Gesundheitsversorgung Hausärzte im Kreis Aurich an der Belastungsgrenze
Hausärzte aus der Region kämpfen mit Bürokratie, Regress und einer „Amazon“-Mentalität bei den Patienten. Warum sie immer häufiger ans Aufgeben denken.
Norden - Mehrere Hausärzte aus dem Landkreis Aurich warnen vor dem Zusammenbruch des Systems und fehlenden Zukunftsperspektiven für den Ärzte-Nachwuchs. Eva Wortberg aus Hage, Dr. Anika Scholle aus Norden und Dipl.-Med. Michael Kluschke aus Großheide sind am Rande ihrer Belastbarkeit angekommen und denken immer häufiger ans Aufgeben. Im Gespräch mit unserer Zeitung machten sie unter anderem das „krankende System“ mit einer immer weiter zunehmenden Bürokratie, der Angst vor Regress und die Budgetierung ihrer Leistungen dafür verantwortlich. Nach Ansicht der Ärzte ist aber auch eine veränderte Grundhaltung vieler Patienten Teil des Problems.
Michael Kluschke beschrieb eine neue Anspruchshaltung der Patienten, die er „Amazon-Denken“ nennt – frei nach dem Motto: Heute bestellt, morgen geliefert. In der Coronazeit sei gesellschaftlich „etwas kaputt gegangen“, sagen die Ärzte. Immer mehr Menschen würden zu irgendwelchen Fachärzten rennen, wollten selbst entscheiden, wann sie zum Facharzt gehen – egal, ob sie diesen tatsächlich benötigen oder nicht. Nach Aussagen der Ärzte würden viele Patienten nur noch nach der Devise handeln: „Ich zuerst, ich bin der Notfall – selbst dann, wenn es sich eigentlich um einen harmlosen Schnupfen handelt“, erzählten sie aus ihrem Alltag. Alle drei Ärzte bestätigten: Der Ton in der Praxis habe sich geändert. Immer wieder würden Mitarbeiter am Empfang bedroht.
Ärzte: Geht es so weiter, hören sie vor der Rente auf
Als eine Art Damoklesschwert empfinden die Ärzte zusätzlich die Angst vor Regressforderungen durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Zwei Jahre lang kann die KV rückwirkend Forderungen an die Ärzte stellen, wenn diese sich ihrer Meinung nach nicht an das Gebot der Wirtschaftlichkeit gehalten haben. All das könnte dazu führen, dass die Ärzte vorzeitig ihre Praxen aufgeben.
Sie haben alle ihren Beruf gewählt, weil sie Menschen helfen wollen. Bewusst haben sie sich dafür entschieden, als Hausärzte zu arbeiten. Im Gespräch mit unserer Zeitung machen sie klar: Geht es so weiter, werden sie nicht bis zur Rente weitermachen.
Ärzte benennen die größten Probleme
Die Ärzte beschreiben ihren Alltag alle gleich. Sie reiben sich auf. Zwischen einem Budgetierungssystem, das sie für ihre Arbeit nicht richtig bezahlt, Fleiß und Mehrarbeit sogar bestraft, immer mehr Bürokratie, die kaum mehr Zeit für die Arbeit am Patienten lässt, und Patienten, die lautstark Mitarbeiter beleidigen, auf Behandlungen und ihre Rechte pochen, dabei jederzeit mit Klage oder einer Beschwerde bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) drohen. Über allem schwingt zusätzlich das Damoklesschwert namens Regress. Zwei Jahre rückwirkend kann die Kassenärztliche Vereinigung (KV) die Ärzte wegen vermeintlich falscher Behandlung beziehungsweise Verschreibungen falscher, weil zu teurer, Medikamente zur Kasse bitten. „Ein Emder Arzt, von dem die KV eine Rückzahlung in Höhe von 70.000 Euro fordert, hat deshalb jetzt seine Praxis geschlossen“, so die Ärzte.
