast nix“, begründet er. Und außerdem: „Es kommt alles im Leben zurück“, ist el-Hussein überzeugt.