Osnabrück So politisch war der Literaturnobelpreisträger: Neue Bücher über den Autor des „Zauberberg“
Nicht nur passionierte Leser seiner Romane schauen in diesem Jahr auf Thomas Mann. Zum 150. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers erscheinen viele Bücher, die neue Blicke auf diesen Autor ermöglichen. Über Thomas Mann wird gerade intensiv diskutiert. Sieben Buchtipps für alle, die mitreden wollen.
Plädoyer für den Aktivisten: Thomas Mann? Das ist für das breite Publikum der schreibende Großbürger. Dieses Klischee bedient eine reichlich konservative Sicht auf den Autor der „Buddenbrooks“. Der Münsteraner Literaturwissenschaftler Kai Sina wirft das Steuer herum. Er bringt Thomas Mann neu und ganz unerwartet ins Spiel – als politischen Aktivisten. Kenntnisreich, aber immer gut lesbar stellt er Mann als engagierten Autor dar, der seit seiner Rede „Von deutscher Republik“ 1923 entschlossen für die Demokratie eintritt. Kai Sina erzählt Manns Entwicklung vom konservativen Denker bis zum kämpferischen Vortragsredner spannend nach. Dabei verweist er nicht nur auf die Radioansprachen „Deutsche Hörer!“, mit denen Thomas Mann gegen den Nationalsozialismus kämpft, sondern zeigt auch sein Eintreten für den Zionismus.
Kai Sina: Was gut ist und was böse. Thomas Mann als politischer Aktivist. Propyläen. 304 Seiten. 24 Euro.
Thomas Mann vor dem Mikro: „Deutsche Hörer!“ Unter diesem Titel wendet sich Thomas Mann seit Oktober 1940 an die Menschen im Deutschland Adolf Hitlers. Der Literat wird zum Kämpfer – und zum Publizisten, der sich der damals avancierten Medientechnik bedient. In den USA spricht er seine kurzen Reden auf Schallplatten, die nach London übertragen werden und dort vor einem Mikrofon ablaufen. Wer im nationalsozialistischen Deutschland so mutig ist, BBC zu hören, kann dem von den Nazis verfemten Thomas Mann lauschen. Und der spricht den Deutschen rhetorisch wirkungsvoll ins Gewissen. Diese Ansprachen sind ein kraftvolles Zeugnis für den engagierten Kampf eines Intellektuellen gegen die Diktatur. Jetzt sind sie in einer Leseausgabe wieder greifbar. Eine Pflichtlektüre, jetzt wieder!
Thomas Mann: Deutsche Hörer! Radiosendungen nach Deutschland. Neuausgabe mit einem Vorwort und einem Nachwort von Mely Kiyak. S. Fischer. 272 Seiten. 24 Euro.
Blick auf die Brüder: Als Schriftsteller Konkurrenten, als Intellektuelle im Zwist, im Exil wieder vereint: Die Geschichte der berühmten Brüder Thomas und Heinrich Mann nimmt für die Geistesgeschichte der Moderne höchst aufschlussreiche Wendungen. Hans Wißkirchen, Präsident der Thomas-Mann-Gesellschaft und einer der intimsten Kenner der Biografien und Werke beider Autoren, entwirft ihre Lebenswege als Doppelbiografie. Damit überwindet er eine Spaltung, die zu lange die Beschäftigung mit den Manns geprägt hat. Jenseits ideologischer Parteinahme zeichnet er die Wege der Brüder nach und interpretiert ihr Verhältnis als permanente gegenseitige Korrektur. Wißkirchen wertet dafür neues Material aus und lässt eingefahrene Wege der Mann-Deutung hinter sich. Gerade im Jubiläumsjahr ein unverzichtbares Buch, das am 23. April 2025 erscheinen soll.
Hans Wißkirchen: Zeit der Magier. Heinrich und Thomas Mann. 1871-1955. S. Fischer. 464 Seiten. 28 Euro.
Das große Glück: Er hat mehrere Filme über die Manns gedreht, mit der Fernsehserie „Die Manns“ das Bild dieser Künstlerfamilie in weiten Kreisen maßgeblich geprägt: Heinrich Breloer. Jetzt hat der Filmautor selbst einen Roman herausgebracht, der dieses Bild noch einmal weiter differenziert. Breloer beschreibt das Leben des jungen Thomas Mann, der in München um die Hand von Katia Pringsheim wirbt und im Begriff ist, sich nicht nur als Autor, sondern auch gesellschaftlich in den besseren Kreisen zu etablieren. Das „tadellose Glück“, das Breloer dem jungen Autor bescheinigt, kennzeichnet eine wichtige biografische Phase im Leben des späteren Literaturnobelpreisträgers. Auf der Grundlage jahrelanger Recherchen erzählt Breloer die Jahre des Aufstiegs von Thomas Mann aus einer ganz neuen Perspektive. Ob dieses Buch auch das literarische Ereignis sein wird, das der Verlag verspricht? Das möge jeder Leser selbst entscheiden.
