Emder vor Gericht Gewalt am Neuen Markt – Opfer bis heute in Angst
Auf dem Neuen Markt in Emden sollen sich im Juli 2024 rund 40 teils bewaffnete Personen getroffen haben, um eine Wohnung zu stürmen. Das Motiv: Ehrenschutz. Vier der Verdächtigen stehen nun vor Gericht.
Emden/Aurich - Eine Serie von Gewalttaten in Emden beschäftigt das Landgericht Aurich. Etwa 40 teils bewaffnete Personen sollen sich im Juli 2024 auf dem Neuen Markt getroffen haben, um gemeinsam eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in der Boltentorstraße zu stürmen. Vier von ihnen müssen sich vor dem Landgericht wegen schweren Landfriedensbruchs verantworten. Das liegt vor, wenn sich Menschen gezielt versammeln, um Gewalt gegen andere Personen oder Sachen auszuüben. Besorgte Passanten riefen damals die Polizei. Es gibt eine Videoaufzeichnung, wodurch die Angeklagten identifiziert werden konnten.
Drei Männer im Alter von 24, 33 und 35 Jahren wurden zum Prozessauftakt am Montag, 27. Januar 2025, aus der Untersuchungshaft vorgeführt. Bei dem vierten Angeklagten handelt es sich um einen 30-jährigen Emder. Der 33-jährige Angeklagte und der als Nebenkläger auftretende Geschädigte haben sich jeweils drei Anwälte genommen.
Drohung, „die gesamte Familie zu schlachten“
Den Angeklagten werden zusätzlich weitere Taten vorgeworfen, begangen im Zeitraum zwischen September 2023 und Juli 2024: gefährliche Körperverletzung, Bedrohung, Nötigung und Diebstahl. Staatsanwalt Buskohl verlas vier Anklageschriften, die meisten handelten von Gewaltdelikten.
Entzündet haben sich die Streitigkeiten, die zu dem Landfriedensbruch führten, im Dezember 2023. Der Nebenkläger soll ein Paket beim Kiosk des 33-Jährigen abgeholt haben. Die beiden gerieten in Streit und das Paket fiel zu Boden. Einige Zeit später sollen der 24- und der 35-jährige Angeklagte den Nebenkläger nachts verfolgt und angesprochen haben. Während der Auseinandersetzung um 5 Uhr morgens sollen sie gedroht haben, „die gesamte Familie zu schlachten“. Sie sollen auf den Nebenkläger eingeschlagen haben. Er ging zu Boden.
Eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht
Laut Anklageschrift traten sie auf ihn ein und nahmen ihm das Mobiltelefon ab. Durch Vorzeigen einer Schusswaffe sollen sie das Opfer zur Herausgabe der PIN genötigt haben. Der Geschädigte erlitt multiple Prellungen, Schürfwunden und einen Pneumothorax. Im April 2024 sollen diese zwei Angeklagten zudem den Bruder des Geschädigten in Emden verfolgt und ihm eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht verpasst haben.
In der Nacht zum 28. Juli 2024 kam es gegen 3 Uhr morgens zu der Versammlung im Bereich des Neuen Marktes in Emden. Die Personen seien unter anderem mit Schusswaffen und Baseballschlägern bewaffnet gewesen, heißt es in der Anklageschrift. Sie sollen geplant haben, den Nebenkläger und dessen Angehörige aus Gründen des Ehrenschutzes gewaltsam anzugreifen. In der Wohnung sei jedoch nur dessen Bruder gewesen. Er sei aus der Haustür getreten und mit dem Fahrrad vor den Angreifern geflüchtet. Laut Anklageschrift leben die Geschädigten bis heute in Angst. Sie verlassen das Haus nur noch, wenn es zwingend erforderlich ist. Sie vergewisserten sich jedes Mal, dass ihnen niemand auflauert, heißt es weiter.
