Düsseldorf  Schauspieler Jürgen Tonkel ist Punk-Drummer: Natürlich hatte ich grüne Haare

Joachim Schmitz
|
Von Joachim Schmitz
| 31.01.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Seit über 40 Jahren Schlagzeuger: Jürgen Tonkel. Foto: dpa/Sven Hoppe
Seit über 40 Jahren Schlagzeuger: Jürgen Tonkel. Foto: dpa/Sven Hoppe
Artikel teilen:

Aus Fernsehen oder Kino kennt man den Schauspieler Jürgen Tonkel. Weniger bekannt ist seine zweite Karriere – als Punk-Drummer.

Fernsehzuschauer haben Jürgen Tonkel vielfach als Polizisten, Bürgermeister, Familienvater oder Verbrecher in Serien wie „Die Chefin“, „Rosenheim-Cops“ oder „Tatort“ gesehen. Doch der 62-Jährige ist auch vor über 40 Jahren als Schlagzeuger in die Punk-Band A+P eingestiegen und spielt heute immer noch. Dass sie in der DDR so populär waren wie die Toten Hosen, ohne davon zu wissen, und warum Schlagerkönig Ralph Siegel ausgerechnet eine Punk-Band förderte, erzählt er bei ein paar lauwarmen Tassen Cappuccino in der Rooftop-Bar eines Düsseldorfer Hotels:

Frage: Herr Tonkel, Sie sind ja nicht nur Schauspieler, sondern auch Schlagzeuger einer Punk-Band. Haben Sie eigentlich jemals grüne Haare gehabt?

Antwort: Natürlich hatte ich grüne Haare, auch blaue. Was zur Folge hatte, dass mich meine Mutter mit 19 zu Hause rausgeschmissen hat – bei uns in Bayern war schließlich alles erzkatholisch und sehr dörflich. Ich habe tatsächlich auch mehrere Jahre keinen Kontakt zu meinen Eltern gehabt, weil ich für sie der verlorene Sohn war.

Frage: In einem solchen Umfeld ist ein Punker als Sohn natürlich schwer verkraftbar.

Antwort: Ja, ich habe in einer Punk-Band, aber auch in einer Neuen-Deutschen-Welle- Band gespielt und nebenher immer gejobbt, weil ich damit natürlich kaum Kohle verdient habe.

Frage: Wie sind Sie denn damals in diese Punk-Band A+P gekommen?

Antwort: An meiner Schule wurde Musik sehr gefördert, auch Rockmusik. Es gab viele Söhne und Töchter reicher Leute, die einen Übungsraum im Keller hatten, und deshalb auch viele Bands. Wir waren zwar arm, aber ich hatte zu Mitschülern diese Kontakte, und die haben mich als Schlagzeuger genommen. Meine letzte Schulband hieß „Innerdeutsche Beziehungen“, spielte Neue Deutsche Welle und hat im süddeutschen Raum durchaus Furore gemacht.

Frage: Von Neuer Deutscher Welle zu Punk ist es ja nicht gerade der kürzeste Weg.

Antwort: Den drei Jungs war der Schlagzeuger abhandengekommen, deshalb haben sie mich gefragt und wir haben dann sehr schnell gemerkt, dass es gut funktioniert. Meine Mutter hatte mich wegen der grünen Haare rausgeschmissen, daraufhin hab ich auch bei denen gewohnt. Das waren drei Brüder, die Söhne eines großen Fernsehregisseurs. Die wohnten in einem Haus am Starnberger See. Philipp, der Sänger, war dann während eines Schulaustauschs in London und ist da vom Punk total geflasht worden.

Frage: Söhne aus wohlhabendem Haus am Starnberger See …

Antwort: … waren in der Punk-Szene natürlich nicht gerade angesagt, wir wurden auch in der Münchner Szene nicht akzeptiert und total gedisst. Aber wir hatten deutsche und sehr linke Texte, und die kamen wiederum an.

Frage: Sie selbst sind ja nicht der typische reiche Starnberger-See-Junge gewesen.

