Paris  Die Geschichte einer Holocaust-Überlebenden in Comic-Form: Kann das funktionieren?

Birgit Holzer
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Von Birgit Holzer
| 25.01.2025 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ginette Kolinka,wurde am 4. Februar 1925 in Paris geboren. Sie überlebte den Holocaust im Konzentrationslager Auschwitz. Foto: IMAGO/ Thomas Stevens
Ginette Kolinka,wurde am 4. Februar 1925 in Paris geboren. Sie überlebte den Holocaust im Konzentrationslager Auschwitz. Foto: IMAGO/ Thomas Stevens
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Anfang Februar wird die französische Holocaust-Überlebende Ginette Kolinka 100 Jahre alt. Ihr Geburtstag liegt kurz nach dem 80. Jahrestag der Befreiung des einstigen KZs Auschwitz, in das sie als junge Frau deportiert worden war. Gerade erschien der Comicband „Adieu Birkenau“ über ihre Geschichte in deutscher Sprache. So erzählt die Graphic Novel ihre Geschichte.

Eigentlich waren sie für ein Interview bei ihr zu Hause verabredet, aber an jenem Abend vor mehr als sechs Jahren hatte Ginette Kolinka den Termin vergessen. Der französische Radiojournalist Victor Matet, der eine Reportage über die Holocaust-Überlebende machen wollte, stand vor einer verschlossenen Tür.

An ihr Handy ging Kolinka aber: Oh nein, sie habe das Treffen verschwitzt, rief sie. „Ich bin in meinem Sportkurs, aber holen Sie mich doch einfach hier ab, dann gehen wir ein Bier trinken!“ Ginette Kolinka war damals bereits 93 Jahre alt. Als er sie nach dem Abend in der Bar fragte, ob sie ein Taxi brauche, rief sie erstaunt: „Warum, fährt denn keine Metro mehr?“ Er habe schmunzeln müssen, als er diese energiegeladene alte Dame mit ihrer Sporttasche über der Schulter in die U-Bahn einsteigen sah, sagt Matet heute.

Es sollten viele weitere Begegnungen zwischen ihm und der einstigen Inhaftierten des Vernichtungslagers Birkenau folgen, während denen sie von ihren Erlebnissen erzählte. Im April 1944 war sie im selben Konvoi Nummer 71 vom französischen Durchgangslager Drancy bei Paris nach Auschwitz transportiert worden wie die spätere Ministerin und EU-Parlamentspräsidentin Simone Veil und die Filmemacherin Marceline Loridan-Ivens. Beide sind inzwischen verstorben.

Nur wenige können heute noch berichten wie Kolinka. 2019 schilderte sie ihre erschütternden KZ-Erfahrungen in ihrem Buch „Rückkehr nach Birkenau: Wie ich überlebt habe“ (verfasst mit Marion Ruggieri). Etwas später verarbeiteten Victor Matet und der Comic-Zeichner Jean-David Morvan diese in der Graphic Novel „Adieu Birkenau“, das nun auch in deutscher Sprache erschienen ist.

Diese beginnt in dem Pariser Vorort, in dem Ginette Kolinka – damals hieß sie noch Cherkasky – mit ihrer großen, quirligen Familie, jüdischen Atheisten, aufwuchs. Um unter der erbarmungslosen deutschen Besatzung einer Verhaftung zuvorzukommen, flohen sie nach Avignon in die unbesetzte Zone. Doch dort wurden Ginette, ihr Vater, ihr zwölfjähriger Bruder und ihr Neffe schließlich verhaftet und nach Auschwitz verschleppt.

Ihre Familienmitglieder wurden sofort bei der Ankunft vergast, sie selbst überlebte das Grauen im Frauenlager und später in den KZs Bergen-Belsen und Theresienstadt, schwer an Typhus erkrankt. Beim Transport nach Bergen-Belsen in einem Waggon kam sie neben einer Frau zu sitzen, deren Körper immer wieder gegen sie kippte – denn sie war tot, wie Ginette Kolinka schließlich erkannte. Doch anstatt das zu melden, holte sie sich bei der Essensausgabe deren Anteil. Erst im Mai 1945 wurde sie befreit und kam zurück nach Frankreich. 26 Kilogramm wog sie damals noch.

Jahrzehntelang hat sie über das Erlebte geschwiegen und geglaubt, es sei zu tief in ihr vergraben, um jemals noch hervorgeholt zu werden. Bis ein Mitarbeiter der „Shoah Foundation“, die der Regisseur Steven Spielberg nach den Dreharbeiten zum Film „Schindlers Liste“ 1993 gründete und für die Zehntausende Holocaust-Zeitzeugen in Videointerviews zu Wort kamen, sie zum Reden brachte.

Kolinkas Erinnerungen kamen detailreich zurück und sie begann, vor Schulklassen die Geschichte ihrer Deportation zu berichten. Das tut sie bis heute, wenn auch inzwischen nur noch im Großraum Paris. Zuvor fuhr sie regelmäßig mit Gruppen in die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Matet begleitete sie im Oktober 2020 bei ihrer letzten Reise dorthin und gibt in dem Comicband die in ihrer Anschaulichkeit erschütternden Erzählungen wieder.

„Es tut mir leid, Kinder, dass ich euch so traurige Dinge erzählen muss“, sagt sie einmal. Trotz all der Schwere haftet ihrer Person immer auch etwas Verschmitztes an. Sind die Schüler zu schüchtern, um Fragen zu stellen, holt Ginette Kolinka eine Tüte mit Bonbons hervor, um das Eis zu brechen.

In wenigen Wochen, am 4. Februar, feiert sie ihren 100. Geburtstag. Sie sei „immer noch genauso lebendig, ein Sonnenstrahl, die Verkörperung der Lebensfreude“, sagt Matet von der Seniorin. Und das, obwohl sie die letzten Jahrzehnte ihres Lebens der Vergangenheit gewidmet habe.

Im Vorwort der deutschen Version sei es ihr wichtig gewesen, eine Frage zu beantworten, die ihr oft gestellt werde: „Sind sie wütend auf die Deutschen?“ Vor mehr als 75 Jahren hätte sie sie zweifellos mit „ja“ beantwortet, heute aber fiele ihre Antwort anders aus, sagt sie: „Ich bin wütend auf die Nazis. Ganz sicher nicht auf die Deutschen von heute. Welche Verantwortung trägt ein junger Deutscher des 21. Jahrhunderts an all dem?“ Die „Pflicht sich zu erinnern“, von der in Frankreich oft die Rede sei, wandle sie um in „den Willen, sich zu erinnern“. Auch mit 100 Jahren, unermüdlich.

Ginette Kolinka, Victor Matet, JDMorvan: Adieu Birkenau – Eine Überlebende erzählt. Splitter Verlag.

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