Heinrich Breloer: Ein tadelloses Glück. Der junge Thomas Mann und der Preis des Erfolgs. DVA. 464 Seiten. 24 Euro.
Die neue, große Biographie: Der ganze Thomas Mann, sein ganzes Dichterleben? Wer das sucht, könnte bei Tilmann Lahme fündig werden. Der Untertitel „Ein Leben“ klingt nicht aufregend. Dafür bietet das Buch aber auf rund 500 Seiten den Überblick über die ganze Vita dieses Jahrhundertautors. Tilmann Lahmes Buch, das am 15. Mai 2025 erscheinen soll, könnte das neue Standardwerk unter den Biographien Thomas Manns werden. Denn der Autor Tilmann Lahme, früher im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, kennt sich mit seinem Thema bestens aus. Er hat bereits Lebensbeschreibungen über Golo Mann und die Familie Mann veröffentlicht. Zum Jubiläumsjahr kommt er jetzt mit dem Hauptstück seines Mann-Werkes auf den Markt – der neuen, umfassenden Lebensbeschreibung Thomas Manns. In der Ankündigung wird Thomas Mann als der „literarische Magier“ seines Jahrhunderts beschrieben. Eine hübsche Formel. Welche Thesen Lahmes Buch wirklich bereithält, welche neue Sicht auf Thomas Mann es wirklich eröffnet – das alles wird man sehen müssen.
Tilmann Lahme: Thomas Mann. Ein Leben. dtv. 512 Seiten. 28 Euro.
Auf der Reise nach Italien: Der Titel klingt ein wenig nach Thomas Manns „Doktor Faustus“. Dabei geht es in dem Roman von Matthias Lore um ein ganz anderes Thema. Der Autor schickt Thomas Mann und seinen Bruder Heinrich als junge Männer auf die Reise nach Italien. Beide befinden sich am Anfang ihrer literarischen Laufbahn, beide suchen noch nach ihrem Platz im Leben. Brüderlichkeit, Rivalität – zwischen Thomas und Heinrich Mann herrschen Eintracht ebenso wie aufkommende Rivalität. Und dann macht Thomas Mann in Palestrina auch noch eine Entdeckung, die sein Leben verändern wird. Lore macht aus dem Leben der beiden großen Romanciers selbst einen Roman, in dem die künftigen Berühmtheiten noch nicht ganz ausgeformt und gereift erscheinen. Bester Stoff also für eine ganz eigene Annäherung an das Leben der beiden berühmten Brüder Mann.
Matthias Lore: Teufels Bruder. Thomas Mann und sein Bruder Heinrich auf Italienreise. Piper. 544 Seiten. 25 Euro.
Auf dem Weg zum Demokraten: Die Demokratie ist in Gefahr! Das Lebensgefühl, das heute als Gefahr begriffen wird, war Thomas Mann als Alltag vertraut. Er erlebte die Instabilität der Republik von Weimar, sah mit an, wie die Demokratie und mit ihr die Freiheit attackiert wurde. Mit Vorträgen wie „Von deutscher Republik“ und „Vom zukünftigen Sieg der Demokratie“ kämpfte Thomas Mann ab 1922 entschlossen für die Demokratie. Nachdem er zunächst noch dem Kaiserreich angehangen hatte, wandelte sich der Autor um 1920 zum überzeugten Republikaner. Der Band versammelt Schlüsseltexte, die diesen Weg Thomas Manns dokumentieren. Dieses Lesebuch zeigt nicht nur den Weg des politischen Thomas Mann auf, es versammelt auch grundlegende Argumente für die Demokratie und zeigt, dass die Freiheit Fürsprecher und engagierte Zeitgenossen braucht, um erhalten werden zu können. Ein Buch der Stunde!
Thomas Mann: Zur Verteidigung der Demokratie. Politische Schriften. Herausgegeben von Kai Sina und Matthias Löwe. S. Fischer. 288 Seiten. 16 Euro.