Auschwitz und das Kriegsende  Schülerfilme und historische Reflexionen in Aurich

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 15.01.2025 16:19 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Insgesamt zwölf Institutionen bilden die Arbeitsgruppe „Auschwitzgedenktag“ in Aurich. Einige Vertreterinnen und Vertreter stellten das diesjährige Programm vor. Foto: Romuald Banik
Insgesamt zwölf Institutionen bilden die Arbeitsgruppe „Auschwitzgedenktag“ in Aurich. Einige Vertreterinnen und Vertreter stellten das diesjährige Programm vor. Foto: Romuald Banik
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Die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz jährt sich zum 80. Mal. In Aurich wird in besonderer Weise an dieses Datum erinnert.

Aurich - Es ist ein besonderes Jahr: Zum 80. Mal jähren sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar sowie das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa am 8. Mai. Grund genug für die Auricher Arbeitsgruppe „Auschwitzgedenktag“, gleich zwei Veranstaltungen zu planen.

Leers ehemaliger Bürgermeister Wolfgang Kellner ist Hauptredner bei der Gedenkveranstaltung. Foto: Romuald Banik
Leers ehemaliger Bürgermeister Wolfgang Kellner ist Hauptredner bei der Gedenkveranstaltung. Foto: Romuald Banik

Aus diesem Grund wurde die Hauptveranstaltung um einen Tag vorverlegt. Bereits am Sonntag, 26. Januar, findet die Gedenkveranstaltung ab 19 Uhr im Güterschuppen am Gymnasium Ulricianum statt. Das Thema in diesem Jahr lautet „Stunde Null – Kontinuität oder Bruch?“. Hauptredner wird der ehemalige Leeraner Bürgermeister Wolfgang Kellner sein. Er möchte in seinem Vortrag einen Perspektivwechsel vornehmen, wie er in einem Pressegespräch erläuterte. Das Kriegsende solle nicht nur aus der deutschen Sicht geschildert werden. Es dürfe nicht nur darum gehen, dass „die Ehefrau eines Auricher Parteigenossen am 5. Mai 1945 ein weißes Laken aus dem Fenster gehängt hat“, so Kellner. Viel wichtiger sei ihm die Perspektive der Opfer. Es gehe ihm zum Beispiel um jenen halbtoten Menschen, der am 27. Januar 1945 unter vielen Toten lag und gehört habe, wie die Panzer der Alliierten anrollten. Es gehe ihm auch um den Blickwinkel der kanadischen Soldaten, die unter großen Opfern den Krieg beendet hätten. Es gehe ihm nicht zuletzt um die rund zehn Millionen ausländischen Zwangsarbeiter in Deutschland, die 1945 durch die Alliierten befreit worden seien.

Vom Todesurteil zur Begnadigung

Zur Sprache kommen soll der Umbruch in Deutschland und der Umgang mit jenen, die eben noch führend waren in Partei und Wehrmacht und schon bald wieder in der jungen Bundesrepublik führende Positionen eingenommen hätten. Kellner nennt das Beispiel von Kurt Meyer, genannt Panzermeyer.

Dieser war Kommandeur der SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“ und hatte sich seit Kriegsbeginn zahlreicher Verbrechen schuldig gemacht. In Aurich war er im Dezember 1945 von einem kanadischen Militärgericht zum Tode verurteilt worden. Dieses Urteil wurde einen Monat später in lebenslange Haft umgewandelt, nachdem sich zahlreiche Persönlichkeiten für Meyer eingesetzt hatten. „Die großen Parteien, CDU und SPD, wollten die Stimmen der Ewiggestrigen“, sagt Kellner. Daher habe man sich für Begnadigungen eingesetzt. Im Juli 1953 erhielt Meyer im Gefängnis Besuch vom damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU). Gut ein Jahr später, nach neun Jahren Haft, kam Panzermeyer auf freien Fuß.

