Osnabrück  Franz Beckenbauer: Wie er zum „letzten Kaiser“ wurde

Malte Goltsche
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Von Malte Goltsche
| 07.01.2025 07:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Kaiser: Franz Beckenbauer starb vor einem Jahr - nun widmet ihm Torsten Körner eine Dokureihe. Foto: imago/Rudel
Der Kaiser: Franz Beckenbauer starb vor einem Jahr - nun widmet ihm Torsten Körner eine Dokureihe. Foto: imago/Rudel
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Filmemacher Torsten Körner (u.a. „Schwarze Adler“) widmet Fußball-Legende Franz Beckenbauer zu dessen erstem Todestag eine Dokureihe. „Beckenbauer - der letzte Kaiser“ beleuchtet ein Leben, das längst durchleuchtet zu sein schien, auf neue und ebenso brillante Art und Weise.

„Der Ball ist die Vollkommenheit des Rades. (…) Unser Sonnensystem ist rund, die Erde ist rund, der Mond ist rund, die Planeten sind rund. (…) Diese Form ist göttlich, und deswegen ist der Fußball so entstanden.“ Es ist das erste Zitat im Film - und eines das Beckenbauer perfekt charakterisiert: Seine Liebe zum Spiel und dem entsprechenden Spielgerät erklärt in einfachen, aber philosophischen Sätzen.

Die erste Episode der Dokumentation dreht sich um Beckenbauers Anfänge. Die Kindheit in den einfachen Verhältnissen von München-Giesing, das Kicken auf den Straßen, den ersten Ball, den Bruder Walter als Bündel aus Zeitungen, Lappen und Gummibändern beschreibt. Der große Bruder von Franz ist einer von vielen O-Ton-Gebern im Film, darunter Schauspieler Matthias Brandt, Sohn von Ex-Bundeskanzler Willy Brandt, aber auch ehemalige Weggefährten wie Journalist Alfred Draxler oder Frankreichs Fußballlegende Michel Platini.

Neben all den starken Zitaten, den biografischen Elementen, den Philosophien über Fußball und das Leben an sich, sind die stärksten Szenen der ersten Folge aber ganz klar diejenigen, die Beckenbauer selbst zeigen - und zwar als Spieler. Wie er um seine Gegenspieler tänzelt, über den Platz marschiert, den Ball streichelt, ihn mit dem Außenrist passt und nach Toren jubelt: Solch einen Spieler, das wird einem mit jedem Bild klarer, gibt und gab es kein zweites Mal. Es geht um Beckenbauers Stilmittel, den Außenristpass, den Platini nachzuahmen versuchte - spätestens seit der WM 1966, als der Stern des damals 20-Jährigen aufging. Beckenbauer wird, trotz der Wembley-Niederlage zum Star - dank seines puren Talentes und Robert Schwan. Der Manager kommt ins Spiel, nimmt Beckenbauer unter Vertrag und vermarktet ihn und den FC Bayern, wie es im erst dann entstehenden Fußball-Geschäft noch niemand tat. Was mancher für kritikwürdig hält, sieht man in der Familie Beckenbauer anders. Schwan habe „alles richtig gemacht, nicht einen Fehler“, sagt Walter Beckenbauer, der den Manager als Franz‘ einzigen echten Freund beschreibt.

Der Spitzname „Kaiser“ entsteht, weil Beckenbauer allen Gegnern überlegen scheint. Dass er nicht nur tänzeln, sondern auch kämpfen kann, beweist er beim Jahrhundertspiel 1970, dem WM-Halbfinale gegen Italien. Deutschland verliert nach Verlängerung, doch Beckenbauer, der seine Mannschaft fast eine Stunde trotz ausgerenkter Schulter antreibt, und seine Armschlinge - das ist das Bild, das hängenbleibt. Die Liebe zum Spiel eben.

In Folge zwei wird es persönlicher. „Deutscher, Bayer... Ich bin ein Mensch. das ist wichtiger als die Nationalität: ein Mensch zu sein“, sagt Beckenbauer, der fast ausschließlich als Stimme aus dem Off auftritt. Es geht um den größten Triumph seiner Spielerkarriere, den Weltmeistertitel 1974, aber auch um die Spätphase: Den Wechsel nach New York zum Cosmos-Projekt, das mehr ein Schaulaufen ist, als ernsthafter Profisport, und die Rückkehr nach Deutschland zum HSV, die sich der damals 35-Jährige aus fußballerischer Sicht hätte sparen können.

Frauengeschichten häufen sich parallel zum Umzug nach New York, der auch ihn selbst transformiert. Beckenbauer wird zur Boulevard-Persönlichkeit und Kosmopolit - rechtzeitig zur immer schneller werdenden Globalisierung. „Ich war dann frei, ich hab geschwebt“, sagt er selbst über die Zeit in den USA.

Zu Beginn von Folge drei sinniert er über den Sinn des Lebens, den er so begreift: Ein guter Mensch, ein guter Vater wolle er sein. Doch mit dem Fußball lässt er es auch nach der Karriere nicht sein - wie könnte er auch? 1984 wird er „Teamchef“ der deutschen Nationalmannschaft, braucht eine Weile, um sich in der Rolle zurechtzufinden - führt die zuvor am Boden liegende Mannschaft aber 1990 zum WM-Titel. Und zwar mit Methoden, die man ihm nicht zugetraut hätte: „Franz war ein Tüftler“, sagt etwa Jürgen Klinsmann über Beckenbauer als Trainer, dem man sonst immer nachsagte, ihm würde alles Glück der Erde nur so zufliegen.

Und wieder produziert er ikonische Bilder, die Filmemacher Körner natürlich nicht auslassen kann: Wie Beckenbauer über den Finalrasen in Rom schreitet, in der Gewissheit eigentlich alles erreicht zu haben, was ein Fußballer erreichen kann, allein, und trotzdem von allen beobachtet. Unantastbar - ein Kaiser eben.

Filmisch geht es fast nahtlos über zur WM 2006. Beckenbauer holte sie nach Deutschland - ein Riesenerfolg, genau wie das Turnier. Doch auf dem Wie liegt ein Schleier, wie sich erst später herausstellt. 2015 veröffentlicht der „Spiegel“ die Recherche zur Sommermärchen-Affäre, kurz zuvor stirbt Beckenbauers jüngster Sohn Stephan. Es ist der Anfang vom Ende des Leben des Kaisers, der die Welt in jenem Sommer 2006 bei sich willkommen hieß.

Angesichts der Anschuldigungen rund um Schmiergeld-Zahlungen bei der Turniervergabe flieht Beckenbauer ins Private. Juristisch ist es kompliziert, so richtig erklären will er sich nicht. „Es war fast so, als ob er nicht mehr existiert. Das war das brutale an dem Vorgang“, sagt Schauspieler Brandt und läutet damit das Ende ein: Es wird still - um Beckenbauer und im Film. Der Protagonist sagt aus dem Off: „Wovor sollte ich Angst haben? Ich weiß, dass ich irgendwann sterben muss. Ob ich heute sterbe oder morgen oder übermorgen interessiert niemanden.“ Ein Jahr nach seinem Tod und vor allem nach dieser Doku muss man sagen: Mit dem letzten Satz lag er völlig daneben. Dem Kaiser sei‘s erlaubt.

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