Hamburg  Florentine Joop über Kunst und ihren berühmten Vater: „Ich fühlte mich oft alleingelassen“

Andreas Wrede
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Von Andreas Wrede
| 03.01.2025 16:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Florentine Joop, Tochter des berühmten Modedesigners Wolfgang Joop, spricht über ihre komplizierte Beziehung zu ihrem Vater und den Weg zur kreativen Selbstverwirklichung. Foto: dpa/Ole Spata
Florentine Joop, Tochter des berühmten Modedesigners Wolfgang Joop, spricht über ihre komplizierte Beziehung zu ihrem Vater und den Weg zur kreativen Selbstverwirklichung. Foto: dpa/Ole Spata
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Florentine Joop hat sich als Zeichnerin, Malerin, Illustratorin und Autorin schon immer ihre Freiheiten genommen. Wegen oder trotz ihres großen Nachnamens? Weder noch. Sie ging und geht unbeirrt ihren eigenen Weg.

„Meine Eltern hätten vielleicht mal öfter unter den Tisch schauen sollen“, sagt Florentine Joop im Gespräch unserer Redaktion. Besonders ihr Vater Wolfgang, der kürzlich 80 Jahre alt geworden ist. Wenn sie mal hört, sie habe ja wohl „das Talent“ von ihm geerbt, wird sie ungehalten.

Als sie noch im feinen Hamburg lebte, fand man sie oft unter einem Tisch, „zeichnend und der Vater war meistens abwesend“. Kunst hat für Florentine Joop, die heute in Potsdam lebt, vor allem mit „Fleiß, Arbeit, Geduld und viel Lust zu tun“. Und wenn ihre Kunst nun allen gefallen würde, dann sei es keine Kunst mehr. Das sei ja das Wunderbare an der Kunst: „Sie gibt mir die absolute Freiheit, das zu tun, was nur ich will.“

Und als sie damals in der Hansestadt unter dem Tisch für sich und vor sich hinzeichnete, wollte sie auch „meinen Vater nicht stören, wenn er denn überhaupt mal da war“. Das Verhältnis zu ihm kann man wohl getrost als „kompliziert“ benennen.

Eigentlich wollte sie Fotografin werden, besonders als sie eine Weile bei dem legendären Albert Watson in dessen Studio im New Yorker Meat Packing District zu Beginn der neunziger Jahre assistieren konnte. Kaum zu glauben, damals fand man abends kaum ein Taxi, um dorthin zu gelangen, da wo ständig ein Geruch rohen Fleisches in der Luft hing.

Heute ist dieser District ein Beispiel gelungener oder besser: eben nicht gelungener, schickimicki Gentrifizierung und zumeist gezähmter Konsumfreundlichkeit. Die ist nun mal gar nicht Florentine Joops Ding. Sie wollte und will nur das erschaffen, was sie selber mag. „Und wem nicht passt, was ich mache, kein Problem, ich bleibe mir allerdings treu.“

Die ersten vier Semester an einer renommierten Design-Hochschule an der Hamburger Armgartstraße hat sie sich auf die Fotografie konzentriert, „aber auf lange Sicht betrachtet fehlte mir etwas der Mut, da einzusteigen, das war eine ziemlich von Männern dominierte Kunst-Branche, unter anderen Daniel Josefsohn, Jim Rakete, Peter Lindbergh, Helmut Newton, Robert Mapllethorpe, Steven Meisel, David Lachapelle, Mario Testino.“

So widmete sie ihre künstlerische Kraft „dem Schreiben, das ist für mich wie malen mit Worten.“ Besonders das Kinderbuch hatte es ihr angetan, es entstanden illustrierte Kinderbücher wie „Käpt’n Lotta und der vieräugige Hermann“, ihr Diplom wurde ihr 2004 ausgehändigt.

„Ich brauchte wohl sehr lange, um erwachsen zu werden… eigentlich warte ich noch immer darauf,“ bemerkt sie lächelnd und streicht ihre lange, wilde Haarmähne zurück. Sicher ist aber eines: „Meine Mutter und mein Vater waren nicht viel da für mich und meine Schwester Jette, ich fühlte mich oft alleingelassen.“ Da machte es Sinn, dass sie das doch eher bedachte und ruhige Hamburg verließ in Richtung des ungezügelten und stürmischen Berlin.

Dort entwickelte Florentine Joop eine weitere Leidenschaft, das Malen. David Hockney, der westdeutsche Gerhard Richter oder der ostdeutsche Werner Tübke sind ihr bedeutsame Künstler.

Was hat sie insbesondere an Tübke - mit Berhard Heisig, Wolfgang Mattheuer Mitbegründer der „Leipziger Schule“- fasziniert? „Ich finde Tübke geradezu magisch, extrem illustrativ und sehr mysteriös. Habe übrigens fast nur bei Professoren studiert, die aus der DDR kamen.“ Mit der DDR hatte Florentine Joop insofern zu tun, als sie in ihren Ferien zumeist bei Tante Ulla in Potsdam war, die auf dem alten Bornstedter Familiensitz die Stellung hielt.

