Hannover  Arbeitsminister Philippi mahnt: „Wir müssen alles tun, damit die Leute gern zu uns kommen“

Stefan Idel
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Von Stefan Idel
| 05.02.2025 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Will Standards senken, damit Fachkräfte aus dem Ausland nach Deutschland kommen: Niedersachsens Sozialminister Andreas Philippi (SPD), der auch für den Bereich Arbeit zuständig ist. Foto: IMAGO/Henning Scheffen
Will Standards senken, damit Fachkräfte aus dem Ausland nach Deutschland kommen: Niedersachsens Sozialminister Andreas Philippi (SPD), der auch für den Bereich Arbeit zuständig ist. Foto: IMAGO/Henning Scheffen
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In Niedersachsen fehlen rund 60.000 qualifizierte Arbeitskräfte. Die Landesregierung will das Problem mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen lösen. Sozialminister Philippi erklärt die Strategie.

Der Bund erleichtert die Fachkräftezuwanderung. Auch Niedersachsen muss sich stärker im Ausland bekannt machen, erklärt Sozialminister Andreas Philippi (SPD) im Interview.

Frage: Herr Minister, Fachkräfte werden händeringend gesucht. Doch noch immer verlassen Zehntausende Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Wie können sie fit gemacht werden für den Arbeitsmarkt?

Antwort: Philippi: Jeder Jugendliche ohne Abschluss ist einer zu viel. Daher hat immer Priorität, allen den Abschluss zu ermöglichen. Wer das nicht schafft, kann dennoch in Ausbildung und dann in der berufsbildenden Schule einen Abschluss nachholen.

Antwort: In Niedersachsen haben wir für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz außerdem die Berufseinstiegsschule, um Ausbildungsreife zu vermitteln oder einen Abschluss. Viele Jugendliche brauchen eine feste Struktur oder eine intensivere Begleitung aufgrund von besonderen Problemlagen Ich denke da an Jugendwerkstätten und die Pro-Aktiv-Centren. Das Land bietet einen Strauß an Qualifikationsmaßnahmen.

Frage: Die Ansprüche des Arbeitsmarktes werden immer höher. Die Koalition hat eine Weiterbildungsstrategie angekündigt. Was ist daraus geworden?

Antwort: Der Entwurf der Weiterbildungsstrategie zur Stärkung der beruflichen Weiterbildung wird gerade erarbeitet. Die finale Beschlussfassung der Landesregierung ist für Mitte 2025 anvisiert. Aber es gibt mehr: Die niedersächsische Meisterprämie wird bis Dezember 2026 fortgeführt.

Antwort: Über das Förderprogramm „Regionale Initiativen und Kooperationen für Frauen am Arbeitsmarkt (RIKA)“ wurden bisher 46 Projekte für bessere Chancen von Frauen am Arbeitsmarkt durchgeführt. Bereits mehr als 4.500 Frauen haben Beratung und Unterstützung erhalten. Bis Ende 2027 stehen aus Landes- und Europa-Mitteln rund 40. Mio. Euro zur Verfügung.

Frage: Die Einwanderung von Fachkräften aus Drittländern soll erleichtert werden. Was tut das Land, um diesen Prozess zu beschleunigen?

Antwort: Derzeit intensivieren wir den Kontakt zu Regionen in Marokko, Kolumbien und Indien, um Niedersachsen bei Zuwanderungswilligen bekannt zu machen und eine faire und nachhaltige Integration im Einklang mit den Herkunftsländern zu ermöglichen. Ein Beispiel: Beim Modellprojekt „Adelante! Colombia“ fördern wir gezielt ein überbetriebliches Vorhaben zur Fachkräfteanwerbung, das auch für kleine und mittlere Unternehmen offen steht. Denn die haben oft keine Kapazitäten, um das für die Auslandsrekrutierung nötige Know-how selbst aufzubauen.

