Zivilcourage Spontane Hilfe für obdachlosen Mann im Auricher Wald
Eine 80-Jährige entdeckt beim Gassigehen im Eschener Gehölz einen Mann im Schlafsack und hilft. Warum sie das tat.
Aurich - Der Wind pfeift eisig durch das Waldstück Eschener Gehölz direkt hinter der Handwerkskammer Aurich. Renate Boge (80) stapft gegen die Böen an. Rote Wollmütze, passender Schal, Daunenjacke. An ihrer Seite A. Janßen, die ihren vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Gemeinsam mit noch einer weiteren Seniorin haben die beiden an dieser Stelle einen jungen Mann gefunden, der sich zum Schlafen in den Wald gelegt hatte. Die Nachttemperaturen lagen in diesen Tagen um den Gefrierpunkt. „Wahrscheinlich haben wir dem Mann das Leben gerettet“, sagt Renate Boge bei einem Ortstermin wenige Tage später sichtlich bewegt. „Wenn ich daran zurückdenke, dann sitzt das immer noch tief bei mir.“
Entdeckung auf der Gassirunde
Es ist Sonntag, der 2. Februar, gegen 16 Uhr, als Boge gemeinsam mit einer Freundin und deren irischem Wolfshund ihre übliche Gassirunde durchs Eschener Gehölz dreht. Aus dem Augenwinkel entdecken die beiden Frauen neben einem alten umgekippten Baumstamm ein längliches Objekt.
„Ich dachte zuerst, das sei eine Ziege oder eine Decke“, erzählt Boge. Die 80-Jährige will es genau wissen. „Ich gehe mal nachschauen“, sagt sie. Ihre Freundin rät ihr davon ab. Aber da ist die Seniorin schon auf dem Weg, läuft durch raschelnde Blätter und Gestrüpp auf den Baum zu. Dort angekommen erkennt sie, um was es sich handelt: einen Menschen, tief verkrochen in einem Schlafsack.
Daneben liegen ein Rucksack, eine Tasche und eine große Dose mit Brühe. „Der Schlafsack war definitiv nicht für die Nutzung im Freien geeignet“, sagt A. Janßen, die an jenem Sonntag mit Labradorhündin Bella dazustößt.
Plötzlich ohne Schlafplatz
Der Schlafsack, der den Mann umhüllt, ist dünn und von außen voller nassem Laub, das den Stoff durchfeuchtet. Die 80-Jährige spricht den Mann vorsichtig an. Sie fühlt seine Hand, sie ist warm. Der junge Mann, Daniel S., ist Mitte 30, regt sich, antwortet der Seniorin. „Er war nicht unterkühlt“, erinnert sich Boge. Daniel S. hat nach eigener Angabe zu diesem Zeitpunkt eine halbe Flasche Wodka getrunken und liegt seit dem Vormittag an dieser Stelle im Wald. S. wohnt eigentlich in Oldenburg, wollte in Aurich bei einem Bekannten übernachten. Das habe sich dann aber zerschlagen, berichtet er gegenüber dieser Redaktion, als wir ihn eine Woche nach dem Vorfall in Oldenburg kontaktieren. Er habe bei der Polizei und auch beim Übernachtungsheim in der Zingelstraße um Hilfe gebeten, aber keine erhalten. Die Plätze im Übernachtungsheim seien voll, habe die Auskunft gelautet. „Dann habe ich mich dazu entschieden, mich in den Wald zu legen“, so Daniel S.
Vergeblich auf der Suche nach Hilfe
Renate Boge fackelt nicht lange, nimmt den jungen Mann mit zu sich nach Hause, obwohl der zunächst die Hilfe ablehnt. „Ich habe früher als Diakonieschwester in Bethel gearbeitet, das hätte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können“, sagt sie im Nachhinein. Und Boge ist nicht allein.
Die beiden anderen Frauen und die Hunde kommen mit. Zuhause, in ihrer kleinen Wohnung, wärmt sich Daniel S. auf, bekommt etwas zu trinken. Währenddessen greift Boge zum Telefon, ruft bei der Polizei an, beim Übernachtungsheim, bei der Diakonie. Es ist Sonntag, oft erreicht sie nur einen Anrufbeantworter oder erhält die Auskunft, man sei nicht zuständig. „Warum gibt es in solchen Fällen keine Notrufnummer am Wochenende?“, fragt die Rentnerin.
Helferinnen ohne Angst
Schließlich nehmen A. Janßen und ihr inzwischen dazugestoßener Mann Daniel S. mit nach Hause, geben ihm eine warme Mahlzeit und fahren ihn anschließend zum Bahnhof nach Emden. Dort kaufen sie ihm ein Ticket und setzen ihn in den Zug nach Oldenburg. „Ob er dort gut angekommen ist, wissen wir nicht“, sagt sie später, und: „Ich kann mich doch abends nicht ins warme Bett legen, wenn ich weiß, dass hier im Wald jemand eventuell erfriert.“ Daniel S. kommt an jenem Tag sicher in Oldenburg an, wie er im Gespräch mit dieser Redaktion sagt. Er ist froh, dass die Frauen gehandelt haben. „Ich bin den drei Damen sehr dankbar, dass sie mich aus dem Wald geholt haben“, schreibt er.