Krummhörn  Sie waren füreinander bestimmt: 40 Jahre nach der Scheidung heirateten sie noch einmal

Hannah Weiden
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Von Hannah Weiden
| 29.01.2025 11:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Seine Frau hat Aaltinus Jacobs Anfang Januar verloren. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine außergewöhnliche Liebesgeschichte. Foto: Ortgies
Seine Frau hat Aaltinus Jacobs Anfang Januar verloren. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine außergewöhnliche Liebesgeschichte. Foto: Ortgies
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Es war Liebe auf den ersten Blick – doch nach der Hochzeit merkten sie, dass sie sich unterschiedliche Dinge vom Leben wünschten. Nach 40 Jahren Trennung fanden Edda Sandstede und Aaltinus Jacobs wieder zusammen und erlebten einen glücklichen Lebensabend, bis der Tod sie schied.

In dem Garten von Aaltinus Jacobs aus Woquard stehen kunstvolle Skulpturen. Windspiele, Gartentore oder Figuren in Lebensgröße aus Edelstahl und Eisen. Der Blick fällt schnell auf das Paar in der Mitte der Grünfläche, dessen Köpfe einander leicht zugewandt sind. Zwei Vertraute, Freunde oder Liebende, ganz ohne Kitsch. Die Kunst seiner Frau, Edda Sandstede-Jacobs, findet sich auch im Wohnzimmer, auf dem Kaminsims oder neben dem Bücherregal wieder. Es sind kleine Figuren oder Plastiken wie ein Kerzenständer, der sein Aussehen wie eine Wippe je nach Gewicht der abbrennenden Kerzen verändert. „Solche Dinge mochte sie“, sagt Jacobs.

Der Tod von Edda Sandstede-Jacobs ist erst wenige Tage her. Am 1. Januar 2025 verstarb sie nach schwerer Krankheit. Ihr Leben war erfüllt und spannend, als Deutschlands erste Schmiedemeisterin machte sie in den 1960er und 70er Jahren bundesweite Schlagzeilen. Als Reaktion auf ihren Nachruf in dieser Zeitung meldete sich ihr Mann Aaltinus Jacobs bei der Redaktion. Ihre Liebe sei so außergewöhnlich gewesen, dass das einen weiteren Artikel wert sei, sagte er. Bei einer Tasse Tee fängt er einige Tage später an, ihre Liebesgeschichte zu erzählen.

Kennengelernt haben Aaltinus Jacobs und seine spätere Frau Edda Sandstede sich 1965 auf der Hochzeit einer gemeinsamen Bekannten, da waren sie beide 25 Jahre alt. Sie kam aus Bad Zwischenahn und arbeitete in der Schmiede ihres Vaters, er war Landwirt in Woquard. „Sie hat mich vom ersten Moment an umgehauen“, sagt der 83-Jährige. Besonders fasziniert war er damals von ihren kleinen, feingliedrigen Händen mit den roten Fingernägeln. „Das müssen Sie sich mal vorstellen, da holt sich ein Bauernsohn eine Frau aus der Stadt mit roten Fingernägeln und roten Lippen. Was die Eltern da für Gesichter gemacht haben“, sagt er.

1976 haben die beiden geheiratet, eine Tochter bekommen und ein gemeinsames Leben in der Krummhörn gestartet. Sie arbeitete weiterhin als Schmiedin, er als Landwirt. Doch Edda Sandstede fühlte sich nicht wohl in Ostfriesland. Ihr fehlten die Bäume und die Nähe zur Stadt. „Sie fühlte sich hier fremd in der Gegend“, sagt Aaltinus Jacobs. „Sie war todunglücklich und es hat einfach nicht gepasst.“ Nach nur zwei Ehejahren folgte die Scheidung, an deren Ende Edda Sandstede mit der gemeinsamen Tochter nach Oldenburg zog, wo sie 1980 eine alte Schmiede mit angrenzender Wohnung in der Innenstadt pachten konnte. „Dort hat sie sich dann 30 Jahre lang verwirklicht“, sagt Aaltinus Jacobs.

Für ihn selbst war die Trennung damals nicht leicht, vor allem wegen der Tochter, die er gerne bei sich auf dem Hof hätte aufwachsen sehen. „Ich bin zwar zur Einschulung, Konfirmation, Abschlussball, Abi und so weiter gewesen. Wir hatten uns aber trotzdem eine lange Zeit entfremdet.“ Jacobs blieb auf dem Hof, betrieb ihn mit viel Herzblut und fand schließlich eine andere Lebenspartnerin, mit der er glücklich wurde.

