Hamburg/Bersenbrück  350 Euro für einen Vollzeitjob? Wieso das David Nees aus Bersenbrück genügt

Isabel Athmer, Tim Prahle
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Von Isabel Athmer, Tim Prahle
| 08.02.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
David Nees aus Bersenbrück macht ein Freiwilliges Ökologisches Jahr. Foto: Isabel Athmer
David Nees aus Bersenbrück macht ein Freiwilliges Ökologisches Jahr. Foto: Isabel Athmer
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Über die Freiwilligendienste können junge Menschen erstmals in Berufe reinschnuppern. Viel Geld für das Engagement gibt es wegen der knappen Haushaltslage nicht. Und von manch politischer Forderung nach einem verpflichtenden Gesellschaftsjahr sind nicht mal die Wohlfahrtsverbände wirklich begeistert.

Ausbildung, Studium oder doch etwas anderes? David Nees hat im vergangenen Jahr sein Abitur gemacht und stand vor eben dieser Frage. Der Bersenbrücker war zunächst unschlüssig, wie es für ihn weitergehen soll, und hat sich daher für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) beim Naturschutz- und Bildungszentrum (nbz) Alfsee in Rieste entschieden – nur wenige Kilometer von seinem Heimatort entfernt. 

Seit August 2024 leitet er eine Natur-AG an einer Grundschule, betreut Kindergruppen, unterstützt die Öffentlichkeitsarbeit und begleitet seine Kollegen ins Moor oder zu Vogelbeobachtungen. „Das FÖJ gibt einen guten Gesamtüberblick über die Berufsfelder und hilft bei der Selbstorientierung“, findet der 20-Jährige.

Das Freiwillige Soziale Jahr gibt es seit mittlerweile 60 Jahren, das FÖJ kam 1993 hinzu. 2011 folgte der Bundesfreiwilligendienst als Ersatz für den weggefallenen Zivildienst. Rund 80.000 vor allem junge Menschen engagierten sich 2024 freiwillig – an Zivildienstzeiten reichen die Zahlen längst nicht heran. Und wegen der klammen Haushaltslage wurde bei den Freiwilligendiensten immer wieder gekürzt.

„Wir leben das zweite Jahr in Folge mit Mittelkürzungen bei einem FSJ-Jahrgang“, sagt Alexandra Hoorn. Sie ist Sprecherin vom Bundesarbeitskreis (BAK) Freiwilliges Soziales Jahr. Allein bei FSJ und FÖJ will die Bundesregierung 2025 rund 17 Millionen Euro streichen. Beim Bundesfreiwilligendienst sind ebenfalls Millionen an Einsparungen vorgesehen.

Das Geld geht an die Träger, meistens Wohlfahrtsverbände. Die dürfen es beim FSJ aber nur für die pädagogische Begleitung der Freiwilligen ausgeben – und die sei mittlerweile viel aufwändiger. Die Corona-Jahre hätten Spuren hinterlassen. „Viele müssen sich noch orientieren, die Selbstständigkeit hat eher abgenommen“, sagt Hoorn. Mehr Geld und mehr Planungssicherheit sind zentrale Forderungen vom BAK. Am Taschengeld, das die Freiwilligen bekommen, würde das zunächst nichts ändern. Denn das zahlen die Träger.

Das FÖJ in Niedersachsen sieht für David Nees eine Wochenarbeitszeit von 39 Stunden bei einem Taschengeld von 350 Euro pro Monat vor. Die Höhe hängt davon ab, ob die Einsatzstelle eine Unterkunft und Verpflegung stellt. Das ist bei David Nees nicht der Fall. Er wohnt weiterhin bei seinen Eltern. „Das passt auch ganz gut, weil ich nicht gerne umziehen wollte“, sagt er.

Doch so wie ihm geht es nicht jedem jungen Menschen. Die meisten Freiwilligen in Deutschland sind beim Deutschen Roten Kreuz, 10.500 waren es 2024. Für DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt steht außer Frage, dass der Freiwilligendienst attraktiver werden müsse – und das Taschengeld ist da ein entscheidender Aspekt. „Aktuell wird der Freiwilligendienst fast nur noch von Jugendlichen absolviert, deren Eltern sich das auch leisten können“, meint sie.

Eine Idee, die Alexandra Hoorn mitträgt. „Des Geldes wegen sollte es keiner machen“, sagt sie zwar, aber: Das sei dann vor allem für Menschen aus den sozial schwächeren Haushalten schwierig. Wichtiger sei ihr aber die Wertschätzung des Dienstes. Ein Deutschlandticket für alle Freiwilligen wäre eine Idee.

Freiwillige mit mehr Taschengeld und Deutschlandticket ködern? Oder sollte man die jungen Menschen zu ihrem Glück zwingen? Die Union fordert zur Bundestagswahl als einzige der großen Parteien explizit für ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr. Nur die Pläne der AfD gehen faktisch in die gleiche Richtung, da sie die Rückkehr zum Wehrdienst samt Ersatzdienst fordert.

Die Union wiederum will die Aussetzung der Wehrpflicht kontinuierlich nach Personalbedarf zurücknehmen, das verpflichtende Gesellschaftsjahr winkt perspektivisch als Alternative.

David Nees zeigt sich zwiegespalten. „An sich finde ich es gut, wenn jeder der Gesellschaft etwas zurückgibt. Aber wer schon einen klaren Plan hat, sollte dadurch nicht ausgebremst werden.“ Auch die Wohlfahrtsverbände sind nicht überzeugt: „Für einen verpflichtenden Dienst gibt es gar nicht die entsprechenden Kapazitäten. Und was macht man mit denen, die keine Lust haben?“, fragt Alexandra Hoorn. „Grundsätzlich sollte ein Engagement für die Gesellschaft eine freie Entscheidung sein.“

Sinnvoll sei es hingegen, sich anderweitig an die Bundeswehr dranzuhängen, so die Wohlfahrtsverbände. „Wenn die Bundeswehr künftig junge Menschen aktiv anschreibt, um für sich zu werben, dann könnten die sozialen Verbände sich da anschließen“, meint DRK-Präsidentin Hasselfeldt. „Wenn der Staat will, dass sich junge Menschen mehr engagieren, ist er auch in der Bringschuld“.

Weil laut Alexandra Hoorn aber wieder mehr junge Menschen Interesse am freiwilligen Engagement zeigen, haben die vielen Wohlfahrtsverbände neben der Übernahme des Taschengeldes durch den Staat noch eine ganz andere zentrale Forderung an die Politik adressiert. Das „Recht auf einen Freiwilligendienst“.

Heißt im Kern: Jede geschlossene Vereinbarung zwischen den Trägern und den Freiwilligen wird vom Bund finanziert. Die aktuellen Budgetierungen erlauben das nicht. „Jemandem abzusagen, der sich engagieren möchte, tut immer besonders weh“, so Hoorn.

Nicht wenige Freiwillige bleiben direkt in den Kitas, den Pflegeheimen, den Krankenhäusern hängen und starten ihre Ausbildung. Bei David Nees ist es umgekehrt. Er weiß jetzt: Lehrer will er nicht werden. Stattdessen will er Wirtschaftswissenschaften mit nachhaltiger Entwicklung als Schwerpunkt studieren.

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