Hannover Großdemo in Hannover: Wofür 20.000 Jäger heute auf die Straße gegangen sind
Seit Wochen wütet ein Streit zwischen Jägerschaft und der Landesregierung um geplante Einschränkungen bei der Jagd – vor allem bei der Ausbildung von Jagdhunden. Trotz Zugeständnissen haben Jäger bundesweit mobilisiert – und waren heute in Hannover auf der Straße.
„Damit hätte ich niemals gerechnet“, sagt Karl-Wilhelm Jacobi (57), Vorsitzender der Kreisjägerschaft Oldenburg-Delmenhorst. Selten habe eine Kundgebung so einen Eindruck hinterlassen. Etwa 20.000 Jäger protestierten am Donnerstag in Hannover gegen die geplanten Änderungen bei der Reform des niedersächsischen Jagdgesetzes. Zu sehen waren Plakate wie „Jagd ist Naturschutz“ oder „Jetzt geht’s ums Ganze“. Die Teilnehmer trugen ihre grellen Signaljacken. Alarmstufe Orange in der Landeshauptstadt.
Die Demonstranten reisten mit Bussen aus allen Landesteilen an. „Unser erster Bus startete um 5.30 Uhr in Hohenkirchen“, berichtete Jens Damm (Wangerland), Vorsitzender der Kreisjägerschaft Friesland/Wilhelmshaven. Gleich mit sieben Bussen, insgesamt 400 Personen, reiste die Kreisjägerschaft Oldenburg/Delmenhorst an. Jürgen Gösling von der Jägerschaft Wittlage (Kreis Osnabrück) meldete etwa 130 Teilnehmer. Treffpunkt war der Schützenplatz in Hannover. Wegen der riesigen Beteiligung traf der kilometerlange, orangefarbene Protestzug durch die City erst gut 60 Minuten später am Landtag ein.
„Wirklichkeitsfremd und unnötig“
Dort kritisierte der Präsident der Landesjägerschaft (LJN), Helmut Dammann-Tamke, die geplanten Änderungen des Jagdrechts als „wirklichkeitsfremd und unnötig“. Das Gesetz sei erst 2022 auf den neusten Stand gebracht worden; es gebe keinen Grund daran zu rütteln. Dammann-Tamke berichtete von einer Podiumsdiskussion der Grünen-Landtagsfraktion. Dort sei der Entwurf des aus Sicht des LJN-Präsidenten „ideologisch vorgeprägten Gesetzes“ erstmals vorgestellt worden. Inzwischen hat Agrarministerin Miriam Staudte (Grüne) ein Eckpunktepapier vorgelegt, das viele angekündigte Veränderungen wieder zurückgenommen hat. Das Papier ist aus Sicht Dammann-Tamkes jedoch „in vielen Punkten noch nebulös“.
Der Streit beim Jagdgesetz dreht sich unter anderem um die Frage, ob die Ausbildung von Jagdhunden mit lebenden Tieren wie Füchsen oder Enten erlaubt bleiben soll. Dammann-Tamke sagte, das sei eine rote Linie. Wer die Ausbildung und Prüfung der Jagdhunde am lebenden Tier verbieten wolle, bekomme es mit dem „erbitterten, dem stärksten Widerstand“ der Landesjägerschaft Niedersachsen zu tun.
Die Jägerschaft hatte bundesweit mobilisiert. Unter den Demonstranten zu sehen war auch Unternehmer Clemens Tönnies (68), einst Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04, der mit Jägern aus dem ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück angereist werd. Dammann-Tamke sagte, grundsätzlich vermisse die Jägerschaft auch eine Anerkennung für das, was sie täglich ehrenamtlich leiste: von der 24-Stunden-Rufbereitschaft bei Wildunfällen, über die Seuchenprävention bis hin zur Kitzrettung bei der Ernte.
Gut ausgebildete Hunde benötigt
Mit einem gellenden Pfeifkonzert wurde die Agrarministerin auf der Bühne empfangen. Ihre Aussage, dass sie selbst vor zehn Jahren die Jagdprüfung abgelegt habe, wurde teils mit höhnischem Lachen quittiert. Staudte betonte, bei vielen Punkten habe man bereits eine Einigung mit der Jägerschaft gefunden. Die Nutria-Jagd bleibe im Jagdgesetz. Sie wolle aber prüfen lassen, ob beim Training der Jagdhunde in Fuchsbauten lebende Füchse oder besser Dummys eingesetzt werden. Auch bei der Ausbildung der Hunde mit lebenden Enten will sie Alternativen suchen. „Es ist selbstverständlich nicht so, dass wir vorhaben, die Jagd abzuschaffen“, rief die Grünen-Politikerin den Jägern zu. Ihr sei es „ein Anliegen, dass die Jagd sich weiterentwickelt“.
Ihr Vorredner, der SPD-Landtagsabgeordnete Christoph Willeke, sicherte den Jägern zu: „Es wird kein Verbot für die Ausbildung am lebenden Tier geben.“ Der Grund: „Wir brauchen gut ausgebildete Jagdhunde.“ Auch dürften Jäger weiterhin verwilderte Hauskatzen töten, wenn sie mehr als 350 Meter vom Haus aufgegriffen werden.
Protest des „Wildtierschutzbundes“
Allerdings solle die Jagd in Erdbauten nicht erlaubt bleiben, so Willeke. Es gebe gute Alternativen und man müsse das „unnötige Risiko der Tierverletzung“ vermeiden. Die Ankündigung wurde mit Pfiffen quittiert. Zu einer Gegendemonstration des „Wildtierschutzbundes Deutschland“ versammelten sich nach Polizeiangaben rund 250 Menschen. Die Tierschützer warfen der Ministerin vor, vor der „Jagdlobby eingeknickt“ zu sein, es gebe beim Tierschutz keine Verbesserungen. Vermummte Aktivisten zündeten Rauchfackeln auf einem Landesgebäude.
Das Echo in der Jägerschaft auf die Aussagen der Politik fiel geteilt aus. Viele Ankündigungen seien zu unkonkret, meinte Jens Damm. Der Wildeshauser Karl-Wilhelm Jacobi sagte, die Statements seien sehr sachlich gewesen. Nun hoffe er, dass der Protest Wirkung zeige. „Nun hat die Politik gemerkt, woher der Wind weht“, sagte Jürgen Gösling von der Jägerschaft Wittlage. Und LJN-Präsident Dammann-Tamke: „Wir nehmen nun unsere Landwirtschaftsministerin und auch die SPD-Fraktion beim Wort.“ Andernfalls komme man wieder.