Hannover Meyer Werft: Werden noch weitere Millionenprobleme auftauchen, Herr Lies?
Der Staat hat die Meyer Werft gerettet. Im Interview äußert sich Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies zu übersehenen Millionenproblemen auf der Werft, über sein Verhältnis zu Bernard Meyer und zu dem Verbleib eines Privatjets.
Wenn am Freitag, 31. Januar, zum ersten Mal der neue Aufsichtsrat der Meyer Werft in Papenburg zusammenkommt, wird er die Interessen des Landes Niedersachsen vertreten: Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD). An zentraler Stelle arbeitete er mit an der Rettung der Werft, der im vergangenen Jahr der Untergang drohte.
Meyer Werft-Aufsichtsrat Olaf Lies im großen Interview
Nun befindet sie sich zu weiten Teilen in Staatsbesitz, die bisherige Eigentümerfamilie Meyer ist weitgehend entmachtet. Im großen Interview spricht Lies erstmals darüber, wie die Rettung aus seiner Sicht ablief und was nun in Papenburg zu erwarten ist. Er äußert sich auch zu Finanzproblemen auf der Werft, die erst nach der beschlossenen Rettung der Werft auftauchten. Ist da noch mehr zu erwarten?
Lesen Sie hier das Interview:
Frage: Herr Lies, seit Dezember ist Niedersachsen offiziell Anteilseigner bei der Meyer Werft. Wie knapp stand das Schiffbauunternehmen aus Papenburg im vergangenen Jahr vor dem Aus?
Antwort: Die Zeit drängte maximal. Ohne den staatlichen Einstieg wäre die Zukunftsperspektive gleich null gewesen. In einem sehr knappen Zeitfenster haben alle zusammengearbeitet, um die Werft zu retten. Das war eine starke Teamleistung vom Land und Bund.
Frage: Ist die Formulierung korrekt, dass die Werft gerettet ist? Immerhin läuft die Sanierung ja noch.
Antwort: Ich will es mal so sagen: Wir haben die Werft stabilisiert. Es sind in den vergangenen Wochen viele richtige und wichtige Schritte gegangen worden. Aber wir sind noch nicht fertig. Vereinfacht gesagt lautet die Aufgabe: Die Werft als solche muss funktionieren, die Aufträge müssen da sein und am Ende muss noch Geld verdient werden. Da liegt noch viel Arbeit vor allen Beteiligten.
Frage: Nun sind nach der Rettung aber zusätzliche Belastungen von 185 Millionen Euro bei Projekten aufgetaucht, die vorher so nicht erkannt worden waren. Wie überrascht waren Sie davon? Immerhin hatte der Staat das Unternehmen vor dem Einstieg ja gründlich durchleuchten lassen.
Antwort: Wir haben über den Einstieg der öffentlichen Hand auf Basis des Sanierungsgutachtens und des darin klar formulierten Sachstandes entschieden. Die Erkenntnisse danach waren schon sehr überraschend und wir haben uns direkt mit der Frage auseinandergesetzt, ob das etwas an den Bedingungen für den Einstieg ändert. Im Kern geht es ja um die Frage, ob das Unternehmen sanierungswürdig und -fähig ist und ob die neuen Erkenntnisse unsere Entscheidung zum Staatseinstieg infrage stellt. Heute kann ich nach entsprechenden Überprüfungen sagen: Das Ergebnis ist immer weiterhin dasselbe, die Werft ist sanierungsfähig.
Frage: Bleibt es denn bei dieser Summe, oder ist mit weiteren Abweichungen zu den Annahmen im Sanierungsgutachten zu rechnen?
Antwort: Es wäre vermessen, so etwas komplett auszuschließen. Es ist aber auch so, dass in der Zeit vor dem Staatseinstieg Aufträge in wirtschaftlich extrem schwierigen Zeiten eingeholt worden sind, auch um die Beschäftigung in Papenburg zu sichern. Jetzt gilt es, nicht mehr nur Beschäftigung zu sichern, sondern mit den Aufträgen auch Geld zu verdienen. Das ist Voraussetzung für Investitionen. Ich bin positiv gestimmt: Auf der Werft ist mittlerweile ein Management aktiv, dass diese Herausforderung aktiv und transparent angeht.
