Osnabrück Unser Bargeld ganz abschaffen? Warum das ein Kulturschock wäre
Schon bald werden die Deutschen weniger Einkäufe mit Bargeld erledigen als ohne. Derweil bereitet die EU längst den digitalen Euro vor. Haben wir dann irgendwann keine Münzen mehr im Portemonnaie? Klar ist: Das wäre ein trauriger Moment.
Die Deutschen haben sich lange geziert, aber in diesem Jahr wird es wohl kommen, wie es kommen muss: Zum ersten Mal dürfte die Bundesbank in ihrer jährlichen Studie, die immer im Sommer veröffentlicht wird, zu dem Ergebnis kommen, dass der Großteil der Einkäufe in Deutschland nicht mehr bar, sondern elektronisch bezahlt wird: also mit Karten, mit dem Handy, einer smarten Uhr oder was es sonst noch an Plastikprodukten gibt.
Bei der bisher letzten Erhebung vom Juli 2023 hatten die Experten noch einen hauchdünnen Vorsprung für Zahlungen mit Scheinen und Münzen ermittelt, auf die 51 Prozent aller Einkäufe entfielen. Aber der Langzeit-Trend ist eindeutig, es geht abwärts mit dem Bargeld. Und das finde ich schade, obwohl ich selbst nicht ganz unschuldig daran bin.
Tatsächlich vergehen bei mir manchmal ganze Monate, in denen ich keine einzige Münze in die Hand nehme. Selbst Cent-Beträge zahle ich immer mit Karte (wobei es in der allgemeinen Teuerung sowieso gar nicht mehr so einfach ist, einen Einkauf im Cent-Bereich zu schaffen, nicht mal beim Bäcker). Es ist halt wahnsinnig bequem. Und, ja, womöglich können irgendwelche Kreditinstitute in ihren Datenbanken sehen, dass ich unter der Woche nur Graubrot kaufe und dafür samstagsmorgens immer ein Croissant. Aber gegen die Kombination ist ja auch nichts Sinnvolles einzuwenden.
Nur ist das Mit-Karte-Bezahlen eben auch ein kleines bisschen weniger schön, was mir umso stärker auffällt, wenn ich dann doch mal bar zahle. Dann wird man wieder daran erinnert, dass hier eine wirklich steinalte Kulturtechnik im Begriffe ist, nach Jahrtausenden endgültig zu verschwinden, und mit ihr auch ein Stück regionale Identität: Bargeld und speziell Münzen sind Heimat.
Ein Umstand, den sich ganze Wissenschaftszweige schon immer zunutze gemacht haben: Wer weiß, wie viele antike Gräber Archäologen niemals hätten identifizieren können, hätten sie dort nicht auch ein paar alte Münzen gefunden, die etwas über den Verstorbenen verraten. Die Archäologen kommender Zeiten werden es jedenfalls deutlich schwerer haben, sollten wir Heutige irgendwann dazu übergehen, hochgestellten Persönlichkeit ihre Handys mit ins Grab zu geben.
Selbst die deutsche Finanzverwaltung, in Sachen Sinnlichkeit ja sonst eher unter Graubrot-Verdacht, ist dem alten Zauber der Münzen erlegen, sonst würde sie nicht bis heute immer neue Euro-Motive entwerfen. Im Moment läuft die Serie „Bundesländer II“, bei der jedes Jahr eine neue 2-Euro-Münze zu Ehren des Bundeslandes geprägt wird, das gerade den Vorsitz im Bundesrat führt. Gerade in dieser Woche soll das Motiv „Saarland“ herausgegeben werden, mit einer Naturansicht: „Die eigentlich bewaldete Hügellandschaft der malerischen Saarschleife ist auf den die Landschaft formenden Verlauf des Flusses zusammengefasst“, heißt es dazu verträumt auf der Bundesbank-Website. Und das ist erst der Anfang: 13 Bundesländer kommen noch.
Aber dann? Bis dahin, in 13 Jahren, hat die EU bestimmt den digitalen Euro eingeführt, an dem sie längst arbeitet. Wenn gleichzeitig die Bargeldnutzung weiter so drastisch abnimmt, wer weiß, wie lange sie bei der Bundesbank dann noch echte Münzen prägen. Es gebe derzeit „keine Pläne“, das Bargeld abzuschaffen, teilt die EU-Kommission dazu mit. Ich will künftig jedenfalls wieder mehr dazu beitragen, dass es dabei bleibt.