Politik in Großefehn  Jochen Beekhuis gibt Grünen und Linken die Stimme zurück

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 11.02.2025 13:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Steffen Wirsik (Grüne, links), der parteilose Jochen Beekhuis (rechts) und Marcus Stahl (Die Linke, an diesem Sitzungstag krank) haben sich zu einer Gruppe zusammengetan. Foto: Böning
Steffen Wirsik (Grüne, links), der parteilose Jochen Beekhuis (rechts) und Marcus Stahl (Die Linke, an diesem Sitzungstag krank) haben sich zu einer Gruppe zusammengetan. Foto: Böning
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Grüne und Linke im Rat Großefehn holen Jochen Beekhuis nach der Chat-Affäre 2019 „in die Mitte der Politik“ zurück. Gemeinsam gründen sie eine neue Gruppe. Ist jetzt alles vergeben und vergessen?

Großefehn - Der Gemeinderat Großefehn hat eine neue Gruppe: Marcus Stahl (Die Linke) und Steffen Wirsik (Grüne) haben sich mit dem parteilosen Jochen Beekhuis zusammengetan. Unter dem Namen „Gemeinsam für Großefehn – GfG“ werden sie zukünftig gemeinsam auftreten. Die Gruppe „Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke“ wurde aufgelöst. Eine überraschende Wende, aus mehreren Gründen. Auf Facebook würde man für die neue Allianz im Großefehntjer Rat einfach den Beziehungsstatus auf „Es ist kompliziert“ setzen und alles wäre klar.

Denn auch wenn für die drei Kommunalpolitiker offiziell nichts dabei ist, so ganz einfach ist ihr Zusammenschluss zu einer neuen Gruppe eben nicht. Unter anderem, weil sich dadurch auch das Kräfteverhältnis bei Abstimmungen in den Ausschüssen wieder verschiebt. Denn nachdem sich Ratsmitglied Kay Bents im Juni 2024 erst von den Grünen losgesagt und im August 2024 der SPD-Fraktion angeschlossen hat, wanderte auch die gemeinsame Stimme in den Ausschüssen dorthin.

Ein Gewinn – auch für Grüne und Linke

Mit Wirsik und Stahl waren nur noch zwei verbliebene Mitglieder der Gruppe „Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke“ übrig – zu wenig für ein Stimmrecht. Also hatten sie als beratende Mitglieder lediglich ein Anhörungsrecht. Damit ist es jetzt vorbei. Durch die neue Gruppe mit Beekhuis hat die SPD zukünftig in den Ausschüssen wieder eine Stimme weniger – dafür können Stahl, Wirsik und Beekhuis jetzt ebenfalls die Hand heben.

Dass der SPD das nicht unbedingt schmeckt, ist klar. „Muss man so hinnehmen“, schreibt SPD-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Dirksen aus dem Urlaub über WhatsApp. In dem letztendlich entscheidenden Verwaltungsausschuss habe die Änderung eh keinen Einfluss, heißt es aus Parteikreisen. Dann ist da noch die Chat-Affäre, die den aufstrebenden Nachwuchspolitiker Jochen Beekhuis im Jahr 2019 zu Fall brachte. In privaten Nachrichten soll Beekhuis Frauen, Homosexuelle und Übergewichtige beleidigt haben. Die Nachrichten gelangten Anfang 2019 an die Öffentlichkeit. Mit fingierten Leserbriefen soll der Fehntjer zudem Stimmung gegen Parteifreundinnen gemacht haben.

Rückkehr in die Mitte der Politik

Beekhuis wurde damals nach langem Hin und Her zuerst aus der SPD-Landtagsfraktion und dann aus der Partei ausgeschlossen. Doch ist er inzwischen geläutert? Entschuldigt hat sich Beekhuis öffentlich nie. Der Gruppenvorsitzende Steffen Wirsik findet schon. „Es ist Zeit, Jochen Beekhuis in die Mitte der Politik zurückzuholen“, sagt er. Vielleicht auch ein Zeichen des Vertrauens: Beekhuis ist jetzt offiziell sein Stellvertreter.

