Veterinäramt Jade-Weser 15 kranke Hunde hausten in verdrecktem Wohnmobil
Amtsveterinäre erleben immer wieder böse Überraschungen: Eine Frau im Kreis Wittmund hielt 15 kranke Hunde in einem verdreckten Wohnmobil. Andere Halter sind gewalttätig oder lassen Tiere hungern.
Wittmund/Roffhausen - Veterinärmediziner brauchen ein dickes Fell – vor allem dann, wenn Tierhaltungen aus dem Ruder gelaufen sind. Was sie bei ihren Besuchen in Wohnungen und Ställen im Jahr 2024 im Verbandsgebiet Jade-Weser teilweise zu sehen bekamen, ist erschreckend: Haus- und Nutztiere, die hungern oder zu verdursten drohen, die dringend tierärztlich behandelt werden müssen oder die von ihren Haltern misshandelt werden. So entdeckten die Amtsveterinäre nach einem Hinweis der Polizei 15 kranke Hunde, die in einem total verdreckten Wohnmobil versteckt wurden, möglicherweise um sie der Kontrolle zu entziehen. Sie retteten zwei Hunde, denen ihr Besitzer körperliche und seelische Gewalt antat. Diese Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs dessen, was im Vorjahr allein im Kreis Wittmund schieflief.
Bei den sogenannten Tierschutzfällen besuchen die Tierärzte und Veterinärassistenten auf Hinweise aus der Bevölkerung oder der Polizei Tierhaltungen, bei denen Missstände vermutet werden. Wenn auch teilweise nichts an den Hinweisen dran ist – oft genug finden die Kontrollierenden Menschen vor, die falsche Entscheidungen treffen oder möglicherweise gar nicht mehr selbst in der Lage sind, rational zum Wohle ihrer meist vierbeinigen Schützlinge zu handeln. Manchmal werden die Veterinäre beschimpft und bedroht – aber wenn es darum geht, dass Tiere Qualen leiden oder unter tierunwürdigen Bedingungen ihr Dasein fristen müssen, greifen sie hart durch: Sie nehmen die Tiere in Obhut, erstatten Strafanzeige und sorgen dafür, dass der Besitzer ein Tierhaltungsverbot erhält.
26 Tierhaltungsverbote ausgesprochen
26 Tierhaltungsverbote hat das Veterinäramt Jade-Weser im Jahr 2024 verhängt. In 17 Fällen werden die Tierschutzverstöße ein rechtliches Nachspiel für die Halter haben, da diese an die Staatsanwaltschaft abgegeben wurden. Insgesamt haben die Mitarbeiter im zurückliegenden Jahr fast 700 unterschiedliche Tierhaltungen unter die Lupe genommen – von der Maus über Hunde und Katzen bis hin zu Pferden und Kühen. Zum Verbandsgebiet gehören neben den Landkreisen Wittmund und Friesland die Stadt Wilhelmshaven und die Wesermarsch. Insgesamt fast 1000 Mal klingelten die Veterinäre dafür – meist unangekündigt – an die Haustüren der Region.
