Holocaust-Gedenktag in Aurich „Panzermeyer“ – ein Täter, der alle Schuld von sich wies
Wolfgang Kellner sprach über den 1945 in Aurich verurteilten Kriegsverbrecher Kurt Meyer – und was das mit den Wahlerfolgen der AfD zu tun habe.
Aurich - Viele Deutsche fühlten sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht als Täter sondern als Opfer. Ausdruck dessen ist die vermeintliche „Stunde Null“, die einen Neustart der Gesellschaft suggerierte, von dem aber in Wahrheit nie die Rede sein konnte. Am vergangenen Sonntagabend widmete sich der alljährliche Holocaust-Gedenktag im Auricher Güterschuppen diesem Thema. Dazu wurden Filme von Schülerinnen und Schülern gezeigt. Das musikalische Rahmenprogramm bestritten die Klarinettistinnen Emma Blesene und Anja Lütke-Notarp. Der ehemalige Leeraner Bürgermeister Wolfgang Kellner hielt einen Vortrag über Kurt Meyer, der 1945 in Ostfriesland als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt, später jedoch begnadigt wurde.
„Politisch hielt er sich zurück“. So lautet der Schlusssatz in einem nach wie vor im Internet einsehbaren Beitrag aus dem bibliografischen Lexikon der Ostfriesischen Landschaft über Kurt Meyer. Aus Sicht von Wolfgang Kellner ist eine solche Einschätzung typisch für die deutsche Nachkriegsgesellschaft. Allerdings hält er den Artikel trotzdem für dringend „bearbeitungsbedürftig“, da etliche „Fakten ausgeblendet werden“ so Kellner am Sonntag. Kurt Meyer hörte demnach nicht von ungefähr auf den Spitznamen „Panzermeyer“.
Ein überzeugter Nationalsozialist
Der gebürtige Helmstedter war ein überzeugter Nationalsozialist, der in der SS bis zum Brigade-Führer und Generalmajor aufstieg. Laut einem alliierten Untersuchungsbericht erschoss er im Zuge des deutschen Überfalls auf Polen bei Modlin 50 Juden. Gegenüber einem Oberstleutnant, der in Kriegsgefangenschaft geriet, hatte Meyer vor im damit geprahlt, in Charkow ein Dorf niedergebrannt und sämtliche Bewohner ermordet zu haben.
Ab Mai 1943 befehligte der SS-Mann die damals neu aufgestellte Panzerdivision „Hitlerjugend“, von den Alliierten auch „Baby-Divison“ genannt. Denn sie bestand hauptsächlich aus jungen Männern, von denen die meisten kaum älter als 17 Jahre waren. Diese Generation galt als besonders fanatisch, weil sie von Kindesbeinen an praktisch nur den NS-Staat kannte und entsprechend indoktriniert war. Auf dem Schlachtfeld äußerste sich das vor allem in einem extrem hohen Blutzoll. Von den ursprünglich rund 20000 jungen Rekruten, die Meyer befehligte, überlebten nur etwa 1500 den Krieg. „Der hat die regelgerecht verheizt“, erklärte Wolfgang Kellner am Sonntag.
Nach Begnadigung bis zum Schluss politisch aktiv
Während der Invasion in der Normandie ermordete Meyers Division mindestens 156 kanadische Kriegsgefangene. Dafür wurde der Kommandant 1945 in der Auricher Kaserne vor einem kanadischen Kriegsgericht zur Rechenschaft gezogen. Die Umwandlung der Todesstrafe in eine zunächst lebenslange Haftstrafe erfolgte in erster Linie deshalb, weil sich nicht nachweisen ließ, in welchem Ausmaß Meyer persönlich an den Aktionen beteiligt war.
Der Betroffene selber hat zeit seines Lebens jegliche Schuld von sich gewiesen. Dass er dann sogar freigelassen wurde, verdankte er einflussreichen Fürsprechern wie Bundeskanzler Konrad Adenauer, der sich genau wie der damalige SPD-Oppositionsführer Kurt Schumacher durch den Schulterschluss nach Ansicht von Wolfgang Kellner wichtige Wählerstimmen sichern wollte. Wieder in Freiheit engagierte sich Kurt Meyer für die Rehabilitierung seiner früheren Kameraden und zählte bis zu seinem Tod 1961 zu den führenden Funktionären innerhalb der Hilfsgemeinschaft von Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS (HIAG). „Der war nach dem Krieg sehr wohl politisch aktiv“, resümierte Wolfgang Kellner. „Und ich behaupte, dass ich das in Teilen heute immer noch spüre, wenn ich die Wahlerfolge der AfD sehe.“
Die Filmbeiträge der Schülerinnen und Schüler aus einem Geschichtskurs der Oberstufe vom Auricher Gymnasium Ulricianum gingen in eine ähnliche Richtung. Zwei Filme drehten sich um junge Soldaten unmittelbar nach dem Ende des Krieges und ungefähr im gleichen Alter wie einst die Rekruten in Meyers „Baby-Division“. Beide ließen teils unterstützt von historischen Aufnahmen die Phase vom euphorischen Siegesversprechen bis hin zur desillusionierenden Kapitulation noch einmal Revue passieren. Der dritte Beitrag war ein Trickfilm, der den ideologisch verengten Blick der Gesellschaft symbolisch durch einen Tunnel nachzeichnete. Die Botschaft aller drei Filme: Schweigen und Verschweigen bedeutet letztlich Zustimmung. Jede und jede von uns hat eine Wahl. Und die sollten wir tunlichst nutzen.