Antwort: Im Gegenteil. Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen, mein Großvater war Tagelöhner und Torfstecher, mein Vater ostpreußischer Kriegsflüchtling, den es nach Bayern verschlagen hat und der bei der Arbeit in einer Fabrik meine Mutter kennengelernt hat. Wir haben in einem sehr kleinen Haus mit Plumpsklo gelebt, unten meine Großeltern, oben meine Eltern, meine beiden Schwestern und ich. Diese sehr ärmlichen Verhältnisse haben mich geprägt. Aber ich war auch Ministrant und so etwas wie der Liebling unseres wirklich sehr guten Dorfpfarrers, der zu meinen Eltern sagte: Der Junge muss aufs Gymnasium.

Frage: Ging das denn finanziell überhaupt?

Antwort: Eigentlich war es in meinem Umfeld außerhalb jeglicher Realität, aber der Pfarrer hat damit den Ehrgeiz meiner Mutter entfacht, deshalb durfte ich als einziger aus unserer gesamten Verwandtschaft und als eines von vier Kindern aus dem Dorf aufs Gymnasium gehen. Dadurch hat sich für mich eine neue Welt aufgetan, auch wenn es anfangs sehr schwer war. Am Ende bin ich mit Punk radikal aus diesem System ausgebrochen.

Frage: Haben Sie weder eine Lehre noch ein Studium gemacht?

Antwort: Im Scherz sage ich immer, ich habe nichts gelernt und tue – als Schauspieler - mein ganzes Leben lang so, als ob ich alles könnte. Ich habe aber in vielen Jobs gearbeitet und ich habe auch studiert: ein Semester Jura und danach noch ein bisschen Politikwissenschaften und Geschichte, ich habe aber nichts abgeschlossen und die ganze Zeit parallel dazu als Musiker auf Bühnen gestanden.

Frage: Als Schlagzeuger.

Antwort: Ja, obwohl mein Vater es mir als Jugendlicher verboten hatte. Aber ich habe mit 13 schon mit dem Fahrrad Prospekte ausgefahren und mit 15 in den Sommerferien in einer Fabrik gearbeitet – von den da verdienten 400 Mark habe ich mir dann mein erstes Schlagzeug gekauft. Ich war eh immer hyperaktiv, nicht kontrollierbar und habe einfach gemacht. Ein Jahr später habe ich dann schon in einer Band auf der Schulbühne gespielt.

Frage: Und dann Punk. Der Bandname A+P steht für Attraktiv und Preiswert, oder?

Antwort: Ja, das war eine Billigmarke von Tengelmann. So wie es heute „Gut und günstig“ oder „Ja“ gibt, gab es früher „Attraktiv und Preiswert“.

Frage: In der DDR war A+P damals ähnlich populär wie die Toten Hosen. Haben Sie davon überhaupt etwas mitgekriegt?

Antwort: Nichts, null komma null. Wir haben davon erst nach über 20 Jahren erfahren. Wir hatten uns ja 1984 aufgelöst und meine erste Frau wollte auch mit diesem Punk-Ding überhaupt nichts zu tun haben. Drei Töchter und eine Trennung später hat Phillip dann 2004 gefragt, ob wir mal wieder zusammen auftreten wollen, und bei diesem Konzert in München sind dann von 1000 Besuchern allein 400 aus dem Osten gekommen. Das hat uns komplett geflasht, da haben wir erst gemerkt, wie bekannt wir da waren. Da kam dann ein junger Punk auf mich zu und sagte: Mann, seid Ihr alt geworden. Und ein anderer kam nach dem Konzert mit Tränen in den Augen und sagte: Ich bin so froh, dass Ihr noch nicht tot seid. Da waren wir Anfang 40 (lacht).

Frage: Und Sie hatten wieder Spaß an der Band?

Antwort: Klar. Punk ist ja nicht so kompliziert wie King Crimson. Wir verstanden uns wieder total gut, jeder war seinen eigenen Weg gegangen – der eine ist leidenschaftlicher Grundschullehrer geworden, der zweite wurde Alpin-Journalist, der dritte Fernsehredakteur und ich Schauspieler. Aber es hat so viel Laune gemacht, dass wir es jetzt noch mal intensiviert haben. Es kamen sehr viele Anfragen aus dem Osten und wir haben uns anfangs nicht so richtig getraut, weil wir dachten, dann kommen die Skinheads und kloppen alles zusammen. Wir haben erst vor drei Jahren unser erstes Konzert im Osten gespielt und es war richtig gut.

