Paris  299 Kinder missbraucht? Französischer Chirurg soll sich über Jahrzehnte an Patienten vergangen haben

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 19.02.2025 06:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Nach dem Pelicot-Prozess in Avignon erschüttert ein neuer Fall von sexuellem Missbrauch ganz Frankreich. Foto: IMAGO/Erwin Wodicka
Nach dem Pelicot-Prozess in Avignon erschüttert ein neuer Fall von sexuellem Missbrauch ganz Frankreich. Foto: IMAGO/Erwin Wodicka
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Am Montag beginnt im westfranzösischen Vannes ein Prozess gegen einen ehemaligen Chirurgen, der über Jahrzehnte hinweg Minderjährige missbraucht haben soll – es geht um 299 Opfer.

Er war ein angesehener Chirurg, über jeden Zweifel erhaben, während sich seine minderjährigen Opfer meist unter Narkose befanden und wehrlos waren. Über Jahrzehnte hinweg soll sich der frühere Arzt Joël Le Scouarnec an hunderten Kindern und Jugendlichen vergangen, sie sexuell missbraucht oder vergewaltigt haben. Über seine Taten führte er akribisch Tagebuch – was ihm später mit zum Verhängnis wurde.

Am Montag (24.2.) beginnt in Vannes in der Bretagne die Verhandlung gegen den 74-Jährigen, der in verschiedenen Provinzkrankenhäusern im Westen von Frankreich praktizierte. Weil das übliche Gericht für die riesige Zahl von Teilnehmern zu klein ist, wurden mehrere Säle in einem ehemaligen Hochschulgebäude umgebaut.

Gerade erst Ende des vergangenen Jahres wurde das Land von einem Mammut-Prozess um sexuelle Gewalt erschüttert, als 51 Männer wegen der Vergewaltigung der heute 72-jährigen Gisèle Pelicot in Avignon verurteilt wurden. Nun folgt die Aufarbeitung des bisher größten Falles von Kindesmissbrauch durch einen einzigen Mann in Frankreich. Der Prozess ist auf vier Monate angesetzt. Le Scouarnec droht die Höchststrafe von 20 Jahren.

Um 299 Fälle von sexueller Nötigung oder Vergewaltigung von Jungen und Mädchen zwischen 1989 und 2014 wird es gehen. Es gab noch weitere, die überwiegend inzwischen verjährt sind, denn die Ermittler hatten sogar 343 wahrscheinliche Betroffene ausfindig gemacht. „Für sie ist es eine doppelte Bestrafung, sexuell missbraucht oder vergewaltigt worden zu sein, aber nicht als Opfer eindeutig anerkannt zu werden“, sagte die Anwältin Francesca Satta.

In einem ersten Prozess im Dezember 2020 war der Spezialist für Darm- und Viszeralerkrankungen bereits wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung von zwei Nichten, einer vierjährigen Patientin und einem sechsjährigen Nachbarsmädchen zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Anschuldigungen der Nachbarin im Jahr 2017 führten zu einer Durchsuchung von Le Scouarnecs Haus in Jonzac, gut 80 Kilometer nördlich von Bordeaux.

Die Polizei fand Sexspielzeug, 22 Puppen mit bis zu einem Meter Größe, Kinderunterhosen sowie in seinem Computer und in handgeschriebenen Notizbüchern chronologisch geführte Listen seiner Opfer. Die Taten, die er demnach oft vor oder nach Operationen begangen hatte, waren darin genau beschrieben. Sprach er bei Verhören von reinen „Fantasien“, so schrieb er selbst in seinen Aufzeichnungen: „Ich bin pädophil.“ Auch seine damalige Ehefrau wisse davon. Rund 300.000 Fotos und Videos von Kindesmissbrauch hatte er gespeichert.

In der Anklageschrift beschreibt die Staatsanwaltschaft ein Gefühl der „Allmächtigkeit“, das Le Scouarnec gehabt haben müsse, der „permanent und auf berechnende Art Grenzen überschritt“. Manche Opfer erinnerten sich an die Vorfälle, viele hingegen waren betäubt und erfuhren erst davon, als die Polizei sie kontaktierte.

Eine von ihnen, die sich als Zehnjährige einer Blinddarmoperation unterzog, sprach in französischen Medien von dem Schock, als sie erfuhr, dass ihr Name in Le Scouarnecs Notizbüchern auftauchte – mit Beschreibungen davon, wie er sich an ihr vergangen hatte. Sie habe das nicht lesen können: „Stellen Sie sich vor, ein Hardcore-Pornobuch zu öffnen und zu wissen, dass es um Sie als Kind geht.“

Seit längerem hatte sie wegen Problemen mit ihrer Sexualität Spezialisten aufgesucht, die traumatische Erfahrungen im Kindesalter bei ihr vermuteten. „Mit den Befragungen kam alles wieder an die Oberfläche: Die Bilder, die Gefühle, die Erinnerungen kehrten zurück“, so die dreifache Mutter. Auch jene an den „eiskalten Blick“ ihres Peinigers. Sie frage sich, wie er so lange ungestört in direktem Kontakt mit Minderjährigen praktizieren konnte.

Um mögliche Versäumnisse der Behörden und der regionalen Ärztekammer aufzudecken, haben zwei Opfervereine Klagen gegen Unbekannt eingereicht. Denn nach einer entsprechenden Warnung der US-Sicherheitsbehörde FBI wurde Le Scouarnec 2005 wegen Besitzes von kinderpornografischem Material zu einer mehrmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt, was nur verspätet oder ohne Folgen an seine Arbeitgeber gemeldet wurde, welche nicht reagierten. Auch die Hinweise eines misstrauischen Kollegen waren ungehört verhallt.

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