Cloppenburg  Streit um Bürokratie: Warum Kassenpatienten bei einem Augenarzt privat zahlen müssen

Aaron Dickerhoff
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Von Aaron Dickerhoff
| 16.01.2025 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Augenarzt-Termine sind rar: Bei einem Arzt in Niedersachsen gibt es jetzt Ärger rund um die Abrechnungen. Foto: dpa/Marijan Murat
Augenarzt-Termine sind rar: Bei einem Arzt in Niedersachsen gibt es jetzt Ärger rund um die Abrechnungen. Foto: dpa/Marijan Murat
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Einen Augenarzt-Termin gibt es bei diesem Mediziner sofort – aber nur zum Selbstbezahlen. Termine von Kassenpatienten hingegen werden reihenweise storniert. Denn der Arzt hat Streit mit der Kassenärztlichen Vereinigung. Es geht um nicht ausgedruckte Formulare, Umweltschutz – und Bürokratie.

Ein Jahr – so lange muss man teilweise auf einen Termin beim Augenarzt warten. Nicht selten verzweifeln Patienten an den extrem langen Wartezeiten. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn der Augenarzt den bereits vereinbarten Termin dann wieder absagt. Doch genau das macht aktuell die Praxis von Dr. Gerhard Crone-Münzebrock im niedersächsischen Cloppenburg.

„Wir telefonieren und telefonieren“, erzählt seine Frau Ursula Crone-Münzebrock und berichtet von rund 70 solchen Telefonaten, die sie täglich führen würde, schließlich müssten nun die Termine für etwa ein Jahr abgesagt werden.

Doch warum das Ganze? Es geht natürlich nicht um Schikane, sondern darum, dass die Kassenärztliche Vereinigung die kassenärztliche Zulassung des Augenarztes ruhen lässt. Konkret bedeutet das: Er kann niemanden mehr als Kassenpatienten behandeln, sondern nur noch als Privatpatient gegen Rechnung. Die gesetzliche Krankenkasse erstattet keine Behandlungskosten mehr bei ihm.

Dazu gibt es natürlich eine Vorgeschichte, die mit einem Thema zusammenhängt, dass in Deutschland immer wieder Menschen auf die Palme bringt: „Ich bin nicht mehr bereit, die ständigen Bürokratie-Auflagen der Kassenärztlichen Vereinigung mitzumachen“, sagt Dr. Gerhard Crone-Münzebrock. Er berichtet von unzähliger Verwaltungsarbeit, die auf die Ärzte abgewälzt werden würde.

„Da ist dann immer Zeit, die vom Patienten oder meinem Privatleben abgeht.“ Als Beispiele nennt er auch neuere Entwicklungen wie die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) oder die elektronische Patientenakte (ePA). Beides würde Mehrarbeit für ihn bedeuten, während er weitere damit einhergehende Veränderungen kritisiert. Auch müsse er mehrfach im Quartal neue Updates auf seine Computer aufspielen, was wiederum regelmäßig neue Technikanschaffungen nötig mache.

Und auch das Thema Geld spielt eine Rolle. „Die Kassenärztliche Vereinigung verteilt das Geld so, dass es für die kleineren Praxen extrem ungünstig ist“, so der Augenarzt. „Alle Beiträge steigen, aber bei uns kommt nichts an.“ Seine Bezüge seien heute niedriger als 1994, dem Jahr, in dem er die Praxis eröffnet hat. Attraktiv werde der Beruf durch eine solche Entwicklung nicht.

Wie so der Ärztemangel gerade im ländlichen Raum angegangen werden solle, sei ihm schleierhaft. „Wenn schon schlecht bezahlt, dann wenigstens mit so wenig Verwaltung wie möglich.“ Dieser Aufwand sei bei Privatpatienten deutlich überschaubarer und anders als bei Kassenpatienten seien hier die Bezüge pro Patient seit 1994 um 3,6 Prozent gestiegen.

Auslöser dafür, dass nun die Kassenzulassung von Dr. Gerhard Crone-Münzebrock ruht, war ein zweiseitiger Brief der Kassenärztlichen Vereinigung. In diesem stand, dass er sich ein Formular aus dem Internet herunterladen müsse. „Anstatt es einfach gleich beizulegen“, regt sich der Arzt auf. „Auf meinen Protest, dass meine Arbeitszeit dafür erstens zu schade ist und zweitens zu teuer, wurde erwidert, dass es aus Gründen der Nachhaltigkeit so geschehen müsse.“

Die Kassenärztliche Vereinigung sei alles, aber nicht nachhaltig, findet Crone-Münzebrock. Irgendwann sei ihm aufgrund all der Bürokratie dann der Kragen geplatzt. „Das wirkt jetzt vielleicht kleinlich“, vermutet Ehefrau Ursula Crone-Münzebrock. Doch der Ärger habe sich über Jahre aufgestaut und die Situation sei nicht mehr tragbar. „Das ist eine überbordende Kontrolle.“

Jetzt also ist das Praxisteam hauptsächlich damit beschäftigt, die Termine von Kassenpatienten abzusagen. Freie Termine gibt es wieder viele. Hat es vorher eine Wartezeit von einem Jahr gegeben, kann man jetzt quasi sofort vorbeikommen. „Wir behandeln sie gerne, aber sie müssen direkt bezahlen“, betont der Augenarzt.

Das stößt selbstverständlich nicht auf allzu viel Verständnis bei den Menschen. Denn in ihrem Leben spielt die Kassenärztliche Vereinigung in der Regel keine Rolle. „Wir versuchen zu erklären, dass der Gesetzgeber Schuld ist“, erläutert Ursula Crone-Münzebrock.

Doch viele der Leute, deren Termine abgesagt werden, seien in erster Linie einfach sauer. „Gerade die ärmeren Menschen sind verzweifelt“, berichtet sie. „Die können sich das ja überhaupt nicht leisten.“ Manche Kassenpatienten würden aber auch einfach zahlen, wenn sie es sich erlauben können.

Ein haltbarer Zustand ist die aktuelle Lage natürlich nicht – weder für das Praxisteam noch für die Patienten, die sich oftmals nun anderswo einen Termin suchen und von Neuem extrem lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. Für Dr. Gerhard Crone-Münzebrock steht fest, dass gerade die kleinen Praxen auf dem Land auf dem Spiel stünden.

Die Verwaltungsarbeit werde zunehmend von den Behörden auf die Ärzte – oder in anderen Fällen auf die Bürger – abgewälzt. Und gleichzeitig schrumpfe die gleichbleibende Bezahlung inflationsbedingt zusammen. Er sieht die Politik jetzt in der Verantwortung, schnellstmöglich etwas daran zu ändern.

Nun hofft die Augenarztpraxis erst einmal auf das Verständnis der Menschen, auch wenn sie den Unmut vieler Patienten verstehen können. „Wir wissen, dass es eine Zumutung ist.“ Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen wollte sich zum Sachverhalt nicht äußern. Auf Anfrage hieß es: „Bei dem Ruhen der Kassenzulassung handelt es sich um ein rechtliches Verfahren. Aus Datenschutzgründen können wir aktuell keine Stellungnahme dazu abgeben.“

Dieser Artikel erschien zuerst bei OM-Medien in Emstek.

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