Frage: Was war denn nun die Ursache für die Krise der Werft? Corona? Ukraine-Krieg? Oder doch die internen Management-Probleme?
Antwort: Das ist nicht monokausal zu erklären, hier kam vieles zusammen. Vielleicht hätte die interne Struktur mit all den im Sanierungsgutachten dokumentierten Herausforderungen noch etwas länger funktioniert, wenn die externen Faktoren nicht die Schwächen so schonungslos offengelegt hätten. Die Kombination der Faktoren hat das Unternehmen in eine derartige Schieflage gebracht, dass es ohne den Einstieg von Bund und Land als Mehrheitsgesellschafter wohl nicht überlebt haben. Da sind die Analysen sehr eindeutig.
Frage: In der Krisenphase hatte die Werft häufig Besuch aus der Politik, die Entscheidung zur Rettung war letztlich eine politische. Es befindet sich jedoch die Wirtschaft insgesamt in einer krisenhaften Situation. So viel Aufmerksamkeit bekommen aber nur die wenigsten Unternehmen …
Antwort: Das sehe ich anders. Es kommt vielleicht nicht immer der Kanzler, aber wenn ein Handwerksbetrieb bei mir im Ministerium anruft und von Problemen berichtet, dann nehmen wir das genauso ernst. Aber natürlich war die Öffentlichkeit im Fall der Meyer Werft enorm und damit auch der Druck auf alle Beteiligten, zumal die Werft eine systemische Bedeutung für den Schiffsbaustandort hat. Für mich als Niedersachse und jemand, der aus der Region Weser-Ems kommt, war immer klar, wie wichtig die Werft für Niedersachsen, aber auch für ganz Deutschland ist. Das mag man in Berlin hier und da zunächst anders bewertet haben. Da scheint Papenburg weit weg. Am Ende herrschte aber größte Einigkeit. An der Rettung der Werft gab es im politischen Raum keinen Zweifel.
Frage: Am 31. Januar tritt der Aufsichtsrat der Werft zum ersten Mal zusammen. Wie werden Sie als Aufsichtsrat Ihre Rolle ausleben?
Antwort: Es war eine bewusste Entscheidung, dass das Land eine Vertreterin des Finanz- und mit mir einen Vertreter des Wirtschaftsministeriums entsendet. Für mich bedeutet die Einrichtung des Aufsichtsrats ein Erfolg für das Unternehmen und eine echte Zeitenwende. Wir haben von Anfang an gesagt, der Neustart bei der Werft muss transparent erfolgen und da ist ein Aufsichtsrat eine maßgebliche Institution. Das Fehlen einer solchen Instanz haben wir dann in der schweren Krise zu spüren bekommen: Ein Aufsichtsrat hätte nicht alle Probleme lösen, aber er hätte für transparentere Prozesse im Unternehmen sorgen können. Nun gilt es, den Prozess der Restrukturierung zu begleiten – und auch aus dem Aufsichtsrat heraus die Wirtschaftsfelder der Zukunft zu identifizieren, auf denen sich die Werft bewähren muss. Das wird nicht nur der Kreuzfahrtschiffbau sein, wie mit den Konverterplattformen wird es auch um andere Geschäftsfelder gehen.
Frage: Inwieweit ist das jetzt für Sie als einem der härtesten Kritiker der Konzernverlagerung im Jahr 2015 ein persönlicher Triumph?
Antwort: Natürlich hat es mich zwischendurch immer wieder geärgert, dass wir damals keine andere Lösung haben erzielen können. Wer das damals verfolgt hat, dem ist sicher nicht verborgen geblieben. Jetzt steht für mich aber etwas ganz anderes Vordergrund, nämlich dass wir die Jobs haben retten können.