Man habe sich am vergangenen Freitag, 31. Januar 2025, getroffen, alles besprochen und gemeinschaftlich diesen Schritt beschlossen. Gleich am Wochenende habe man Bürgermeister Erwin Adams (parteilos) von dieser Entscheidung in Kenntnis gesetzt – mit der Bitte, die neue Sitzverteilung bekannt zu geben. „Damit wollen wir in die Entscheidungen der Fachausschüsse wieder mehr Sachlichkeit bringen“, so Wirsik.

Was sagt die SPD zur neuen Gruppe?

Wie die SPD Beekhuis‘ Rückkehr in die Mitte der Politik bewertet, ist schwer zu sagen. Der Fraktionsvorsitzende Wolfgang Dirksen bittet um Verständnis, dass er sich dazu nicht äußern möchte. Sein Stellvertreter Matthias Heeren sagt, er habe aufgrund einer Erkrankung die aktuelle Diskussion nicht mitbekommen und würde sich dazu lieber nicht äußern. Die andere Stellvertreterin Annika Bohlen schreibt über WhatsApp, sie habe den Aussagen ihrer Fraktionskollegen nichts hinzuzufügen.

Beekhuis habe sich wie andere Ratsmitglieder eingebracht und Anträge gestellt, heißt es aus dem Rat. Darunter der Antrag, eine Resolution zum Thema Wolf zu erlassen im Jahr 2023, der alle Ausschussmitglieder zustimmten, und ein Antrag zu „Starkregen – Welche Vorkehrungen kann die Gemeinde treffen?“. Ist also alles vergeben und vergessen? Beekhuis lächelt und geht zurück an seinen Platz in der Mensa der KGS Großefehn – die Glocke zum nicht öffentlichen Teil der Sitzung wurde geläutet. Steffen Wirsik dreht sich bei der Frage noch einmal um, lächelt und winkt ab. „Alles ist gut, wir fangen neu an“, sagt er. Irgendwann muss ja auch einmal gut sein.

In den öffentlichen Sitzungsunterlagen war neue Gruppe kein Thema

Der Zusammenschluss habe neben der gewonnenen Stimme für alle auch einen pragmatischen Nutzen. „Wir können uns die Ausschüsse gut aufteilen“, so Wirsik. Sein eigener Schwerpunkt ist zukünftig der Ausschuss für Finanzen, Personal und Tourismus. Marcus Stahl wird sich auf den Ausschuss für Bildung, Jugend, Senioren, Sport, Soziales und Kultur konzentrieren und Jochen Beekhuis auf den Ausschuss für Bau, Planung, Landwirtschaft, Feuerschutz, Umwelt und Wirtschaftsförderung – in dem er schon vorher als beratendes Mitglied vertreten war.

Die Sitzverteilung stand in der Sitzung des Gemeinderates am Donnerstag, 6. Februar 2025, bereits auf der Tagesordnung – auch wenn im Bürgerinformationsportal bis zu ihrem Beginn nichts von der Personalrochade mit Jochen Beekhuis und der neuen Gruppe zu finden war. Es ging stattdessen um das Ausscheiden von Ratsmitglied Frank Weber (CDU). Er hatte am 30. November 2024 sein Mandat im Rat der Gemeinde Großefehn mit sofortiger Wirkung niederlegt.

Weber hatte unter anderem als Dr. Charly, benannt nach der norddeutschen Kult-Mischung von Cola und Weinbrand, mit Ballermann-Songs auf sich aufmerksam gemacht. Für die CDU engagierte er sich im Ausschuss für Bildung, Jugend, Senioren, Sport, Soziales und Kultur, wo er nach eigenen Angaben die jüngeren Generationen stärker ansprechen wollte. Seinen Sitz im Rat der Gemeinde Großefehn übernimmt Joachim Weber (CDU).

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