„Wir wollten bewusst Hausärzte werden. Ich finde, es ist ein Privileg, dass Leute uns als Familienmitglieder mit reinlassen“, erklärt Eva Wortberg ihre Motivation für den Beruf und den Schritt in die Selbstständigkeit als Hausärztin. Doch von dieser anfänglichen Motivation ist weder bei ihr noch bei Anika Scholle oder Michael Kluschke noch viel vorhanden. Kluschke hat einen Vorteil, seinen beiden Kolleginnen gegenüber: Er ist 62 Jahre alt, steuert auf die Rente zu und sehnt diesen Tag mittlerweile herbei.
„Du gehst unter in einem Berg von Bürokratie. Der Papierkram erstickt dich“, versucht Eva Wortberg zu erklären. Was ihr persönlich schwerfällt, ist zusätzlich die Digitalisierung, die Anbindung an die Infrastruktur und Computer. „Ich kann das nicht und ich will das auch nicht. Das hat mit meinem Job auch nichts zu tun“, sagt sie.
Beruf macht so keinen Spaß mehr
Das alles sind aber Bausteinchen, die sie darüber nachdenken lassen, ob ihr der Job überhaupt noch Spaß macht. Die Antwort ist für sie wie für Anika Scholle klar: „So wie es jetzt gerade ist, macht er das nicht. Es ist frustrierend.“ Denn es habe nur noch wenig mit Medizin zu tun. Beide haben ihre Nachmittagssprechzeiten bereits eingekürzt, um den Papierkram zu schaffen.
Die drei Ärzte benennen die gravierendsten Probleme in ihrer täglichen Arbeit. Eines sind die sogenannten Hausarztvermittlungsfälle: Hausärzte haben unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, einen dringenden Termin bei einem Facharzt zu vereinbaren. Das gilt für Patienten, die aus hausärztlicher Sicht nicht länger als vier Tage auf einen Facharzttermin warten können. Die Fachärzte erhalten für die kurzfristige Behandlung solcher Patienten mehr Geld von der KV.
Krebspatientin bekam keinen CT-Termin
In der Praxis funktioniere das aber nicht, erzählen die Ärzte. „Kollegialität ist dadurch abhanden gekommen“, erzählt Anika Scholle. Früher habe sie einen Kollegen angerufen, wenn sie einen schlimmen Befund hatte. Der Patient sei dann kurzfristig dran genommen worden. „Heute geht nichts mehr ohne Hausarztvermittlungsfall“, so Scholle. Dabei ist die Regelung der KV ganz klar: Weder der Wunsch eines Facharztes noch eines Patienten, sondern allein die medizinische Notwendigkeit bestimmt, ob der Hausarzt eine Vermittlung vornimmt oder nicht.
Anika Scholle erklärt es anhand eines Beispiels aus ihrer Praxis: „Bei mir stand eine Frau mit einem frisch diagnostizierten Brustkrebs in der Praxis, die keine Termine beim Facharzt bekam zur Weiterbehandlung. Einzige Ausnahme des Facharztes – ich mache daraus einen Hausarztvermittlungsfall. Langes Warten ist für die Frau aber gefährlich, denn sie muss in die Tumorkonferenz, der Krebs wächst ja sonst. Lässt man eine solche Frau drei Monate auf eine Computertomographie warten, hat sie Metastasen und ihre Heilungschancen sinken deutlich. Mache ich aber mehr als 15 Prozent meiner Scheine zu Hausarztvermittlungsfällen, zahlen ich dafür eine Strafe. Uns sind da die Hände gebunden.“
Hausärztin spricht von „fast mafiösen Strukturen“
Ähnlich beschreibt Eva Wortberg einen Fall, in dem es um einen Nachsorgetermin für einen Patienten ging. Dieser wollte in der Facharztpraxis einen Termin in einem halben Jahr vereinbaren. „Die Praxis sagte ihm, sie könne ihm keinen Termin geben. Wenn er aber zwei, drei Wochen vor dem nötigen Termin versuche, von seinem Hausarzt einen Hausarztvermittlungstermin daraus zu machen, könne er kommen“, sagt Wortberg. Dadurch verdiene der Facharzt das Doppelte. „Das sind fast mafiöse Strukturen hinter solchen Dingen“, so Wortberg.