Das geht aus dem im Februar 2025 veröffentlichten Jahresbericht der Behörde mit Sitz in Roffhausen (Friesland) hervor. In diesem Schriftstück fasst die Behörde von Geschäftsführerin Dr. Melanie Schweizer ihre Arbeit zusammen – und gibt zudem einen traurigen Überblick über das schlimmste Tierleid, das sie bei Kontrollen vorfinden. „Die Zahl der Haustiere steigt immer weiter“, sagt Schweizer im Gespräch mit dieser Zeitung. „Auch die Tierschutzhinweise werden mehr.“ Langeweile kommt nicht auf. Hinweise auf schlechte Haltung werden nach Priorität abgearbeitet. „Wir haben den Anspruch, allen Hinweisen nachzugehen.“
Manchmal muss sofort gehandelt werden
Manchmal muss es nämlich schnell gehen. Im August 2024 war der Polizei ein Wohnmobil aufgefallen und sie kontaktierten die Tierschützer. „Wir bekommen häufiger Hinweise durch die Polizei.“ Es war ein später Freitagnachmittag, fast alle Kollegen hatten sich bereits ins Wochenende verabschiedet. Schweizer selbst war noch da – und fuhr mit in Richtung Wittmund. „In dem Moment muss man handeln“, stellt sie klar. „Die könnten mit dem Wohnmobil auch wegfahren.“ Die Hundebesitzerin war keine Unbekannte. Zwei Jahre zuvor hatte sie das Veterinäramt bereits auf dem Schirm gehabt und kontrolliert. Nun aber war der Zustand der mittlerweile 15 Tiere, darunter Jungtiere, desolat: Sie seien ungepflegt, zum Teil nicht stubenrein, krank und vernachlässigt gewesen. „Sie mussten kurzfristig sichergestellt und anderweitig untergebracht werden.“
Für traurige Situationen wie diese, wo die Tiere keinesfalls bei ihren Besitzern bleiben können, haben die Amtsveterinäre Netzwerke aus Tierheimen und Tierschutzorganisationen. „Die schlimmste Situation für uns ist ja: Wir stehen vor einer Haltung und die Tiere müssen sofort untergebracht werden – aber ich weiß nicht, wo.“ 2024 sei ihre Behörde diesbezüglich mehrfach an ihre Grenzen gestoßen. „Es wird zunehmend problematisch.“ Die Tierheime sind voll. Sich trotz der Kastrationsverordnungen vieler Gemeinden immer noch unkontrolliert vermehrende Streunerkatzen und deren Nachwuchs sowie Auslandshunde verschärften die ohnehin prekäre Lage.
Hunderte Meerschweine auf einen Streich
Manche Notfälle bei der Auflösung von Haushalten von Tiersammlern sind zudem so groß, dass sie weit über die Kapazitäten einzelner Tierheime hinausgehen. In der Wesermarsch wurden im vergangenen Jahr Hunderte Meerschweine vernachlässigt vorgefunden und sichergestellt. Kleintiere, Hunde und Katzen mussten im Vorjahr von den Veterinären anderweitig untergebracht werden. „Es gibt immer Fälle, die herausstechen“, sagt die Verbandsgeschäftsführerin über Begebenheiten, die selbst routinierte Tierärzte fassungslos machen. Gemeint ist eine Hundehaltung im Kreis Wittmund. Es gab Belege dafür, „dass körperliche und psychische Gewalt gegen Hunde ausgeübt wurde“. In dem Haushalt hätten die Tierschützer zuvor bereits Mängel in der Haltung verschiedener Tiere entdeckt und angemahnt. Konkreter wird Schweizer dazu nicht. „Es ist ein laufendes Verfahren.“
Ebenfalls in Wittmund lösten die Tierärzte drei Rinderhaltungen auf. „Ein häufiges Problem ist die Grundversorgung der Tiere“, führt Schweizer aus. Unter anderem waren schwer kranke Rinder und andere Tiere nicht tierärztlich behandelt worden. Ein Punkt, den die Veterinäre immer wieder feststellen müssen – in jeder Form der Tierhaltung. Tiere kosten Geld. Darüber sollte sich jeder potenzielle Besitzer schon vor der Anschaffung ausreichend Gedanken machen, stellt die Verbandsgeschäftsführerin klar. In einem anderen Stall hatte der Landwirt eine Form der Anbindehaltung praktiziert, die nicht mit den Bedürfnissen der Tiere in Einklang gebracht werden konnte.
Wenn wie in diesen Fällen landwirtschaftliche Haltungen aufgelöst werden oder sich die Tierschützer wie in Wilhelmshaven geschehen mit einem richterlichen Beschluss Zutritt zu einer Wohnung verschaffen müssen, geht es oft um viel mehr als um eine aus dem Ruder gelaufene Tierhaltung. Dort lebten zehn Katzen gemeinsam mit ihrer Besitzerin in einer vermüllten und durch Katzenkot unbewohnbaren Wohnung. In diesen Fällen treffen die Behördenmitarbeiter meist auf Menschen, die mit sich und ihrem Leben nicht (mehr) klarkommen oder familiäre Probleme haben, erklärt Schweizer. „Oft ist es ein Gesamtschicksal.“