Osnabrück Fehlende Libido, körperliche Beschwerden: So verändert sich die Sexualität im Laufe der Jahre
Sexualität verändert sich im Laufe eines Lebens. Was passiert im Körper im Alter und welche Auswirkungen hat das auf eine Partnerschaft? An der Antworten auf diese Fragen forscht Sexualberater und Professor Michael Vogt seit Jahrzehnten. Ein Interview.
Michael Vogt, Professor für klinische Sozialarbeit, ist Experte auf dem Gebiet Sexualität im Alter. Er erklärt im Interview, wie sich die Sexualität im Laufe der Jahre verändert und wann der sexuelle Umschwung im Leben erfolgt.
Frage: Herr Vogt, worum geht es bei Sex im Alter? Nur um den Koitus wohl nicht, oder?
Antwort: Sexualität ist ein Grundbedürfnis, das bis zum letzten Atemzug im Menschen verankert ist und sich durchzieht. Man muss verstehen, dass Sexualität nicht ausschließlich Geschlechtsverkehr bedeutet. Vielmehr umfasst sie eine Vielzahl von Ausdrucksformen, die mit Nähe, Intimität und dem Austausch von Zärtlichkeiten zu tun haben.
Antwort: Es geht darum, Begehrlichkeit zu zeigen und zu spüren, dass man begehrt wird. Dies kann in Form von Kuscheln, Streicheln oder anderen liebevollen Berührungen geschehen. Besonders im Alter wird Sexualität oft weniger genital fokussiert und mehr durch die Kultur des Erotischen geprägt. Sie bleibt jedoch ein essenzieller Bestandteil des menschlichen Lebens, auch wenn sich die Formen des Ausdrucks über die Jahre verändern.
Frage: Gilt das für Männer und für Frauen gleichermaßen?
Antwort: Ja, das gilt für beide Geschlechter gleichermaßen. Diese Erkenntnis überrascht viele, besonders junge Menschen. Oft fällt es schwer, sich vorzustellen, dass ältere Menschen noch sexuelle Wesen sind. Bei Großeltern oder Urgroßeltern scheint die Vorstellungskraft völlig zu fehlen. Dennoch bleibt Sexualität auch im hohen Alter ein universelles Bedürfnis, das unabhängig vom Geschlecht existiert.
Frage: Warum leben sich Paare sexuell auseinander?
Antwort: Das größte Hindernis ist oft Routine, die über die Jahre entsteht. Wenn die Beziehung durch lange Vertrautheit geprägt ist und Sexualität nur noch als Pflichtprogramm wahrgenommen wird, kann das die Lust erheblich dämpfen. Um wieder in Kontakt zu kommen, sind Initiativen wie zum Beispiel kleine Rituale gefragt, die ein sinnhaftes Erleben ermöglichen.
Antwort: Das kann ein gemeinsamer Kochabend sein oder sowas Ähnliches. Auch einfacher Hautkontakt, wie das Halten der Hände oder sanfte Berührungen, kann helfen. Ein häufig übersehener Aspekt ist das Küssen, das in vielen langjährigen Beziehungen stark reduziert ist. Selbst kleine Gesten, wie das Knabbern am Ohrläppchen, können helfen, eingefahrene Routinen aufzubrechen und die Beziehung zu beleben.
Frage: Welche Lebensphase muss man sich rot im Kalender markieren, wann der sexuelle Umschwung erfolgt?
Antwort: Sexualität verändert sich nicht nur mit dem Alter, sondern ist auch stark individuell und paarspezifisch geprägt. Es gibt jedoch typische Lebensphasen, die Veränderungen mit sich bringen. Bei jungen bis mittelalten Paaren steht die Sexualität oft unter dem Einfluss äußerer Belastungen wie Haushalt, Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen.
Antwort: Diese Herausforderungen lassen wenig Raum für Partnerschaft und Intimität. Im Alter hingegen verlagern sich die Prioritäten. Mit dem Auszug der Kinder oder dem Eintritt in den Ruhestand entsteht oft mehr Zeit und Raum für die Paarbeziehung. Dabei ist es wichtig, eine Exklusivität für die Partnerschaft zu schaffen, vergleichbar mit einem Stein, der ins Wasser fällt und von innen nach außen Wellen schlägt. Das Fundament der Beziehung muss im Inneren gestärkt werden, um von dort aus positive Veränderungen zu ermöglichen.
Frage: Welche gesundheitlichen Beschwerden beeinflussen die Sexualität im Alter?
Antwort: Dazu gehören chronische Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Probleme oder Prostatabeschwerden bei Männern sowie Gebärmuttersenkungen oder Brustkrebs bei Frauen. Auch Nebenwirkungen von Medikamenten, beispielsweise Blutdruck- oder Diabetesmedikamenten, können die Libido mindern.
Antwort: Zudem verändert sich der Körper, was das Selbstbild und die Attraktivitätswahrnehmung beeinflussen kann. Dennoch gibt es viele Möglichkeiten, solche Herausforderungen zu meistern: Gleitmittel können beispielsweise bei vaginaler Trockenheit helfen, während alternative sexuelle Praktiken oder neue Formen der Intimität eingeführt werden können.
Frage: Was würden Sie Paaren raten, die Schwierigkeiten haben, ihre Sexualität anzupassen?
Antwort: Veränderungen im Alter sind unausweichlich, und es ist wichtig, sie aktiv in die Beziehung zu integrieren. Paare sollten offen über ihre Bedürfnisse und Wünsche sprechen und gemeinsam kreative Lösungen finden.
Antwort: Es geht darum, Berührungsflächen zu schaffen, die die Attraktivität und Nähe zwischen den Partnern fördern. Auch externe Hilfsmittel wie Beratungsgespräche sind empfehlenswert. Letztlich ist es entscheidend, ein Klima des Vertrauens und der Offenheit zu schaffen, in dem sich beide Partner wohlfühlen und ihre Beziehung weiterentwickeln können.