Frage: Wie haben Sie Familie Meyer in der kritischen Phase erlebt? Zwischendurch sollen Wörter wie „Enteignung“ gefallen sein …
Antwort: Man muss sich mal in die Situation der Familie versetzen: Das ist eine extrem emotionale und belastende Zeit. Plötzlich steht das Unternehmen auf der Kippe, das seit Jahrhunderten in Familienhand ist und mit Herzblut und größtem Einsatz zu dem gemacht wurde, was es heute ist. Und davor habe ich absolute Hochachtung. Und anders als in der Vergangenheit konnte die öffentliche Hand nicht mehr mit einem schlichten ,Wir helfen euch’ die Lage beruhigen. Jetzt hieß es plötzlich: ,Wir können euch nur helfen, wenn wir in die Rolle des Eigentümers wechseln’. Dass das Ängste und Sorgen auslöst, dass man hier und da auch verzweifelt, finde ich sehr verständlich und menschlich. Aber ich will auch betonen, dass das Verhältnis immer hochprofessionell war. Und am Ende zählt das Ergebnis: Die Werft ist gerettet. Daran hat auch die Familie ganz klar mitgewirkt.
Frage: Der Staat stieß bei der Rettungsmission auf ein weitverzweigtes Geflecht an Firmen. Auch eine Fluggesellschaft und ein Privatjet fanden sich darin. Geht das jetzt auch anteilig in Staatsbesitz über?
Antwort: Das Flugzeug wird abgegeben. Es hat in der Vergangenheit sicherlich Sinn gemacht, einen Flieger vorzuhalten, um schnell von Papenburg nach Turku, dem zweiten Werft-Standort der Meyers in Finnland, zu gelangen. Das will ich gar nicht bestreiten. Aber es ist ganz sicher nicht unser Anliegen dauerhaft Besitzer einer Fluggesellschaft zu sein. Das wäre doch schon sehr schwer zu vermitteln.
Frage: Wie steht’s um den Stellenabbau auf der Werft? Der war im Sanierungsgutachten festgeschrieben worden.
Antwort: Wir stehen weiter zu allen Vereinbarungen. Und das Freiwilligenprogramm hat gut funktioniert. Aber: Fachkräfte, die man morgen braucht, sollte man heute nicht freisetzen. Und die Auftragslage stimmt mich im Sinne der Beschäftigten zuversichtlich. Es ist doch klar, wenn Schiffe mit höchster Meyer-Qualität verkauft werden sollen, braucht man auch Leute mit Erfahrung, die diese bauen. Da gibt es derzeit konstruktive Gespräche zwischen Geschäftsführung und Arbeitnehmervertretung. Die Aufgabe für die Geschäftsführung ist nun auch zu prüfen, ob die Werkverträge auf der Werft im jetzigen Umfang sinnvoll und wirtschaftlich eingesetzt werden. Darüber wird jetzt eine Transparenz hergestellt, die es bislang nicht gab. Es geht um die Frage, an welchen Stellen der Einsatz von Festangestellten aus ökonomischer Sicht sinnvoller ist.
Frage: An der Werfthalle steht weiter der Name Meyer …
Antwort: … und der Name bleibt da auch. Die Meyer Werft ist und bleibt die Meyer Werft. Darauf sind wir stolz.
Frage: Aber Ziel des Staates war doch, wieder auszusteigen aus dem Unternehmen, sobald ein glaubwürdiger Investor gefunden wird?
Antwort: Das ist eine Frage für die Zukunft, keine, die wir uns jetzt stellen. Die Diskussion jetzt ist, die Werft zukunftsfähig aufzustellen, damit sich die Menschen auf der Werft und in der Region keine Sorgen mehr machen müssen.
Frage: Und wäre denkbar, dass der Bund aussteigt, und das Land an Bord bleibt?
Antwort: Ich gehe davon aus, dass beide an Bord bleiben und die Herausforderungen gemeinsam begleiten. Jetzt ist nicht die Zeit, darüber zu mutmaßen, wer wann aussteigt.