Osnabrück  Kennen Sie Family-Influencing? Was für eine perverse Geldmacherei

Christian Ströhl
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Von Christian Ströhl
| 12.01.2025 06:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Weltweit eine der bekanntesten Family-Influencer ist Carla Bellucci. Die Internetpersönlichkeit gewährt täglich intime Einblicke in ihr Familienleben . Foto: IMAGO/Jam Press
Weltweit eine der bekanntesten Family-Influencer ist Carla Bellucci. Die Internetpersönlichkeit gewährt täglich intime Einblicke in ihr Familienleben . Foto: IMAGO/Jam Press
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Kid-Content klickt gut: Viele Eltern nutzen Social Media, um intime Kinderfotos zu vermarkten und damit Geld zu verdienen. Und noch viel mehr Eltern schauen sich die Inhalte auf Instagram, TikTok und YouTube an. Ich sehe darin nur perfide Geldmacherei.

Ein süßes Video vom schlafenden Kind, das witzige Babyfoto mit der riesigen Rotzblase oder Bilder beim Planschen am See: Vielleicht haben Sie wie ich tausende Fotos Ihrer Kinder oder Enkel auf Ihrem Smartphone. Eigentlich sind das alles harmlose Aufnahmen, doch einige Eltern nutzen solche intimen Familienmomente aus: Auf Instagram, YouTube oder TikTok präsentieren sie ihre Kinder einem Millionenpublikum und verdienen damit viel Geld.

Neudeutsch heißt das „Family-Influencing“. Wer diese sogenannten Content Creatoren, also die Ersteller von Inhalten für Soziale Medien, noch immer belächelt, sollte wissen: 500 bis 10.000 Euro lassen sich pro gesponsertem Post verdienen, schätzen Branchenexperten. Das klingt nach leicht verdientem Geld und mag verlockend sein. Ich halte es für perfide und pervers.

Immer mehr Eltern vermarkten ihre Kinder. Kid-Content klickt gut. Einige Mama- und Papablogger oder Familien-Influencer erreichen zum Teil Millionen von Menschen. Ihre Follower suchen Unterhaltung oder Orientierung und Erziehungstipps. Diese Reichweite wiederum nutzen viele Influencer: Sie bewerben mit ihren Familiengeschichten Pflegeprodukte, Spielzeug, Möbel, Kleidung oder Essen.

Sara Flieder ist das Vermarkten von Kindern im Netz schon seit langem ein Dorn im Auge. Flieder ist selbst Mutter und wie viele andere Eltern scrollte sie durch Instagram und stieß dort immer wieder auf grenzüberschreitende Bilder und Videos. Für sie sei es ein Unding, teils sehr private Fotos kommerziell zu verwenden.

Sie ergänzt: „Mit mir zusammen kennen Hunderttausende die Kinderzimmer, die Geburtstagsfeiern, die Krankheiten, die Trotzphasen, das Lieblingsessen und die Hobbys.”

Seit mehr als zwei Jahren sammelt sie Unterschriften auf der Petitionsplattform WeAct, um die Intimsphäre von Kindern zu schützen. Flieder fordert strengere Regeln für gewerblich handelnde Influencer. Als 50.000 Menschen unterzeichnet hatten, übergab sie die Liste dem Bundesfamilienministerium. Das ließ sich davon nicht beeindrucken. Man sehe die Verantwortung bei den Eltern, hieß es. Mittlerweile haben über 57.000 Menschen unterzeichnet.

Das Osnabrücker Kinderhilfswerk Terre des Hommes bezeichnet diese Art von Vermarktung als eine „neue Form der Kinderarbeit“ im familiären Kontext. Laut der Hilfsorganisation nutzen Influencer-Familien ihre Kinder aus. Insbesondere die Darstellung von Babys und Kleinkindern veranlasse Unternehmen, über diese Kanäle Werbung zu schalten, heißt es bei der Präsentation des Kinderarbeitsberichts 2024.

In Deutschland gibt es etliche Gesetze, die Kinder schützen sollen – auch davor, dass ihre Privatsphäre verletzt wird. Nur werden die in der Praxis kaum angewandt. Zu diesem Ergebnis kommt ein neues Rechtsgutachten. Die Experten der auf Medienrecht spezialisierten Kanzlei Brost Claßen aus Köln stützen darin Flieders Kampf und fordern ein neues Schutzkonzept für Kinder – und ein vollumfängliches Veröffentlichungsverbot von kommerziellen Kinderfotos. Das würde bedeuten: Bis das siebte Lebensjahr beendet ist, wären gar keine Kinderfotos auf Influencer-Accounts erlaubt.

In dem Gutachten heißt es: Fotos von Kindern für Werbezwecke auf Social Media können das Kindeswohl gefährden. Besonders wenn Kinder zu Werbefiguren stilisiert und in den sozialen Medien instrumentalisiert werden, verletzt das ihr Recht auf Selbstdarstellung und greift in ihr Persönlichkeitsrecht ein. Das Gutachten wurde von Campact und dem Deutschen Kinderhilfswerk in Auftrag gegeben.

Stand heute gibt es in Deutschland keinen Fall, in dem Richter entschieden hätten, dass die Veröffentlichung kommerzieller Kinderfotos eine Kindeswohlgefährdung darstellt. Eigentlich unfassbar. Ob es nun ein Clip ist, in dem ein Kind den neuesten Kinderjoghurt probiert oder ein Kind freiwillig zig Kunstwerke malt – begibt man sich einmal in diese Blase des Familien-Influencings, dann wird einem schnell bewusst, wie viel Arbeit für die Kinder mit den Videos verbunden ist.

Was tun? Erstmal sollte man gut überlegen, welche Bilder seiner Kinder er oder sie selbst teilt. Und auch darüber hinaus kann man etwas tun: Beim Scrollen durchs Netz, können wir alle die Werbung kritisch hinterfragen – und im Zweifel boykottieren.

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