Riesa Und dann bricht Alice Weidel mit einem Tabu
Die Kleinstadt Riesa in Sachsen befand sich im Ausnahmezustand, Alice Weidel war es auch. So verlief die Krönungsmesse der ersten AfD-Kanzlerkandidatin.
An der Landstraße zur sächsischen Kleinstadt Riesa steht ein älterer Herr und schaut sich „diese Bambule“ an, wie er den großen Ausnahmezustand nennt. Polizeistreifen haben die Zufahrt in die Stadt gesperrt, ab hier geht es nur noch zu Fuß weiter. Wegen des AfD-Bundesparteitags, der in der WT Energiesysteme Arena im Industriegebiet stattfindet und Tausender Gegendemonstranten, die seit den frühen Morgenstunden versuchen, das Parteitreffen zu verhindern. Den Mann nerven die Proteste, aber nicht der Parteitag der AfD. „Vielleicht hätten sie ihn lieber bei uns machen sollen“, sagt er und weist auf sein Dorf in Sichtweite.
Wer zum Parteitag will, muss sich die letzten Kilometer zu Fuß nach Riesa durchschlagen. Außer Polizisten und Demonstranten, überwiegend junge Leute mit „FCK Nazis”-Plakaten, ist kaum jemand auf der Straße. Dafür überall Absperrungen. Eine Gruppe Jugendlicher aus dem Ort erklärt hilfsbereit, wie man trotzdem schnell zur Arena kommt. Und wie finden sie es, dass die AfD sich in ihrer Stadt trifft? „Ganz okay“, meint das einzige Mädchen in der Runde und wirkt verwundert über die Frage. Die Normalisierung der Partei scheint bereits vollzogen.
Das wird auch Bundessprecher Tino Chrupalla feststellen, als er den Parteitag mit zwei Stunden Verspätung in der Halle eröffnen kann. Die Reihen sind noch spärlich gefüllt, viele Delegierte müssen sich noch immer durchschlagen. „Heute spüren wir Rückenwind!”, ruft Chrupalla den Delegierten zu. Unter Nachbarn, im Freundeskreis.
Wer was normal findet, liegt allerdings immer im Auge des Betrachters. Während in keiner Rede der Verweis auf die Meinungsfreiheit fehlen wird, die die Partei erst wieder herstellen möchte, werden Journalisten beim Parteitag in Grenzen verwiesen. Ihr Bereich ist mit einem blauen Band „umzäunt”, die Berichterstatter werden auf Abstand gehalten.
Auch die Sicherheitsvorkehrungen sind nicht alltäglich. Demonstranten hatten zuvor angekündigt, den Parteitag verhindern zu wollen. Polizei ist omnipräsent. Spürhunde des Bundeskriminalamtes überprüfen sogar das Equipment der Journalisten. Alice Weidel selbst wird auf ihrer Fahrt zum Parteitag aufgehalten. Normal ist auch das nicht.
In der Halle allerdings gibt es einen großen Wunsch nach Harmonie. Die Umfragen für die AfD sind gerade erst auf mehr als 20 Prozent geklettert. Vom Gespräch zwischen US-Milliardär Elon Musk und Alice Weidel auf X waren zwar nicht alle hier begeistert. Aber wer wollte die erste Kanzlerkandidatin in der Geschichte der Partei angesichts dieses Laufs in den Umfragen noch kritisieren?
Wer sie als Kanzlerkandidatin will, soll aufstehen. Niemand bleibt da sitzen. Alle stehen und schwenken blaue Herzen mit der Aufschrift „Kanzlerin der Herzen“. Und ein Sprechchor startet: „Alice für Deutschland”. Der Slogan dürfte nicht zufällig nah an dem SA-Spruch „Alles für Deutschland“ sein, für den der Thüringer Landeschef Björn Höcke verurteilt wurde. Weidel stört sich nicht daran.
Begleitet von einem lauten Bass-Elektronik-Mix im Rammstein-Stil schreitet sie zum Sprecherpult. In den folgenden 20 Minuten ist ihre Stimme so schneidend-aggressiv, als würde sie hier nicht vor ihren Parteifreunden sprechen, sondern wollte einen Grünen-Parteitag niederringen. Weidel schlägt verbal nur so um sich. Die Demonstranten draußen seien „rot-lackierte Nazis“, schimpft sie. Kurz darauf ist sie schon beim Thema Migration angekommen. „Wir werden die Grenzen lückenlos schließen!“ Das werde eine klare Ansage an die Welt sein. Abschieben werde man. Und dann kommt ein Satz, den sie so noch nicht gesagt hat. „Und wenn es dann Remigration heißen soll, dann heißt es eben Re-mi-gration!“, ruft sie den Delegierten zu, die daraufhin gar nicht mehr aufhören zu klatschen. Weidel umarmt damit die extremen Rechten in ihrer Partei. Windkraftwerke will sie auch noch niederreißen, diese „Windmühlen der Schande“. Auch das eine Anspielung auf das „Denkmal der Schande“, als das Björn Höcke das Holocaust-Mahnmal bezeichnet hatte.
Dann wird sie plötzlich ganz leise. Union und FDP sei die Abgrenzung zur AfD wichtiger als ihre eigenen Wahlversprechen, sagt Weidel. Und in einem Punkt müsse sie Angela Merkel recht geben. Kunstpause. „Sie kennen mich“, wiederholt Weidel den Satz, den die Kanzlerin einst im Wahlkampf sagte. „Und wir kennen die CDU!“, ruft Weidel. Die letzten Tage, Österreich, Musk - für sie scheint jetzt nichts mehr unmöglich. „Lasst uns die CDU, diese Betrügerpartei, überholen!“
Lange applaudieren die Delegierten ihr, als sie fertig ist. „Super!“ finden anschließend alle, die man fragen kann, ihre Rede. Auf X verfolgen zwischenzeitlich mehr als zwei Millionen Menschen diesen Nachmittag in Riesa. Elon Musk war noch einmal behilflich.
Hinter den Journalistenplätzen im Restaurantbereich filmen Delegierte sich gegenseitig und fluten die sozialen Medien mit ihren Statements. Bei der AfD dominiert der Mann im Anzug, aber es gibt auch echte Hingucker. Ein Pärchen etwa, sie im rosa Dirndl mit geflochtenen Zöpfen, er mit Frisur wie Adolf Hitler. Eine andere junge Frau trägt ein knallblaues Samtkleid, dazu eine blau blinkende Lichterkette auf dem Kopf. Und dann fällt noch eine Dame im eng anliegenden blauen Kleid auf: „Mit Migrationshintergrund für Deutschland“, steht darauf, vor schwarz-rot-goldenem Hintergrund.
Draußen läuft noch immer die Kundgebung der Gegendemonstranten, bei drei Grad minus. Es wird langsam dunkel. Ein Delegierter blickt anerkennend zu ihnen hinüber. „Das nötigt mir schon Respekt ab“, sagt er. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sowas einer von uns machen würde.“