Frage: Die Texte waren der Band immer besonders wichtig. Wie würden Sie den Geist dieser Texte beschreiben?

Antwort: Sie sind – obwohl vor über 40 Jahren geschrieben – immer noch wahnsinnig aktuell. Es hat ja nur der Philipp getextet und der hat dabei einen Ton getroffen als junger, wütender, aber auch gebildeter Mann, der genau auf dem Punkt war. Zum Beispiel im Song „Konsummaschine“ heißt es: „Ich bin eine Konsummaschine, kauf mir alles, was ich will, Fernseher, Radio, Plattenspieler – und Dich“. Oder „Staatskontrolle, Volkskontrolle, vollkommene Gedankenkontrolle“ – solche Texte kamen natürlich vor allem in der DDR gut an. Oder in dem umstrittenen, weil falsch verstandenen Song „Dachau“ heißt es: „In Dachau ist nichts mehr los, in Buchenwald ist nichts mehr los, drum wählen sie die NPD, die macht das alles wieder okay“. Heute singen wir AfD statt NPD und der Song funktioniert wieder. Die Songs haben an Aktualität nichts eingebüßt. Das waren natürlich echte Punksongs – ausgekotzte Lebensgefühle. Heute stehen wir mit über 60 in unserem Übungsraum und sagen: Wahnsinn.

Frage: Apropos mit über 60: Spielen Sie noch genauso schnell wie vor über 40 Jahren?

Antwort: (lacht) Wir haben gerade erst ein Foto von uns gepostet, das mit dem Satz „Wir spielen schneller als wir aussehen“ überschrieben ist. Es ist tatsächlich eine große Herausforderung für mich und konditionell echt nicht einfach. Ich habe gerade wieder Kontakt zu Freunden in Wien, die damals eine Punkband namens „Intimspray“ hatten und jetzt auch wieder zusammen spielen. Aber mit einem neuen Schlagzeuger, denn der alte hat kapituliert. Die haben jetzt einen 30-jährigen Schlagzeuger, der richtig Wumms macht, und ich muss das mit 62 noch selbst herstellen.

Frage: Zu den Förderern von A+P gehörte auch Ralph Siegel, den man in Deutschland nur als Schlagerfürsten und Mr. Grand Prix kennt. Was hatte der denn mit Punk am Hut?

Antwort: Er hat das wohl ziemlich unterschätzt und war nachher auch wohl sehr unglücklich darüber. Ralph Siegel kannte die Jungs über deren Vater, den Fernsehregisseur. Wir hatten ein Demo gemacht und an verschiedene Produzenten verschickt. Erstaunlicherweise ist Siegel sofort darauf angesprungen. Zu dieser Zeit war Punk mit deutschen Texten ein Novum. Die Toten Hosen zum Beispiel kamen erst ein Jahr später mit ihrer ersten Platte raus. Ralph Siegel sagte zu dem Vater: Schick die mal zu uns ins Studio, wir machen was mit denen.

Frage: Und dann sind die Punker ausgerechnet zu Ralph Siegel ins Studio?

Antwort: Ja, die sind dahin, damals noch mit dem ersten Schlagzeuger, und der Mischer war der von Boney M. Dort wurde dann eine Platte produziert, die in meinen Ohren – ums mal so zu formulieren – befremdlich und echt schräg klingt.

Frage: Mehr nach Punk oder mehr nach Boney M.?

