Berlin  Krise der Autoindustrie weitet sich aus: Das große Leiden der Zulieferer

Leon Grupe
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Von Leon Grupe
| 14.02.2025 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bosch, ZF, Continental: Die Lister der Zulieferer, die Stellen abbauen, wird immer länger. Foto: Petráek Radek/dpa
Bosch, ZF, Continental: Die Lister der Zulieferer, die Stellen abbauen, wird immer länger. Foto: Petráek Radek/dpa
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Die Probleme bei Herstellern wie VW greifen immer stärker auf die Lieferanten über. Die Folgen: Stellenabbau, Werkschließungen, Insolvenzen. Und es deutet wenig darauf hin, dass sich die Lage in diesem Jahr bessert.

So richtig heftig hat die Krise sein Unternehmen noch nicht erfasst. Trotzdem macht sich Gerd Röders Gedanken. „2024 war kein einfaches Jahr“, sagt der 61-Jährige konsterniert am Telefon. „Auch wir haben Aufträge verloren.“

In sechster Generation führt er die G. A. Röders, eine Gießerei aus Soltau. Seit 200 Jahren fließt hier Aluminium und wird in Formen gegossen. Mehr als 1.000 Komponenten werden daraus gebaut, etwa Gehäuse für Getriebe und Abstandsensoren. Der mittelständische Betrieb mit rund 500 Mitarbeitern ist ein wichtiger Zulieferer für die Autoindustrie. Zu den Kunden zählen auch Flugzeughersteller und Medizintechnik-Firmen.

Röders ist froh, mehrgleisig unterwegs zu sein, zumindest in Deutschland. In Tschechien, wo die Gießerei ebenfalls mit einer Fabrik vertreten ist, werden ausschließlich Teile für Autobauer gefertigt. Wie läuft dort das Geschäft? Grottig, sagt er. Vergangenes Jahr sei die Auftragslage um 40 Prozent eingebrochen, 80 Stellen hätten sie abbauen müssen. „Von solchen Schritten sind wir in Deutschland glücklicherweise noch entfernt“, sagt der Manager.

Für zahlreiche andere Zulieferer sieht es dagegen düster aus. Quasi im Wochentakt wurden zuletzt neue Hiobsbotschaften verkündet. Der Branchengigant Bosch will in den kommenden Jahren 3.800 Stellen in Deutschland streichen. Bei ZF stehen 14.000 Arbeitsplätze auf der Kippe. Auch Continental und Schaeffler haben mit drastischen Jobabbau-Maßnahmen begonnen.

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Andere Betriebe überlegen, ganze Werke dichtzumachen – oder sind pleite. So hat die Unternehmensgruppe Metall-Beschichtung Wurmlingen mit sechs Produktionsstandorten in Deutschland Anfang des Jahres Konkurs angemeldet. Wie es für die 320 Angestellten weitergeht, ist ungewiss. Vor einer unsicheren Zukunft stehen auch die 1.000 Beschäftigten der saarländischen Firma Voit. Auch hier: Insolvenz.

All diese Fälle werfen ein Schlaglicht auf die gesamte Autobranche. Der wichtigste Industriezweig der Nation steht unter enormen Druck. Weil die Hersteller in China signifikant an Markanteilen verloren. Weil die Märkte in Europa gesättigt sind. Weil die Nachfrage nach E-Autos weit unter den Prognosen bleibt und gleichzeitig die Transformation zur Elektromobilität gelingen muss. Es ist eine multiple Krise, die auf die Autobauer wirkt, und mit einer zunehmenden Intensität auf die Zulieferer durchschlägt. Mit gravierenden Folgen.

„Wir sehen, dass die Branche vor enormen Schwierigkeiten steht“, sagt Jürgen Simon, der für den Strategieberater Berylls by AlixPartners die Autoindustrie beobachtet. „Die Hersteller müssen sparen und wo tun sie das am ehesten? Im Einkauf.“ Bitter für die Lieferanten: Früher konnten sie Fehlkalkulationen der Hersteller und stornierte Aufträge mit den eigenen Margen auffangen. Heute funktioniert das kaum noch, weil das Geld fehlt.