Arbeitsgruppe ist ein besonderer Zusammenschluss

Kellner ist unter anderem aktiv in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland. Er sieht seine Arbeit gerade jetzt auch als politische Aufgabe an. „Es ist mein Antrieb, den rechten Strömungen etwas entgegenzusetzen.“ Es gelte, die hanebüchenen Aussagen der AfD zu widerlegen. „Ein Björn Höcke schreibt und redet wie früher Hitler.“ Nach der jüngst dargelegten Ansicht von AfD-Parteichefin Alice Weidel, nach der Adolf Hitler Kommunist gewesen sein soll, müsste Höcke also auch Kommunist sein, so Kellner.

Die Arbeitsgruppe „Auschwitzgedenktag“ ist in Aurich etwas ganz Besonderes. Denn nirgendwo sonst kommen so viele Institutionen zusammen, um gemeinsam an die Befreiung des Konzentrationslagers zu erinnern. Der Arbeitskreis Stolpersteine ist ebenso vertreten wie der Heimatverein Aurich, Stadt und Landkreis Aurich, der Verein Gedenkstätte Engerhafe, die KVHS Aurich-Norden, die Ostfriesische Landschaft, der Verein Aurich zeigt Gesicht, die Deutsch-Israelische Gesellschaft Ostfriesland, das Europahaus Aurich und die Projektgruppe Kriegsgräberstätte Tannenhausen. Mit dabei ist auch das Auricher Gymnasium Ulricianum. In Projektkurs Geschichte des zwölften Jahrgangs beteiligt sich mit drei Filmen an der Veranstaltung im Güterschuppen.

Im Zwiegespräch mit dem eigenen Gewissen

Die Filme haben jeweils eine Länge von rund sechs Minuten und wurden von den 23 Schülerinnen und Schülern des Kurses selbst produziert. Im ersten Video, erläutert Schülerin Lene Friedrich, spreche ein SS-Sturmbannführer mit seinem 20 Jahre älteren Ich. Dieses will ihn von weiteren Gräueltaten abhalten, da das wahre Urteil erst komme, wenn man in den Spiegel schaue.

Lene Friedrich (von links), Laura Neemann, Joel Buß, Sindy Nguyen und Lina Onischenko haben mit ihrem Geschichtskurs Filme zum Thema gedreht. Foto: Romuald Banik
Lene Friedrich (von links), Laura Neemann, Joel Buß, Sindy Nguyen und Lina Onischenko haben mit ihrem Geschichtskurs Filme zum Thema gedreht. Foto: Romuald Banik

Der zweite Film, so Schüler Joel Buß, handele von einem Soldaten, der vor einem Bunker aufwache. Er habe alles verdrängt, was im Krieg passiert sei, aber sein Gewissen erinnere ihn in einem Zwiegespräch. Der Soldat aber wolle das nicht wahrhaben, wolle nur seine Ruhe haben.

Gezeichnet wurde der dritte Film. die Künstlerin war Sindy Nguyen. Dargestellt wird ein Tunnel, der die eingeschränkte Sicht, die Enge, das Dunkel in der NS-Zeit symbolisieren soll. „Es gibt keinen Platz für andere Perspektiven“, so Nguyen. Im Mai 1945 zerfalle dieser Tunnel. Es blieben nur Trümmer zurück.

Auricher Kino zeigt vergünstigt Dokumentarfilm

Ulrich Kötting ist als Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Ostfriesland mit dabei. Er unterstreicht, wie wichtig die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler ist. Denn Zeitzeugen gebe es nur noch wenige, und auch die Arbeitsgruppe „Auschwitzgedenktag“ brauche dringend Nachwuchs, damit das Geschehene nicht in Vergessenheit gerate.

Am eigentlichen Gedenktag findet eine weitere Veranstaltung im Auricher Kino statt. Gezeigt wird der Film „Der Schatten des Kommandanten“ aus dem Jahr 2024. Es ist ein Dokumentarfilm, in dem Sohn und Enkel des Auschwitzkommandanten Rudolf Höß zu sehen sind, während aus dessen Autobiographie zitiert wird. Danach spricht Maya Lasker-Wallfisch mit ihrer Mutter Anita Lasker-Wallfisch. Letztere hatte den Holocaust in Auschwitz überlebt, weil sie dort im Mädchenorchester spielte. Der Eintritt zu diesem besonderen Kinoabend beträgt fünf Euro.

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