Blutende Kopfwunde und Schmerzen
Dem 33-Jährigen wirft die Staatsanwaltschaft darüber hinaus gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung vor. Zusammen mit dem 35-jährigen Angeklagten soll er am 12. September 2023 nach vorangegangenen Streitigkeiten einen Mann im Hinterhof einer Emder Shisha-Bar gegen eine Hauswand gedrückt haben. Im weiteren Verlauf habe er dessen Kopf gegen die Hauswand geschlagen, wodurch der Geschädigte bewusstlos wurde und ins Hinterzimmer der Bar verfrachtet worden sei. Das Opfer erlitt eine blutende Kopfwunde und Schmerzen.
Der 35-Jährige soll zwischen dem 27. Februar und dem 6. März 2024 in einer Gaststätte in Wilhelmshaven einen Diebstahl verübt haben. Ihm wird vorgeworfen, einen Spiel- und einen Tabakautomaten aufgebrochen zu haben. Zusätzlich soll er insgesamt 14 Flaschen Whisky und Wodka sowie 380 Euro aus dem Kellner-Portemonnaie entwendet haben. Am Tatort wurde seine DNA sichergestellt. Es entstand ein Schaden von 2800 Euro.
Mit Glasscherbe am Rücken verletzt
Dem 30-jährigen Emder legt die Staatsanwaltschaft neben Landfriedensbruch gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen zur Last. Am 16. September 2023 soll er in der Emder Innenstadt eine Person im Zuge einer Gruppenstreitigkeit mit einer Glasscherbe am Rücken und an der Schulter aufgeschlitzt haben, sodass das Opfer jeweils eine drei Zentimeter lange Wunde davontrug. Es erlitt Schmerzen und leidet seither an Schlafproblemen. Sechs Monate vorher, im März 2023, soll der Angeklagte einer Person in einem Emder Tanzlokal ohne ersichtlichen Grund dreimal eine Bierflasche über den Kopf gezogen haben. Die Person erlitt Schmerzen.
Die Verteidiger teilten mit, ihre Mandanten wollten zum aktuellen Zeitpunkt des Verfahrens nicht aussagen. Gleichzeitig bekundeten sie Interesse an einem Rechtsgespräch mit dem Gericht, um möglicherweise zu einer verfahrensverkürzenden Verständigung zu gelangen. Der Vorsitzende Richter Malte Sanders entgegnete, dies sei aus seiner Sicht relativ schwierig. Als Gründe nannte er die unterschiedlichen Tatvorwürfe, Beteiligungen und Vorstrafensituationen der Angeklagten. Die Verteidiger bemühten sich, die Taten zu bagatellisieren. Man müsste deshalb nicht zwingend vor der Großen Strafkammer des Landgerichts sitzen, argumentierten sie. Eigentlich fielen solche Taten in die Zuständigkeit des Amtsgerichts. Dem widersprach der Staatsanwalt.
Angeklagter sagte, er sei auf Kokain gewesen
Einziger Zeuge am ersten Verhandlungstag war der Wilhelmshavener Gastwirt, bei dem der 35-jährige Angeklagte eingebrochen haben soll. Der 59-Jährige berichtete, am Eingang habe ein Schild gehangen, das Lokal sei geschlossen. Er sei auf einer Trauerfeier in seiner Heimat gewesen. Der Automatenaufsteller habe einen Schlüssel gehabt und ihm den Einbruch mitgeteilt. „Ein Automat war kaputt“, sagte der Gastwirt. Viele Flaschen seien weg gewesen. Der Täter habe offenbar durch ein gekipptes Fenster eindringen können.
Der Angeklagte sagte aus, er sei „voll auf Kokain gewesen“. Er sei zu einem Bekannten ins Auto eingestiegen. Wohin, habe er erst später gewusst. Der Fahrer habe ihn nach Wilhelmshaven gefahren und einen Schlüssel zu dem Lokal gehabt. „Ich sollte die Automaten knacken“, erklärte er. Ob das geklappt habe, wisse er nicht. „Ich hatte richtig Angst“, sagte der Angeklagte. Ihm sei es an dem Tag nur darum gegangen, noch mehr Kokain zu bekommen.
Der Prozess wird am 3. Februar 2025 um 9 Uhr in Saal 03 des Landgerichts Aurich fortgesetzt. Weitere Termine sind für den 17. und den 20. Februar angesetzt.