Hamburg  Ist Felix Lobrecht der neue Luke Mockridge?

Julia Falkenbach
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Von Julia Falkenbach
| 19.01.2025 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Comedyprogramm „All you can eat“ von Felix Lobrecht ist aktuell in der ZDF-Mediathek verfügbar. Foto: Imago/Marco Bader
Das Comedyprogramm „All you can eat“ von Felix Lobrecht ist aktuell in der ZDF-Mediathek verfügbar. Foto: Imago/Marco Bader
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Mit Witzen über Frauen und Behinderte füllt man nicht nur Arenen, sondern inzwischen auch die ARD-Mediathek. Das kann man geschmacklos finden – schlimm ist es nicht.

Alles, was es über schlechte Comedy zu lernen gibt, habe ich kürzlich an nur einem einzigen Abend lernen dürfen. Dabei klang das Ganze vielversprechend: vier Comedians mit fünfzehnminütigen Kurzprogrammen. Einer davon wird bestimmt lustig sein, dachten wir. Auftritt Nummer 1: physischer Humor à la Teddy Teclebrhan – nur dass jener verdammt witzig ist und unser Möchtegern die Darstellung von beim Joggen wippenden Brüsten ganze fünf Minuten in die Länge zieht. Auftritt Nummer 2: ein jüdischer Comedian, der keine drei Minuten brauchte, um den ersten „Vergasen“-Witz zu bringen, weil er als Jude darüber ja Witze machen dürfe. Aber du musst es nicht, möchte man ihm zurufen.

Auftritt 3: irgendwas über ihre übergriffige italienische Mama. War latent witzig, hängengeblieben ist trotzdem nichts. Auftritt 4 kann ich nicht ganz mitzählen – der Comedian schimpfte die Hälfte seines Auftritts über einen Gast, der in der ersten Reihe an einer mitgebrachten Wodkaflasche nippte. Auf so viel Publikumsbeschimpfung wäre Peter Handke sicher stolz. Man könnte insofern sagen: Für jemanden, der Witze über Frauenkörper und Holocaustopfer ebenso wenig mag wie einfallslose 0-8-15-Jokes, war es ein durchwachsener Abend.

Vor einem solchen schützt es nur bedingt, wenn man von der Kreisklasse in die Bundesliga wechselt. Denn dort scheint man seit geraumer Zeit zu vergessen, dass Humor nicht ist, wenn man trotzdem lacht. Nach der Debatte, ob es denn nun amüsant sei, wenn „Menschen ohne Arme und Beine“ in einem Schwimmbecken ertränken (Luke Mockridge), geriet nun Felix Lobrecht in den Fokus der Öffentlichkeit.

Die Stand-up-Show des Podcasters („Gemischtes Hack“) lief kürzlich im Fernsehen und ist seitdem in der ARD-Mediathek abrufbar. Ein Exzerpt der feingeistigen Unterhaltung, die dort geboten wird: Lobrecht prahlt damit, wie Frauen anbieten, Kokain von seinem Penis zu konsumieren, um ein Ticket für seine Show zu bekommen; dass das Wort „eng“ nur im Kontext von Frauen ein „positives Wort“ sei und dass es doch unter Männern normal sei, über Frauen zu sagen, man würde mit manchen nur „mit ner Tüte überm Kopp“ Sex haben wollen und „Loch ist Loch“. Frauen kommen ohnehin nicht sonderlich gut weg: Nachdem ihm eine einen Korb gegeben hat unter dem Vorwand, sie sei taub, erklärt er, er „hätte gar keinen Bock, mich mit einer Behinderten zu unterhalten, viel zu gute Laune für deine Probleme“. Selbst der Besuch bei einem schwerkranken Fan im Krankenhaus muss für Kalauer herhalten: Dem hätte er kein Geschenk mitgebracht, weil der doch eh in ein paar Tagen tot sei. 

Ist das sexistisch und geschmacklos? Ja. Ist es frauenverachtend und behindertenfeindlich? Eher nein. Warum eher? Zum einen, weil ich nicht für alle Frauen und alle Menschen mit Behinderung sprechen kann. Wenn das der Maßstab wäre, bliebe nicht mal mehr der gute alte Flachwitz à la  “Wie heißt die Frau von Herkules? Frau Kules”: Der wäre ja dann auch sexistisch, weil Frauen nicht zwangsläufig den Namen des Gatten annehmen. 

Zum anderen, weil die eher vom linken Lager skandalisierten Aussagen im Originalkontext weniger hart  herüberkommen. So schildert Lobrecht überraschend einfühlsam das Gespräch mit dem schwerkranken Fan und was er davon über das Leben gelernt hat. Doch diese Schilderung eignet sich nicht so gut für kurze Videos auf Tiktok und fällt deswegen unter den Tisch, während die provokanten Witze landauf, landab zitiert werden. Macht das Wissen um den Kontext die polemischen Witze lustiger? Nein. Aber es setzt sie ins Verhältnis. 

Von konservativen Kommentatoren bekommt Lobrecht Rückenwind mit schlagkräftigen Argumenten wie „In den USA wäre das ein Schulterzucken wert“. Oder dass es, weil er selbst mal in einer psychiatrischen Klinik war, vollkommen okay sei, wenn er den stigmatisierenden Begriff „Klapse“ verwendet. Ohnehin sei Lobrecht ja eine Kunstfigur, und Hauptsache sei ohnehin, dass der Witz „handwerklich gut“ sei. Dieses Argument lasse ich erst gelten, wenn Comedian ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf mit IHK-Zertifikat ist.

Muss bei Comedy insofern frei nach Brecht gelten: Erst kommt das Lachen, dann die Moral? Ja, unbedingt. Denn Moral braucht es nicht für gute Unterhaltung; nicht der gute Ton darf die Grenze des Sagbaren sein, sondern nur das Grundgesetz. Und Verstöße gegen jenes würde ich Lobrecht bei aller Unflätigkeit nun wahrlich nicht unterstellen. 

Es tut mir leid, aber nicht alles, was die Grenzen des guten Geschmacks übertritt, muss gecancelt werden; genauso wenig ist Provokation per se lustig, nur weil sie auf einer Bühne vorgetragen wird. Deswegen halte ich mich künftig erstmal fern von Stand-up-Comedy und vertraue auf die Comedy mit dem charmantesten Konzept überhaupt: „Last one laughing“ auf „Prime“. Wer es nicht kennt: Hier werden zehn Comedians (inzwischen teilweise eher sieben Comedians und drei B- bis C-Promis) in einen Raum gesteckt mit dem Auftrag, sich gegenseitig zum Lachen zu bringen. Wer sich am längsten zusammenreißen kann, gewinnt. Ich find’s witzig. 

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