Ein weiteres Problem sind die fehlenden Fachärzte in der Region. Das merken die Hausärzte in ihrer täglichen Arbeit. Wenn es Fachärzte gibt, seien sie weit weg. Es gebe aber Patienten, die könnten oder wollten für eine Blutentnahme nicht nach Aurich, Emden oder Leer fahren. „Dann sagen meine Patienten zu mir: ,Können Sie das nicht machen?’“, sagt Scholle. Theoretisch kann sie das, praktisch könne sie sich das aber nicht leisten. Denn die Kosten für die Blutentnahmen zahlt sie von ihrem Budget, während die Rheumatologin einen Laborbonus bekommt, weil sie so sparsam beim Blutabnehmen ist, beschreibt es Scholle. Zusätzlich zahlt Scholle auch noch die medizinische Fachangestellte (MFA), die das Blut abnimmt. „Und in meiner Praxis bilden sich wieder Schlangen und die Leute sind frustriert, dass sie warten müssen. Da beißt sich die Katze immer in den Schwanz. Natürlich machen wir das, wenn die Leute gar nicht können. Aber ich habe das zurückgefahren. Das führt dazu, dass die Leute total aggressiv und unzufrieden werden“, so Scholle.
Ärzte beklagen fehlende Eigenverantwortung der Patienten
Ein erhebliches Problem sei aber auch die fehlende Eigenverantwortung bei den Patienten. Und die nehme immer weiter zu. „Es gibt eine veränderte Grundhaltung vieler Patienten den Ärzten gegenüber. Viele Patienten würden nur noch nach der Devise handeln: „Ich zuerst, ich muss jetzt aber und ich bin der Notfall – selbst dann, wenn es sich eigentlich um einen harmlosen Schnupfen handelt“, erzählen die Ärzte aus ihrem Alltag. Für sie ist klar: „Wir brauchen wieder das Hausarztprinzip.“ Der erste Gang der Patienten müsse zum Hausarzt gehen und der entscheidet, ob ein Facharzt nötig ist. „Und das nicht aus Gefälligkeit, weil der Patient mault oder dich verklagen will“, betont Anika Scholle.
Vielen Patienten fehle das Gefühl, ob sie wirklich krank sind oder sie sich nur mit einem Kamillentee ins Bett legen sollten. „Das System wird von Patienten wahllos für Quatsch benutzt. Wir sind Wunscherfüller für viele Patienten“, sagt Wortberg. Solche Fälle nähmen zu und „verstopfen“ die Praxen.
Zugezogenen fehlt oft die Sozialstruktur
Vielen Zugezogenen fehle vor Ort zudem die Sozialstruktur. Da, wo sich früher die Kinder oder ein Freund gekümmert habe, sei im neugewählten Zuhause niemand. Auch dafür sollen häufig die Hausärzte einspringen, sagt Anika Scholle. Hinzu kämen immer mehr Anfragen an die Praxen. Eltern brauchten mittlerweile ein Attest für Schule und Kita, wenn die Kinder krank und auch, wenn sie wieder gesund sind. „Wir sind mittlerweile Fachärzte für Formularmedizin und Attestwesen“, sagt Kluschke süffisant.
Hausarzt: Der Beruf passt in kein Lebenskonzept
Anika Scholle und Eva Wortberg sind neben ihrem Beruf als Hausärzte auch noch Mütter von kleinen Kindern – und haben noch mehr als zwanzig Jahre Arbeit vor sich, bis sie in Rente gehen. Doch geht das System so weiter, werden sie die Zeit nicht mehr als Hausärzte verbringen. Sie sind sich im Klaren darüber, dass sie ihr Geld an anderer Stelle leichter verdienen könnten. Es bleibt für sie eine Option. Eine, die sie immer im Hinterkopf haben, wenn es mal wieder besonders schlimm ist in der Praxis, geben beide ehrlich zu.
Michael Kluschke macht deutlich: „Man kann niemandem verkaufen, warum er diesen Job bei diesem Arbeitsaufwand machen soll. Der Job passt in gar kein Lebenskonzept rein.“ Die KV sperre sich, die Strukturen aufzubrechen, die Gesetzgebung tue sich damit schwer. Es gebe ja gar kein Angebot, das man jungen Ärzten machen könne.