Frankfurt  Der sprechende Schiedsrichter kann den VAR retten

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 29.01.2025 14:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Spricht wohl bald auch mit dem Stadionpublikum: Schiedsrichter Felix Zwayer Foto: Marius Becker
Spricht wohl bald auch mit dem Stadionpublikum: Schiedsrichter Felix Zwayer Foto: Marius Becker
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Die Schiedsrichter in der Fußball-Bundesliga lernen das Sprechen. Jedenfalls in Richtung der Zuschauer im Rahmen der Überprüfungen des VAR. Kolumnist Udo Muras findet das gar nicht so schlecht.

Am Wochenende erleben wir mal wieder etwas völlig Neues, Revolutionäres, schier Unvorstellbares. Sie haben es in dieser Zeitung schon lesen können: die Deutsche Fußball Liga (DFL) präsentiert den – Trommelwirbel!!!! – sprechenden Schiedsrichter. Also nicht erst hinterher bei der Beichte seiner Sünden vor den Mikrofonen in der Mixed Zone oder am Sonntagmorgen im TV-Studio, sondern schon während des Spiels. Denn die Stadionbesucher sollen nicht länger zu den Abgehängten unserer Gesellschaft gehören, die Schiedsrichter nehmen sie künftig in den Arm und mit in ihre Erlebniswelt. Zwar nicht permanent und überall, sondern testweise erst mal nur in vier Bundesliga- und einem Zweitligastadion und auch nur zur Erklärung ihrer im Konsens mit dem VAR beschlossenen Entscheidungen – aber immerhin. Wenn der Test bestanden wird, wird es zur Norm.

Ich begrüße das, habe ich doch selbst oft genug im Stadion gesessen und hektisch Freunde, die vor dem Fernseher bestens im Bilde waren, um Aufklärung gebeten: warum ist schon wieder unterbrochen, worüber rätseln die jetzt und warum ging die Beratung so und nicht anders aus?

Es ist der löbliche Versuch, den in Norwegen bereits vor der Abschaffung stehenden VAR (die Mehrheit der Klubs sprach sich gegen ihn aus) zu retten. Dafür wird die nächste Entwicklungsstufe gezündet. Stufe eins bestand darin, den Schiedsrichter nicht länger als einzigen im Unklaren zu lassen über seine Fehler, Versäumnisse oder Taten, die hinter seinem Rücken geschahen. Im Fernsehen bekam der Zuschauer eine Abseitslinie und Zeitlupen von Fouls präsentiert, der Pfeifenmann nur Pfiffe von den Rängen. Die kriegt er beziehungsweise sein Team plus Untergrundmitarbeiter im Kölner Keller zwar immer noch, weil die Wahrheitsfindung oft zu lange dauert und deshalb „unser Sport kaputt“ gemacht wird, wie jedes Wochenende vielstimmig gesungen wird. Aber das Volk sieht seit 2017 meist ein: es wird schon stimmen.

Nun, in Stufe zwei, werden auch die Stadionbesucher besser ins Bild gesetzt. Stufe drei, so wurde mir anonym zugeraunt, soll dann eine Publikumsbefragung beinhalten. Waren Sie mit der VAR-Entscheidung einverstanden? Nur bei einer Zwei-Drittel-Mehrheit hätte sie dann Bestand. Man soll noch überlegen, wie die Abstimmung technisch am besten umzusetzen ist. Aber wie gesagt: nur ein Gerücht.

Bevor nun wieder alle schreiben „so was gab’s noch nie“ ein Schwank aus tristen Zeiten. Im Januar 1941 fand in Dresden ein Spiel statt, das unter katastrophalen Platzverhältnissen litt. Der Schiedsrichter weigerte sich, seine Schuhe dreckig zu machen und leitete die Partie vom Balkon aus – mit einem Megafon. So wussten Spieler und Zuschauer immer, was er wollte und dachte. Nur dass ihm dabei keiner aufs Ohr quatschte.

Kommen wir nun zu den Gefahren der Revolution. Einige Schiedsrichter sind angeblich skeptisch und haben Angst vor Versprechern. Da sie, nach allem, was wir wissen, auch nur Menschen sind ist das in der Tat zu befürchten. Man muss ja nur mal Bahn fahren um zu begreifen, wie es sich anhört, wenn Ungeübte plötzlich Durchsagen machen müssen. Trotzdem dank allen Zugbegleitern dass sie diese Bürde auf sich nehmen. Sehr viel wird nun von unseren Ultras abhängen. Nicht dass sie die Kommunikationsrevolution als Aufforderung zum Dialog verstehen. Die Vorsänger haben ja alle ein Megafon dabei und könnten unangenehme Fragen oder Forderungen stellen. Wie: „Guck noch mal genau hin, Alter!“ Oder: „Was war denn vorhin im anderen Strafraum, da haste keinen Elfmeter gegeben?“

Wenn wir noch Typen wie Walter Eschweiler oder Wolf-Dieter Ahlenfelder hätten, die Steinalten werden sich an sie erinnern, würde das vielleicht sogar ganz lustig werden. Ahlenfelder würde sich bei der Gelegenheit mit den Diskutanten auf ein Korn in der Vereinskneipe verabreden, aber der Ruhrpottjunge aus dem Leben, der einst nach 32 Minuten leicht angeheitert zur Halbzeit pfiff, weilt ja nicht mehr unter uns. Dafür lebt jetzt der sprechende Schiedsrichter und wir haben wieder was zu diskutieren.

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