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Dazu kommen Finanzierungsprobleme, ausgerechnet in einer Zeit, in der die Firmen in neue Techniken investieren müssen. „In der Autoindustrie gibt es zurzeit viele Unwägbarkeiten, weshalb sich die Banken mit Kapital zurückhalten“, sagt der Berater. Die Entwicklung bestätigt eine Studie des Verbandes der Automobilindustrie (VDA): So seien 66 Prozent der befragten Zulieferer in den vergangenen drei Jahren nur schwer an Kredite gekommen.

Nicht alle Zulieferer sind von der angespannten Lage gleichermaßen betroffen. „Besonders Unternehmen, die früh auf den Elektroantrieb gesetzt haben, tun sich schwer“, sagt Simon. Das Paradoxe daran: Eigentlich haben diese Betriebe vieles richtig gemacht. „Die Zulieferer müssen hohe Summen in die Entwicklung der Elektromobilität stecken, um Marktanteile zu halten oder zu erobern“, erklärt der Experte. „Ein enormes Risiko, denn durch die gesunkenen Margen ist der Investitionsspielraum begrenzt.“

Als Grund für die Misere kommen allerdings noch ganz andere Themen hinzu. „Wir haben vor allem mit Standortschwierigkeiten zu kämpfen“, sagt Gerd Röders. Der Gießerei-Geschäftsführer zählt auf: steigende Energiekosten, Fachkräftemangel, Bürokratie. „Bei uns kümmert sich allein eine Kollegin um Nachhaltigkeitsberichte.“

Auch die hohe Abwesenheit zwingt den Unternehmer zum Handeln. Bei G. A. Röders liegt die durchschnittliche Ausfallquote bei 50 Tagen pro Jahr, wovon 36 Tage auf den tariflich geregelten Urlaubsanspruch fallen. Die Konsequenz: „Wir mussten Zeitarbeiter einstellen, um das zu kompensieren.“

Nervös blickt Röders zudem nach Washington. Der Branche droht neues Ungemach, sollte Präsident Trump seine angedrohten Einfuhrzölle auf Autos wahrmachen. In Europa könnten den Zulieferern bis zu 7,3 Milliarden Dollar entgehen, haben Analysten der Beratungsfirma Kearney berechnet. Sollten die Hersteller die Zölle an die Lieferanten weitergeben, wären die Einbußen sogar noch größer. Da etwa 40 Prozent der Kosten bei den Zulieferern fix seien, werde sich auch die Profitabilität verschlechtern. Bis zu 25.000 Arbeitsplätze wären bedroht, kalkuliert Kearney.

Berylls-Berater Simon geht davon aus, dass die US-Zölle mittelfristig zu einer weiteren Produktionsverlagerung der Autobauer führen könnte, bei der auch die Zulieferer mitziehen. Die Unternehmen „müssen nun analysieren, wie hart sie die Zölle treffen könnten und sich auf die Verhandlungen mit Herstellern vorbereiten.“ Bestehende Verträge müssten überprüft und die richtigen Argumente für Neuabschlüsse aufbereitet werden. „Aber klar ist auch: die Lieferanten stehen mit dem Rücken zur Wand.“

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Es spricht wenig dafür, dass 2025 für die Zulieferer besser wird als 2024. Zwar könnte sich der Markt für Elektroautos in Deutschland etwas erholen, aber als Gamechanger wird das nicht ausreichen. Dafür bleiben zu viele Unsicherheiten. Wie drastisch werden die protektionistischen Maßnahmen der neuen US-Regierung? Wird die Konkurrenz aus China stärker auf den europäischen Markt drängen? Und wie geht es politisch in Deutschland weiter?

Gerd Röders setzt seine Hoffnung auf die nächste Bundesregierung. „Wenn sie es schafft, die Rahmenbedingungen zu verbessern, wird sich unsere Branche erholen“, sagt der Unternehmer. Aber er glaubt auch, dass es mindestens noch drei Jahre dauern wird, bis das Tal überwunden ist.

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