Jugend und Politik Große Fragen in kleiner Runde in Aurich
Der Wahl-Workshop des Jugendzentrums stieß auf wenig Resonanz. Dennoch bleiben die Macher am Ball und planen weiter.
Aurich - „Wenn ihr nicht meiner Meinung seid, dann sagt was, vielleicht ändere ich meine Meinung ja dann“, sagt Zeinab. Mit ihrer Aussage brachte die Zehnjährige beim Wahlen-Workshop im Auricher Jugendzentrum ein zentrales Prinzip der Demokratie auf den Punkt. Das politische System in Deutschland lebt von der freien Meinungsäußerung, dem Austausch von Standpunkten, der Kommunikation, der Diskussion und nicht zuletzt auch dem Kompromiss. Zeinab, die die 5. Klasse des Gymnasiums Ulricianum besucht, ist an diesem Nachmittag mit ihren Freundinnen Elina (11) und Nour (10) ins Jugendzentrum gekommen. Es geht um die anstehende Bundestagswahl am 23. Februar und eigentlich sind die drei Mädchen nicht wirklich die Zielgruppe der Veranstalter.
Viel Arbeit, wenig Resonanz
Denn die Mitglieder des Partizipationsprojektes JUGA – Jugend gestaltet Aurich – hatten eher Jugendliche und junge Erwachsene zwischen dem 12. und dem 27. Lebensjahr im Blick. Ziel war es, sich im Vorfeld der Wahl aktiv mit politischen Themen auseinanderzusetzen, die für die Lebenswelt der jungen Menschen und damit auch für manchen Erstwähler in Aurich relevant sind. Trotz Werbung in den sozialen Medien und über das JUZ-Netzwerk war die Resonanz auf den Workshop aber gering. Ein wenig enttäuschend für die Macher, die viel Zeit und Arbeit in die Vorbereitung investiert hatten.
„Jugendliche haben bekanntermaßen eine flexible Freizeitgestaltung“, sagt Sozialpädagoge Niels Behrens nicht ohne Augenzwinkern. Dennoch sei es für das Team wichtig gewesen, etwas im Vorfeld der Bundestagswahl anzubieten, unabhängig von der Teilnehmerzahl. Behrens hatte sich in den vergangenen Wochen gemeinsam mit seinem Kollegen Thorben Seetzen und dem restlichen JUZ-Team intensiv mit den Wahlprogrammen der einzelnen Parteien auseinandergesetzt, sie aufbereitet, zusammengefasst und die für Jugendliche wichtigen Themen herausgefiltert. Wie werden Bildung, Freizeitmöglichkeiten, Klimapolitik oder Digitalisierung in den Programmen behandelt? Diese Fragen sollten behandelt werden und das wurden sie auch – nun eben in kleiner Runde.
Spannende Fragen und Diskussion
In einer kurzen Präsentation stellte Niels Behrens zunächst die antretenden Parteien und ihre Schwerpunkte vor. Ziemlich schwere Kost, mag man denken. Aber die drei Schülerinnen waren direkt bei der Sache und ziemlich neugierig. „Könnte es eigentlich auch sein, dass Angela Merkel zurückkommt?“, fragte etwa Zeinab. Und: „Wie oft darf man in Deutschland eigentlich wiedergewählt werden?“ Ob Grüne, SPD, CDU oder FDP – nachdem die Bedeutung der Großbuchstaben geklärt war, ging es im JUZ schnell in die Diskussion.
„Die AfD behauptet, dass man es sich verdienen muss, in Deutschland zu leben“, weiß etwa Zeinab. „Das stimmt, aber sagt die CDU nicht eigentlich das gleiche?“, gibt Sozialpädagoge zurück. Nachdenkliches Grübeln. Linksliberal, sozialdemokratisch, restriktiv, Migrationshintergrund, Grundsicherung – von den teils fremdartig klingenden politischen Vokabeln lassen sich die drei Mädchen an diesem Nachmittag nicht abschrecken. Sie vertiefen sich in die aufbereiteten Wahlprogramme, zücken die Textmarker und markieren ihnen wichtige Stellen.
„Das Schwierigste in der Vorbereitung war es, die Wahlprogramme auf die Jugendsprache herunterzubrechen“, sagt Thorben Seetzen, während er die Mädchen bei der Lektüre unterstützt. Für Seetzen zeigt das, dass die Politik nicht so sehr an der Jugend interessiert sei. Dabei seien das ja die Wähler von morgen. „Selbst ich bin dabei über das ein oder andere Wort gestolpert“, ergänzt Niels Behrens. Im Vorfeld habe man die Parteien angeschrieben und sie um Material speziell für die Bedürfnisse von jungen Menschen gebeten. Eine Antwort habe man nicht erhalten. Während Seetzen an einer Stellwand QR-Codes für die ausführlichen Wahlprogramme der Parteien anbringt, brüten Zeinab, Nour und Elina über den Unterlagen.
Frühes Interesse an Politik
Woher kommt das Interesse an Politik und vor allem das teilweise große Hintergrundwissen? „Das weiß ich ehrlich genau auch nicht so genau“, sagt Zeinab. Sie schaue keine Nachrichten und auch zuhause sei das Thema Politik nicht Teil der Gespräche. „Zeinab hat einfach sehr gute Ohren und ist sehr neugierig“, schmunzelt Niels Behrens. Er kennt das zehnjährige Mädchen aus der Hausaufgabenbetreuung des Haus 23, dem zweiten Standort der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) des Jugendzentrums in Popens. Zeinab selbst ist auch ein wenig enttäuscht, dass nur so wenige Teilnehmer zum Workshop gekommen sind. Sie findet Politik spannend und glaubt, dass dies auch auf andere Heranwachsende gilt.
Sie würde es begrüßen, wenn das Thema Politik auch schon früher in der Schule behandelt würde. Aktuell startet der Politikunterricht am Ulricianum in Jahrgang 8. Bis dahin hat Zeinab noch ein paar Schuljahre vor sich und auch bis zu ihrer ersten Stimmabgabe gehen noch ein paar Jahre ins Land. Schade für die wissbegierige 10-Jährige. Sie würde am liebsten schon Ende Februar wählen gehen und wüsste auch schon, wo sie ihr Kreuz machen würde. Aber das verrät sie nicht – auch eines der Merkmale von Demokratie: Das Recht auf geheime Wahl.
Trotz der geringen Teilnehmerzahl lässt sich das Team um Niels Behrens und Thorben Seetzen nicht schrecken, will politische Bildung weiter in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit thematisieren. „Das positive Feedback von Elina, Zeinab und Nour hat uns darin nur noch einmal bestärkt“, sagt Niels Behrens nach der Veranstaltung und plant bereits die nächsten Veranstaltungen. Unter anderem ist eine Diskussionsrunde zur Wahl-Nachlese nach dem 23. Februar angedacht.