Brüssel „Wer das Weltall kontrolliert, kontrolliert die Zukunft“: Wie Europa im Weltraum aufholen will
Während Elon Musk den Mars besiedeln will, hecheln die Europäer in der Raumfahrt den USA und anderen Großmächten hinterher – Experten warnen davor, den Anschluss zu verlieren. Warum der Weltraum so wichtig ist und was die EU plant.
Auf dem Außenposten der Menschheit sieht nicht nur die Erde überschaubar klein aus. Auch das Ringen um Macht und Einfluss ist auf der Internationalen Raumstation ISS ohne Bedeutung. „Der Weltraum bringt uns zusammen“, sagt Luca Parmitano vielmehr. Der italienische Astronaut war bereits zwei Mal auf der ISS, von seiner letzten Mission kehrte er am 6. Februar 2020 zurück – nach 200 Tagen im All. Einige Zeit verbrachte er unter anderem mit seinem US-amerikanischen Kollegen Nick Hague und dem russischen Kosmonauten Alexej Owtschinin. Man sei, so Parmitano, im Orbit durch „ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame Vision verbunden: die Erforschung und Erweiterung unserer Grenzen, die Überwindung unserer Unterschiede“.
Konkurrenz? Der 48-Jährige winkt ab. Doch der Astronaut der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) spricht über die Kameradschaft im All. Auf der Erde ist die Welt buchstäblich eine andere. Zwischen den Großmächten USA, China, Indien, Japan, Russland und Europa läuft ein Wettstreit um den Weltraum. Und die Europäer drohen, abgehängt zu werden. „Wenn alle mehr investieren und Europa auf dem gleichen Niveau bleibt, dann fallen wir zurück“, sagt ESA-Chef Josef Aschbacher. Hier müsse man „ganz stark aufholen”, Denn die Vereinigten Staaten haben einen riesigen Vorsprung.
Dementsprechend ist Europa nicht nur massiv auf den US-Milliardär Elon Musk und sein Raumfahrtunternehmen SpaceX angewiesen. Der amerikanische Präsident Donald Trump versprach bei seiner Amtsantrittsrede auch, Astronauten zum Mars schicken und dort die US-Flagge hissen zu wollen. Was hat Europa solchen Plänen und Ideen entgegenzusetzen? Aschbacher wünscht sich mit Blick auf Trumps Ankündigungen vergleichbare Aussagen von europäischen Politikern. Er sei „absolut begeistert, was in Amerika passiert“, so der Österreicher an diesem Dienstag am Rande einer Fachkonferenz in Brüssel und meint vor allem den neuen Fokus auf den Weltraum und die Innovationskraft in den Vereinigten Staaten.
Die Bedeutung von Weltraum müsse in ähnlicher Weise anerkannt werden. Dabei setzt er vorneweg auf den neuen EU-Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt, Andrius Kubilius. Der verwies am Dienstag auf „die führende Rolle“ der Union in Bereichen wie Satellitennavigation und Erdbeobachtung durch deren Systeme Galileo und Copernicus. Hinzu komme das geplante Satellitensystem Iris2, das weitreichende Internetverbindungen für öffentliche und private Nutzer bieten und Musks Starlink-System Konkurrenz machen soll. Aber die Projekte können die Schwierigkeiten der Europäer kaum kaschieren.
Grafik: Das Galileo-Projekt der EU
Nachdem die ESA im vergangenen Jahr immerhin nach langer Zeit mit der Ariane-6 wieder eine eigene Rakete ins Weltall schickte, beginnt nun deren kommerzielle Nutzung. Damit hat Europa abermals einen eigenen Zugang zum Weltraum, kann also wieder Satelliten mit eigenen Raketen starten. Doch das Problem bleibt, dass seit Russlands Vollinvasion in der Ukraine die Abhängigkeit von Musk massiv ist. Während Luca Parmitano beispielsweise mit dem russischen Sojus-Raumschiff MS-13 sowohl ins All als auch zurückflog, bringt heute Musks SpaceX die Astronauten in den Weltraum.
Und so warnte Kubilius davor, bei der „Weltraum-Revolution“ den Anschluss nicht zu verlieren. Das Budget für die Raumfahrt sei „zu gering und zersplittert“, weshalb es schwierig sei, „große, ehrgeizige und langfristige Projekte zu verwirklichen“, sagte der ehemalige Premier Litauens. Er forderte im nächsten langfristigen Budget der EU, das ab Sommer 2025 verhandelt wird, eine Einigung über neue Mittel für diesen Bereich. Denn: „Wer das Weltall kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.“ Aschbacher machen solche Sätze Mut. Das Bewusstsein komme mehr und mehr .„Der Weltraum wird anerkannt als strategisch wichtiges Element“, so der ESA-Leiter.
Und das, so zählt der österreichische Weltraumforscher auf, aus mehreren Gründen: Nicht nur werde dieser als Wirtschaftszweig in den nächsten Dekaden jährlich zwischen 13 und 14 Prozent wachsen. Man brauche auch die Unabhängigkeit an Informationen für Navigationssignale oder für die Telekommunikation. Weltraum werde „in den nächsten zehn, 20 Jahren essenziell“ sein, ob im Tourismus und Verkehr, für die Medizin, Energie oder Stadtplanung. Bereits jetzt stammt die Wetterprognose beispielsweise zu 80 Prozent aus Satellitendaten.
Hinzu kommt der Bereich Sicherheit und Verteidigung, in dem Europa „mehr und mehr auf sich gestellt sein wird“, wie Aschbacher sagt. Kubilius verlangt deshalb, dass die EU in der Raumfahrt einen „Big Bang“-Ansatz verfolgt und Investitionen in ähnlicher Weise wie die neuen Prioritäten im Verteidigungsbereich tätigt. Dafür will die Brüsseler Behörde in naher Zukunft ein „EU-Weltraumgesetz“ vorstellen, um einen gemeinsamen europäischen Markt für diesen Sektor zu schaffen.