Osnabrück  Debatte um das Buddenbrookhaus: Was die Lübecker ihrem Thomas Mann nicht verzeihen

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 28.01.2025 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Buddenbrookhaus in der Innenstadt von Lübeck. Das Buddenbrookhaus war Handlungsort von Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ und Stammsitz der Familie Mann. Foto: dpa/picture-alliance
Das Buddenbrookhaus in der Innenstadt von Lübeck. Das Buddenbrookhaus war Handlungsort von Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ und Stammsitz der Familie Mann. Foto: dpa/picture-alliance
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Was ist wichtiger – ein altes Gewölbe oder Thomas Mann? Der politische Konflikt um den Neubau des Buddenbrookhauses ist entschieden. Thomas Mann bleibt in Lübeck dennoch umstritten.

Der Neubau des Lübecker Buddenbrookhauses wird teurer und später fertig. „Die Wiedereröffnung wird es wohl erst 2030 geben“, bestätigte Caren Heuer auf Anfrage. Nach den Worten der Direktorin des Thomas-und-Heinrich-Mann-Zentrums hat die politische Kontroverse um einen historischen Gewölbekeller die Bauphase um eineinhalb Jahre verlängert. „Die dadurch entstandenen Mehrkosten von rund neun Millionen Euro trägt die Stadt Lübeck“, sagte Heuer, die den Gesamtetat der Neugestaltung des Buddenbrookhauses auf rund 40 Millionen Euro bezifferte.

Der kommunalpolitische Streit um ein während der Bauarbeiten im Keller freigelegtes Gewölbe hatte den Angaben zufolge den Fortgang des ganzen Projektes vorübergehend infrage gestellt. Das Gewölbe aus Lübecks Hochzeit als Hauptstadt der Hanse lieferte den Anlass für einen Streit um die Gewichte der Lübecker Kulturpolitik. Hanse oder Thomas Mann – was ist wichtiger?

„Das immaterielle Kulturerbe der Werke von Thomas und Heinrich Mann wird in Lübeck noch immer unterschätzt“, sagt jedenfalls Caren Heuer. In der politischen Debatte um das Bauprojekt habe der Name Thomas Manns, der 1929 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, jedenfalls keine Rolle gespielt. „Die Frage der Denkmalpflege war lange Zeit offenbar wichtiger als Thomas Mann“, beschreibt auch der Präsident der Thomas-Mann-Gesellschaft, Hans Wißkirchen, die Situation.

Thomas Mann (1875-1955) hatte mit Romanen wie „Buddenbrooks“ und „Der Zauberberg“ Literaturgeschichte geschrieben. 2025 wird der 150. Geburtstag des Autors gefeiert. Sein Bruder Heinrich (1871-1950) ist mit dem Roman „Der Untertan“ berühmt geworden und mit dem Roman „Professor Unrat“, dessen Verfilmung unter dem Titel „Der blaue Engel“ Marlene Dietrich in der Hauptrolle unsterblich machte.

Der inzwischen beigelegte politische Streit verweist auf das nach wie vor problematische Verhältnis Lübecks zu seinem berühmten Sohn. So sieht es jedenfalls Caren Heuer. Nach ihrer Einschätzung wirkt noch immer jene Irritation nach, die Mann mit seinem 1901 publizierten Roman „Buddenbrooks“ in seiner Heimatstadt auslöste. Repräsentanten des städtischen Großbürgertums hätten sich in Figuren der Geschichte um den Niedergang einer reichen Kaufmannsfamilie wiedererkannt, so Heuer.

Ein anderer Punkt sorgt jedoch für das eigentliche, bis heute nachwirkende Zerwürfnis. Caren Heuer verweist auf Thomas Manns Radioansprachen „Deutsche Hörer!“, mit denen er während des Zweiten Weltkriegs gegen den Nationalsozialismus gekämpft habe. In seiner Ansprache vom April 1942 vergleicht Mann die Bombardierung seiner Heimatstadt Lübeck durch die Alliierten mit den deutschen Luftangriffen auf Städte wie Coventry oder Rotterdam. Er habe „nichts einzuwenden gegen die Lehre, daß alles bezahlt werden muß“, sagte der Schriftsteller.

Hat Thomas Mann damit die Luftangriffe auf Lübeck gutgeheißen? Das wird offenbar so verstanden und dem Literaten bis heute angekreidet. Heuer und Wißkirchen haben in den Diskussionen rund um den Neubau des Buddenbrookhauses die deutliche Reserve gegen den Nobelpreisträger wahrgenommen. Es habe für die Lübecker Kommunalpolitik die Gefahr bestanden, sich mit den Kontroversen um das Buddenbrookhaus in der überregionalen Wahrnehmung lächerlich zu machen, hebt Hans Wißkirchen hervor. Auch die Förderung durch das Land Schleswig-Holstein habe auf der Kippe gestanden. „Das Land trägt immerhin 70 Prozent der Baukosten“, macht Caren Heuer klar.

Dabei habe Thomas Mann die Stadt Lübeck „erst richtig weltberühmt gemacht“, sagt Heuer weiter und verweist dabei auf die „Buddenbrooks“. Für Hans Wißkirchen hatte die Kontroverse um den Baustopp auch etwas Gutes. Als Reaktion darauf sei die Initiative „Literaturstadt Lübeck“ gegründet worden. Es gehe darum, Lübeck als Stadt der Literatur stärker zu profilieren. Dabei soll es nach den Worten Wißkirchens nicht allein um die Brüder Thomas und Heinrich Mann gehen, sondern auch um die Literatur der Gegenwart – und um jenen anderen Literaturnobelpreisträger, der auch zu Lübecks Renommee nicht unwesentlich beigetragen hat: Günter Grass.   

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