Antwort: Im Projekt werden nach Vorgabe der Unternehmen zuerst in Kolumbien qualifizierte Kandidatinnen und Kandidaten ausgewählt. Nach einem persönlichen Online-Gespräch entscheiden die Unternehmen, wer zu ihnen passt. Die ausgewählten Fachkräfte machen dann schon in Kolumbien einen Deutschkurs. Nach der Einreise starten sie in den hiesigen Unternehmen in betriebliche Anpassungsqualifizierungen und erwerben auf diesem Weg die Anerkennung ihrer kolumbianischen Abschlüsse in Deutschland. Nach dem Abschluss können sie dann wie jede deutsche Fachkraft in ihrem Beruf beschäftigt werden.

Antwort: Entscheidend ist für mich, dass wir unsere Unternehmen bei der Fachkräfterekrutierung aus dem Ausland ermutigen und unterstützen. Auf Basis der Erfahrungen verändern wir in Niedersachsen dann die Stellschrauben, auf die wir Einfluss haben. Deshalb hat die Landesregierung beispielsweise entschieden, die Zuständigkeit für das sogenannte beschleunigte Fachkräfteverfahren von den 52 kommunalen Ausländerbehörden auf eine zentrale Ausländerbehörde des Landes, der Zentralstelle für das beschleunigte Fachkräfteverfahren, zu übertragen. Im Rahmen von geförderten Modellvorhaben identifizieren wir zudem weitere Optimierungspotenziale.

Frage: Als Flaschenhals gilt die deutsche Bürokratie.

Antwort: Ja leider. So dauern die Visaverfahren noch viel zu lange. Insgesamt müssen wir in den deutschen Behörden die Verfahren weiter digitalisieren und besser aufeinander abstimmen. Deshalb unterstützen wir ausdrücklich, dass die Bundesregierung die Kompetenz zur Antragsbearbeitung von Visaverfahren für Fachkräfte jetzt im neuen Bundesamt für Auswärtige Angelegenheiten zentralisiert hat.

Antwort: Neben einer Beschleunigung der Verfahren brauchen wir außerdem vor allem eine konsequente Digitalisierung aller Verwaltungsverfahren über das gesamte Einwanderungsverfahren hinweg. Ebenso wichtig ist die personelle Ausstattung in den Behörden. Denn auch hier machen sich Fachkräfteengpässe bemerkbar.

Frage: Trotz Fachkräftemangels sollten zehn kolumbianische Pflegekräfte, die in einem Heim im Kreis Rotenburg beschäftigt sind, abgeschoben werden. Wie kann das sein?

Antwort: Genau solche Fälle wollen wir vermeiden: Diese Menschen kamen nicht über das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, sondern hatten Asylanträge gestellt, was aber nicht zielführend war, weil Asylanträge aus Kolumbien fast keine Chance auf Anerkennung haben. Daher waren sie ausreisepflichtig. Inzwischen ist das Problem gelöst. Die Betroffenen haben Ausbildungsverträge erhalten.

Frage: Stimmt die Willkommenskultur in Deutschland? Oder schreckt die Debatte um Asyl und Migration die Menschen eher ab?

Antwort: Allein das Unwort von der „Remigration“ zeigt, dass unsere Willkommenskultur völlig unterentwickelt ist. Viele werden sich in dem aktuellen Klima zweimal überlegen, ob sie nach Deutschland gehen. Und ein Spiel mit der Angst der Menschen, wie es Unions-Kanzlerkandidat Merz betreibt, schreckt noch mehr ab. Dabei ist es doch sonnenklar, dass wir einen hohen Fach- und Arbeitskräftebedarf haben, um unseren wirtschaftlichen Standard halten zu können. Wir müssen alles tun, damit die Leute gern zu uns kommen.

Frage: Müssen wir dabei Standards senken – beispielsweise auch Englisch als Sprache zulassen?

Antwort: Wir müssen uns öffnen, auch bei der Sprache. Wo dann was gelockert wird, muss man je nach Branche und Bedarf diskutieren müssen. Wir müssen auch Ausbildungsstandards senken – etwa in der Pflege. Dort reicht vielfach eine ein- oder zweijährige Ausbildung, um die Menschen an Bord zu holen.

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