E-Autos VW Emden denkt trotz der Krise über Mehrarbeit nach
Es klingt paradox: Angeblich will kaum jemand E-Autos kaufen – und trotzdem könnten in dem rein elektrischen VW-Werk Emden bald wieder Überstunden anfallen. Es gibt dafür aber eine Erklärung.
Emden - Die Kollegen bei VW Emden müssen sich für dieses Jahr erst einmal keine Sorgen über zu wenig Arbeit machen. Laut Betriebsrat ist das Werk als gut ausgelastet; offenbar wird sogar über Mehrarbeit nachgedacht. Dennoch schreitet auch in Emden unterm Strich der Abbau von Arbeitsplätzen voran. Gründe dafür sind die Effizienzprobleme der Volkswagen AG und der nach wie vor schleppende Absatz von Elektroautos.
„Wir müssen so viele Autos bauen, dass wir das so nicht schaffen“, sagte der Emder Betriebsratschef Manfred Wulff am Dienstag im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir werden deshalb vermutlich ab Sommer über Mehrarbeit in der Produktion sprechen.“ Die Fahrweise mit zwei Schichten sei für den Rest des Jahres gesichert, das Werk insgesamt gut ausgelastet.
So laufen die vollelektrischen Autos aus Emden
Eine genaue Zahl der zu montierenden Fahrzeuge von ID.4, ID.7 und ID.7 Tourer wollte Wulff nicht nennen. Kurz vor Weihnachten hatte der Betriebsratschef noch von 170.000 E-Autos gesprochen. Aktuell seien etwas weniger geplant. „Die Zahlen ändern sich jeden Monat“, sagte Wulff. „Es sollen aber auf jeden Fall mehr werden als die 123.000 aus dem vergangenen Jahr. Das war ein historisches Tief.“ Vom Typ ID.4 laufen demnach die meisten Autos in Emden vom Band. Es folgen der ID.7 Tourer und dann die ID.7 Limousine.
Wie andere VW-Werke in Deutschland steht auch das Werk in Emden mit seinen noch gut 8000 Mitarbeitern unter enormem Effizienzdruck. Die Produktion der einzelnen Fahrzeuge soll kostengünstiger werden. Betriebsrat, IG Metall und die Konzernführung hatten sich Ende vergangenen Jahres auf einen neuen Haustarif geeinigt. Dieser Tage werden die Vertrauensleute zu den Details geschult, um sie dann den Kollegen an der Linie zu vermitteln.
So läuft der Stellenabbau in Emden
Bei VW gibt es bis Ende 2030 zwar eine Beschäftigungssicherung, also den Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen, dennoch sollen unter den insgesamt 125.000 Mitarbeitern innerhalb der nächsten sechs Jahre 35.000 Stellen abgebaut werden. Das betrifft auch Emden. „Pro Jahr gehen allein über die Altersteilzeit-Regelung 150 bis 250 Kollegen raus“, sagte Wulff. „Etwa 100 Azubis kommen rein. Vom nächsten Jahr an werden das aber weniger Azubis sein.“ Außerdem gebe es das Angebot freiwilliger Aufhebungsverträge im indirekten Bereich, also in der Verwaltung. Demnächst komme auch der direkte Bereich hinzu.
Wulff nahm im Gespräch mit unserer Redaktion auch Stellung zu einer sogenannten Schlechtwetterklausel, die in der vergangenen Woche durch die Medien geisterte. Bei einer Absenkung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 28 Stunden sollten laut dem Magazin „Business Insider“ die ersten beiden Stunden der Absenkung mit 100 Prozent des Entgelts vergütet werden, die Stunden drei und vier mit 30 Prozent und die Stunden fünf, sechs und sieben mit 20 Prozent. Solche Klauseln würden laut Wulff aber erst gelten, wenn alle anderen Möglichkeiten wie der Abbau von Zeitkonten und Kurzarbeit ausgeschöpft seien. Das habe es in den vergangenen drei bis vier Jahrzehnten bei VW allerdings noch nie gegeben.
So laufen E-Autos in Europa
Neben dem Effizienzdruck ringt VW derzeit wie die meisten anderen Autobauer mit dem schleppenden Absatz von E-Autos. In Europa gingen die Zulassungen von E-Autos nach Angaben des Branchenverbands Acea im Dezember 2024 um 10,2 Prozent zurück. „Dieser Rückgang wurde vor allem durch einen deutlichen Rückgang der Zulassungen in Deutschland (minus 38,6 Prozent) und Frankreich (minus 20,7 Prozent) verursacht“, hieß es am Dienstag von Acea. Insgesamt sank der Anteil von neu zugelassenen E-Autos im gesamten Jahr 2024 auf 13,6 Prozent. Benziner und Diesel sind bei den Neuzulassungen weiterhin beliebt. Sie haben einen Anteil von 33,3 (2023: 35,3) beziehungsweise 11,9 (2023: 13,6) Prozent. Hybrid-Elektroautos haben um rund fünf Prozentpunkte zugelegt und haben jetzt einen Anteil von 30,9 Prozent.
Entgegen dem EU-Trend stieg in Deutschland der Anteil der neu zugelassenen Autos mit Benzin- oder Dieselmotor im vergangenen Jahr leicht. 2023 machten sie noch 34,4 beziehungsweise 17,1 Prozent aus, 2024 lagen sie bei 35,2 und 17,2 Prozent. Dabei steigt der Anteil von E-Autos auf den Straßen in manchen anderen EU-Ländern sichtbar. So ist deren Anteil bei Neuzulassungen etwa in Skandinavien deutlich höher. EU-weiter Spitzenreiter war mit Blick auf 2024 Dänemark. Dort machten die Elektrischen Acea zufolge einen Anteil von 51,5 Prozent aus. E-Autos wurden in Skandinavien lange auf verschiedene Weise gefördert – in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen durften sie anders als Verbrenner beispielsweise bis Ende 2023 kostenfrei parken. In Dänemark wurde auch die Ladeinfrastruktur 2024 erheblich ausgebaut. Dass Skandinavier tendenziell mehr E-Autos als Benziner oder Dieselfahrzeuge kaufen, hat mutmaßlich auch mit dem höheren Lohnniveau in ihren Ländern zu tun.
So läuft es für den Volkswagen-Konzern
Der Volkswagen-Konzern behauptete im vorigen Jahr mit einem Plus von 3,2 Prozent auf gut 2,8 Millionen verkaufter Fahrzeuge Platz eins in der EU. Dahinter reihte sich trotz eines Rückgangs um 7,2 Prozent erneut Stellantis (Peugeot, Fiat, Opel) mit gut 1,7 Millionen Autos ein.
Der Renault-Konzern lag mit einem Plus von 1,9 Prozent auf knapp 1,2 Millionen Autos wie schon im Vorjahr auf Rang drei. BMW musste ein Minus von 0,6 Prozent hinnehmen, bei Mercedes-Benz lag der Rückgang sogar bei 2,6 Prozent.
Mit Material von der DPA