Antwort: Da gehen die Meinungen weit auseinander. In jedem Fall ist diese LP für viele ein Meilenstein der deutschen Punk-Geschichte und hat Kult-Status. Der Grund: es gab eine Riesenwelle um den Song „Dachau“, geschrieben als Reaktion auf das Bombenattentat eines Rechtsradikalen auf das Münchner Oktoberfest 1980. „In Dachau ist nichts mehr los, in Buchenwald ist nichts mehr los, in Auschwitz ist nichts mehr los …“ Das war zwar ein ganz klarer Antifa-Song, wurde aber ohne den Kontext veröffentlicht und wir standen auf einmal in der Ecke der jungen Nazis und gingen richtig durch die Presse. Ein richtiger Shitstorm. Für Ralph Siegel war das natürlich eine Katastrophe, die Ursprungsfassung der LP wurde vom Markt genommen und danach gab es eine Pressung ohne „Dachau“. Mit der Folge, dass die Originalpressung sehr teuer gehandelt wurde. Bis heute weisen wir bei jedem Konzert darauf hin, dass „Dachau“ ein Song gegen Nazis ist.

Frage: Und dann hat Ihnen plötzlich der Punk die Tür zur Schauspielerei aufgestoßen. Ihre erste Rolle war die des Drummers Bruno in der TV-Serie „Blam!“.

Antwort: Genau. Ich spielte damals noch sowohl in der NDW- als auch in der Punkband, und irgendwann kam so ein Typ und sagte: Du bist ja ein total durchgeknallter Schlagzeuger. Die Bavaria macht demnächst ein Casting für eine Serie über eine Band – hast Du nicht Lust, da mal vorbeizuschauen? Die wollten echte Musiker und keine Schauspieler, die so tun, als wären sie welche. Ich bin dann zu diesem Casting gegangen, da war unter anderem auch der Schlagzeuger der Toten Hosen, der später der Manager wurde, Trini Trimpop, ein toller Mensch. Aber ich bin genommen worden, das war für mich der Einstieg in die Schauspielerei.

Frage: Ohne jede Ausbildung?

Antwort: Zumindest ohne klassische Ausbildung. Ich bin ja in jeder Hinsicht ein Autodidakt. Aber natürlich habe ich auch Unterricht genommen – mein erster Lehrer war der langjährige Wilsberg-Darsteller Leonard Lansink, der hat mir die Basics beigebracht. Ich hab’ dann immer wieder Privatunterricht genommen, bis Ende der Achtziger der Produzent von „Blam!“ mir eine Rolle in der Krimiserie „Der Fahnder“ angeboten hat. Danach war für mich klar: Das ist mein Weg.

Frage: Und heute spielen Sie in „Die Chefin“ einen Polizisten und bei den „Rosenheim-Cops“ einen Bürgermeister. Was sagt eigentlich der innere Punk dazu?

Antwort: Das ist super-schizo (lacht). Aber im Ernst: Punk war für mich eine wichtige Phase in meiner Jugend, und sie hat vier Jahre gedauert. Innerlich trage ich den Punk natürlich immer noch mit, aber nicht mehr in der Form. Ich hab’ keinen Irokesen und keine grünen Haare mehr. Aber ich bin in einen darstellenden Beruf gegangen, in dem ich alles voll ausleben kann. Ich kann in einen bayerischen Bürgermeister genauso reingehen wie in einen richtig harten Verbrecher, einen geistig Behinderten oder einen trotteligen Familienvater. Das ist alles in mir drin und sowas zu spielen macht mir einen Riesenspaß.

Frage: Bei Dreharbeiten für die „Rosenheim-Cops“ ist mal ein Regisseur vor Ihnen in die Knie gegangen, als erfuhr, dass Sie der Schlagzeuger von A+P sind.

Antwort: Das war Jörg Schneider. Ich stand da mit meinem grünen Trachten-Janker, weil ich ja so einen komischen, stoiberesken Bürgermeister spiele. Und dann erzählt er mir, dass er einen etwas schrägen Geschmack hat und A+P noch aus seiner Jugend kennt. Und ich dann: Ja, ich bin der Schlagzeuger. Das hat ihn wirklich aus den Socken gehauen, das ganze Team dachte: Was ist denn jetzt los? Und jetzt kommt die Superpointe.

Frage: Nämlich?

Antwort: Katharina Böhm, meine Chefin in „Die Chefin“, war auch ein Fan von A+P. Sie kannte uns noch von damals und hatte unsere Musik auf einer Agfa-Kassette. (Sucht in seinem Handy und findet das Foto von Katharina Böhm mit der Kassette).

Ähnliche Artikel