„Ich bin in beiden Teilen Deutschlands erwachsen geworden, ich habe es als Glück empfunden, bis heute, den Osten erleben zu dürfen.“

Heute lebt sie auf diesem Grundstück mit ihrem Mann Sebastian Fleiter und den Kindern in einem behaglichen, künstlerischen Häuschen. Und Wolfgang Joop hat dort ebenfalls seine endgültige Heimat gefunden, nämlich dort wo er geboren und aufgewachsen ist. Das Gebäude, in dem etwa früher ein Stall zu finden war, ist heute licht und modern.

Allerdings hatte Florentine Joop früh gelernt, „was Freiheit bedeutet, die Grenze zur DDR war schlimm und wenn wir mal wieder West-Magazine, Wham-Kassetten und Schokolade unentdeckt durchgeschmuggelt hatten, waren wir immer erleichtert hinterher.“

Wobei die Künstlerin immer zu sagen pflegt: „Bitte nie ankommen, weil ankommen ist wie sterben.“ Will sagen, sie möchte stets beweglich, kreativ und individuell sein und sich bei aller Kunst durchaus nicht immer ernst nehmen. Florentine Joop lacht gern, oft und gern, mithin über sich selbst.

Drei Kinder, das Haus, Autorin, Illustratorin, etwa für die „Welt am Sonntag“ oder „Icon“, Malerin, Dozentin, Workshops und Ausstellungen organisieren, am neuen Kinderbuch arbeiten - Florentine Joop hat viele Bälle in der Luft und da sollen sie nach Möglichkeit auch, in verschieden hohen Umlaufbahnen, einigermaßen kontrolliert schweben. „Da hilft Humor ungemein,“ befindet sie trocken. „Und das Schöne ist: Künstlerinnen und Künstler sollen provokante, ungeschützte und vogelwilde Fragen stellen, die man eben mal nicht so auf die Schnelle beantworten kann.“

Das mag sie am Künstlerinnen-Dasein, sie weiß „dieses Privileg zu schätzen“, gerade zu Zeiten vielfältiger Intoleranz, Cancel Culture oder engherziger Betroffenheit-Haltungen. Wobei sie für sich feststellt: „In den vergangenen Jahren existieren mehr unbeantwortete als beantwortbare Fragen, unsere Welt im Kleinen wie im Großen scheint immer komplizierter zu sein oder zu werden.“ Was könnte man da tun?

In einem Text schrieb die Künstlerin: „Da hilft nur noch Punk! Einstige Gegenbewegung der Disco-Generation unserer feierwütigen Eltern, die nur glossy Lips und Saturday Night Fever im Kopf hatten, paukte der Punk ihnen gehörig eins auf die damals noch so unpolitisch-inkorrekten Ohren und Augen. Jetzt müsste mal wieder was dagegen gepunkt werden… Punk ist die lautgewordene Infragestellung unseres gesellschaftlich ausgehandelten Ist-Zustands.“

Und sie ergänzt: „Kunst gab nie Antworten, Kunst stellt aber die nötigen Fragen.“

Und was hat Florentine Joop 2025 auf der Agenda? „In 2024 war ich besonders viel unterwegs, hatte irre viel auf meinem künstlerischen Zettel - im neuen Jahr möchte ich mich klarer fokussieren. Es wird eine Neuauflage meines Romans ‚Harte Jungs‘ (Edition Roter Drache) herauskommen und ich arbeite an Erinnerungen zu meiner Kindheits-Zeit in Hamburg und Potsdam.“

Zu letztgenanntem Projekt wird es eine eigene Ausstellung geben, mit alten und neuen Werken zu diesem ureigenen Themenkomplex. Daneben wird sie wieder Ausstellungen der von ihr mitbegründeten Künstlerinnengruppe „Krume 1“ kuratieren und als Dozentin arbeiten in ihrer Geburtsstadt (Künstlerschule Hamburg) und in Berlin (Akademie für Illustration).

Und besonders freut sie sich auf die Fortsetzung ihrer Deutschland-Tour mit Luci van Org, sie war in den Neunzigern als Frontfrau der Pop-Band „Lucilectric“ und Songschreiberin etwa für Nena und Nina Hagen bekannt und arbeitet u.a. auch als Autorin für Drehbücher, Romane und das Theater. „Es handelt sich bei unserer Tour um einen schönen Mix aus Interviews, Podcast, Lesung und Musik.“ Der Titel der Tour ist kurz und bündig: „Blutdialoge“. Florentine Joop bleibt sich nun einmal treu: „Bitte nie ankommen, weil ankommen ist wie sterben.“

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