Mit seiner erwachsenen Tochter verbesserte sich das Verhältnis. Sie ließen die Vergangenheit hinter sich. Heute pflegen Vater und Tochter ein sehr enges Verhältnis: Obwohl sie mit ihrer Familie in Delmenhorst lebt, wurden ihre drei Kinder in der Krummhörn getauft. An der Taufe des ersten Enkelkindes nahm 2015 auch seine Ex-Frau Edda Sandstede teil, die den Hof von Aaltinus Jacobs damals zur anschließenden Tauffeier das erste Mal nach 35 Jahren wieder betrat. Sie freute sich vor allem über die vielen Bäume, die ihr Ex-Mann in der Zwischenzeit gepflanzt hatte.

2016 starb Aaltinus Jacobs Lebenspartnerin, die sich zuvor gut mit Edda Sandstede verstanden hatte. Als ein weiteres Jahr später das nächste Enkelkind zur Welt kam, fuhr Jacobs nach Delmenhorst, um die Familie zu besuchen. „Und auf der Rückreise hat der liebe Gott wohl gesagt, jetzt ist der Zeitpunkt, wir haben da noch was offen. Und dann bin ich von Delmenhorst nach Oldenburg gefahren und stand abends um zehn Uhr vor ihrer Haustür“, erinnert sich der 83-Jährige. Ohne wie sonst zu fragen, wer dort sei, machte sie ihm die Tür auf und ließ ihn rein.

„Wir haben kurz geredet, es war ein Sonnabend. Nach zwei Minuten hab ich dann gefragt: ‚Was machst du, hast du morgen etwas Besonderes vor?‘ ‚Ne‘, hat sie gesagt, ‚habe ich nicht‘. Und dann habe ich wörtlich gesagt: ‚Pack deine Tasche und komm.‘“ Innerhalb von einer Stunde waren die Taschen gepackt und das einstige Liebespaar fuhr gemeinsam „nach Hause“. „Dann haben wir hier mitten in der Stube gestanden und beide zur gleichen Zeit die Arme ausgebreitet“, sagt Aaltinus Jacobs. „Und das war’s.“

An das Gefühl, was er damals hatte, kann sich der 83-Jährige noch gut erinnern. „Wir waren vom ersten Moment an so vertraut miteinander, als wären wir nicht 40 Jahre getrennt gewesen, sondern als hätten wir 40 Jahre zusammengelebt“, sagt er. „Wir wussten, dass wir unglaublich Glück gehabt haben und wir haben hier immer gestanden, uns in den Arm genommen und laut Danke gesagt.“

Der 83-Jährige spricht von Vertrautheit und Offenheit, von Selbstverständlichkeit und bedingungslosem Verständnis füreinander. Die Verliebtheit, die sie mit über 70 Jahren füreinander empfanden, sei wesentlich intensiver gewesen als die Verliebtheit mit Mitte 20. „Das Gefühl war viel schöner“, sagt Aaltinus Jacobs. „Das Glück strahlte uns aus den Augen und aus dem Gesicht heraus. Und wir haben uns benommen wie Jungverliebte.“

„2019 haben wir dann gesagt, wir wollen es noch einmal wissen“, sagt der ehemalige Landwirt. Nur zu zweit und unter Anwesenheit einer Standesbeamtin gaben sie sich in der Pewsumer Manningaburg nach 43 Jahren ein zweites tränenreiches Ja-Wort. Sieben intensive Jahre lebten die beiden schließlich ein zweites Mal Seite an Seite, wie die Figur in ihrem Garten.

Das letzte gemeinsame Bild des Paares ist am 10. August 2024 bei der Einschulung des jüngsten Enkelkinds entstanden. Edda Sandstede-Jacobs litt an der Lungenkrankheit COPD, die ihr das Atmen erschwerte. Nach der Einschulung steckte sie sich mit Corona an, bekam eine Lungenentzündung. „Fünf Tage später ist sie ins Krankenhaus gekommen. Und da hat man dann in der Lunge einen Tumor festgestellt, der in einer Größenordnung war, dass er so nicht operabel war“, sagt Aaltinus Jacobs. Auch eine Chemotherapie kam wegen der gesundheitlichen Verfassung seiner Frau nicht mehr in Frage.

„Dann ist sie nach Hause gekommen und ich habe sie hier diese paar Monate gepflegt. Das war sehr schwer, aber im Nachhinein sehr befriedigend. Ich habe ihr versprochen, dass ich ihre Hände halte, beim letzten Atemzug. Ich habe ihr auch die Angst vorm Sterben nehmen können.“ Am 1. Januar 2025 ist Edda Sandstede-Jacobs im Beisein ihres Mannes verstorben.

Trotz tiefer Trauer ist Aaltinus Jacobs dankbar. Dankbar für ein zweites Liebesglück, mit dem weder er noch seine Frau gerechnet hätten. „Ich bin unglaublich dankbar, im tiefen Herbst des Lebens so etwas noch erlebt haben zu dürfen.“ Er hofft, mit dem Teilen seiner Geschichte anderen Menschen Mut machen zu können. „Vielleicht kann man anderen Menschen sogar damit helfen und zeigen, wie schön es sein kann.“

Dieser Text erschien zunächst in der Ostfriesen Zeitung.

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