Auricher Linke im Aufwind Kreisverband verdoppelt Mitgliederzahl
Seit wenigen Wochen steigt die Beliebtheit der Linkspartei in den Umfragen zur Bundestagswahl. Davon profitiert auch der Kreisverband Aurich.
Aurich/Berlin - Kaum fassen kann die Linkspartei derzeit den Aufwärtstrend der vergangenen Wochen. In aktuellen Umfragen zur kommenden Bundestagswahl liegt die Linke stabil bei über fünf Prozent der Stimmen und scheint damit wieder sicher im Parlament vertreten zu sein. Das sah noch vor wenigen Monaten ganz anders aus. Nach der Abspaltung des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) musste um den Einzug in den Bundestag gebangt werden. Es wurde gar im Oktober vorigen Jahres die „Aktion Silberlocke“ ins Leben gerufen. Die drei altgedienten Links-Politiker Gregor Gysi, Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch, so der Plan, sollen ihre Wahlkreise direkt gewinnen und es so der Partei ermöglichen, die Fünf-Prozent-Hürde zu umschiffen.
Die jüngste Umfrage, durchgeführt vom Analyse-Unternehmen Yougov am 20. Februar, sieht die Linkspartei sogar bei neun Prozent der Stimmen. Eine Zahl, die die zunehmende Beliebtheit der Partei ebenso ausdrückt wie die wachsenden Mitgliederzahlen. Denn seit dem Bruch der Ampelkoalition verzeichnet die Linkspartei einen enormen Zuwachs. Laut einem Bericht der Tagesschau sind binnen einer Woche 10.000 Menschen eingetreten. Mit gut 91.000 Personen hat die Partei so viele Mitglieder wie noch nie seit der Gründung 2007.
BSW spielt in Aurich keine Rolle
Ein Trend, der auch im Kreisverband Aurich zu spüren ist. Das bestätigt Kreisvorsitzende Blanka Seelgen auf Anfrage unserer Redaktion. „Soeben habe ich das 117. Mitglied in unsere Mitgliederliste eingetragen“, sagt sie am Donnerstagvormittag. Seit dem Bruch der Ampelkoalition seien 58 Mitglieder im Kreisverband Aurich neu in die Partei eingetreten. Die Zahl der Parteimitglieder hat sich also verdoppelt. Die meisten neuen Linken sind dabei laut Seelgen zwischen 18 und 40 Jahre alt. Darunter sind 28 Frauen und 30 Männer. „Damit hat sich das Durchschnittsalter in unserem Kreisverband deutlich verringert.“
Im Gegensatz zur Stadt Emden, wo gerade zwei Ratsmitglieder vom BSW zur Linkspartei zurückgekehrt sind, gibt es so etwas im Kreisverband Aurich nicht. „Aus unserem Kreisverband war niemand zum BSW gewechselt“, erklärt Seelgen. Es gebe aber einen prominenten Rückkehrer: Gerhard Wulff, Ortsbürgermeister von Brockzetel/Wiesens, sei im Juni 2024 aus der Partei ausgetreten und habe nun seinen Wiedereintritt erklärt.
Politische Themen abseits der Migration
„Natürlich freuen wir uns, dass unsere Umfragewerte deutlich gestiegen sind, und die Zuversicht, dass wir auch im nächsten Bundestag in Fraktionsstärke vertreten sein werden, wächst“, sagt Seelgen. Sie führt den Stimmungswandel vor allem auf die beiden Abstimmungen am 29. und 31. Januar im Bundestag zurück. Am 29. Januar verschaffte die AfD einem CDU-Antrag zur Migration im Parlament zur Mehrheit. Zwei Tage später brachte die Union dann das „Zustrombegrenzungsgesetz“ ins Parlament ein. Dieses erreichte trotz der Zustimmung durch die AfD keine Mehrheit. Vor allem Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz stand daraufhin in der Kritik. Denn er hatte bewusst in Kauf genommen, dass die AfD dem Antrag der CDU/CSU-Fraktion zur Mehrheit verhilft. Damit, so der Vorwurf, habe er seine Zusage vom November gebrochen, dass „weder bei der Bestimmung der Tagesordnung noch bei den Abstimmungen in der Sache hier im Haus auch nur ein einziges Mal eine zufällige oder tatsächlich herbeigeführte Mehrheit mit denen da von der AfD zustande kommt“.
Neben dieser Debatte sieht Seelgen einen weiteren Grund für den Zuspruch, den ihre Partei derzeit erfährt. „Während sich alle anderen Parteien gegenseitig mit Abschiebungsverschärfungen überbieten, haben wir die wirklichen Sorgen und Nöte der Menschen zu unserem Thema gemacht.“ Dazu gehörten zu teure Lebensmittel, zu hohe Mieten, zu hohe Energiekosten, ein sozialverträglicher Umweltschutz und der Umbau des Rentensystems. Ob der Trend der Umfragen sich auch an der Wahlurne bestätigt, wird am Sonntag geklärt. Ab 18 Uhr gibt es die ersten Prognosen zum Wahlausgang.
Die Linke ist dabei nicht die einzige Partei, die derzeit einen Zulauf erfährt. Laut Tagesschau und Mitteldeutschem Rundfunk vermelden alle Parteien aus dem gesamten politischen Spektrum Zuwächse. Insbesondere die politischen Ränder könnten davon profitieren, heißt es. So stark wie bei der Linkspartei fällt der Zuwachs indes bei keiner anderen Partei aus.