Osnabrück  Wie Gisèle Pelicot nach der Vergewaltigung zur Ikone der Frauenbewegung wurde

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 31.12.2024 08:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Gisèle Pelicot trifft im Gerichtsgebäude von Avignon zum Prozess gegen ihren Ex-Mann ein. Foto: dpa/picture-alliance/AFP
Gisèle Pelicot trifft im Gerichtsgebäude von Avignon zum Prozess gegen ihren Ex-Mann ein. Foto: dpa/picture-alliance/AFP
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Das Opfer beschließt, nicht mehr einfach nur das Opfer zu sein: Gisèle Pelicot macht den Prozess gegen ihren Vergewaltiger zu einem öffentlichen Tribunal. Ein historischer Akt in der Geschichte des Feminismus.

Per apsera ad astra, durch die Mühsal zu den Sternen: Der lateinische Spruch klingt nach abgegriffener Bildungsmünze. Für Gisèle Pelicot bezeichnet er einen Lebensweg unfassbarer Extreme. Hundertfach vergewaltigt, in jeder Weise erniedrigt fand sie die Kraft, ihr Schicksal zu wenden. Vom Opfer zur Lichtgestalt: So verläuft der Weg der heute 72 Jahre alten Frau, die Geschichte schreibt – als Ikone nicht nur der Frauenbewegung, sondern aller Menschen, denen Erniedrigung ein Greuel ist.

Dabei verläuft der Lebensweg der Gisèle Pelicot in den Bahnen grauer Normalität. Logistikmanagerin, Ehefrau und Mutter, ein Leben im Großraum Paris und dann im südfranzösischen Kleinstädtchen Mazan unweit von Avignon mit Haus und Pool: Eine Durchschnittsbiografie.

Gisèle Pelicot kann nicht ahnen, dass der Mann, mit dem sie, wie sie sagt, „den Rest ihrer Tage“ verbringen möchte, eine andere, eine nachtschwarze Seite hat. Dominique Pelicot betäubt seine Frau, lässt Dutzende von Männern in ihr Schlafzimmer, wo sie sich an der leblosen Frau vergehen. Ehe und Familie, der Hort von Schutz und Vertrauen – für Gisèle Pelicot verkehrt sich all das in die Finsternis einer Folterkammer.

Aber nicht allein ihr Schicksal ist monströs, außergewöhnlich auch die Reaktion dieser Frau. Im Prozess gegen ihren Mann und über 50 mitangeklagte Männer, die sich an ihr vergangen haben sollen, besteht sie darauf, entgegen aller Gerichtsgepflogenheit die Öffentlichkeit zu den Verhandlungen zuzulassen. Gisèle Pelicot macht transparent, was sonst verborgen bleibt – das Leid, die Demütigung, den Vertrauensbruch.

„Die Scham muss die Seite wechseln“: Mit dieser Formel wendet Gisèle Pelicot ihr Schicksal. Der Satz wirkt wie das Fanal eines neuen Feminismus. In der Tat: Ob Dominique Pelicot oder die Vergewaltiger, die sich von ihm per Internet bestürzend mühelos rekrutieren ließen, sie stehen nun im grellsten Scheinwerferlicht. Ihre Schande ist öffentlich – und überaus lehrreich.

Denn der Fall Pelicot zertrümmert die Mär vom Sexualstraftäter, der von außen in den Nahbereich einer vertrauten Welt einbricht, das Wunschbild von der heilen Welt abseits der Metropolen. Alle Täter kommen aus einem Umkreis von maximal 60 Kilometern, einige sogar aus dem Ort Mazan selbst. Es waren Männer aus der gleichen Lebenswelt, die über die betäubte Frau herfielen. Unrechtsbewusstsein, Empathie mit dem Opfer? Fehlanzeige.

Kriminelle Energie und sexualisierte Gewalt sind offenbar nicht allein Sache weniger Extremtäter, sondern Antrieb von Männern aus der Mitte der Gesellschaft. Der Fall Pelicot zeigt, wie sehr ein aggressiver Sexismus immer noch zum Alltag gehört. Dominique Pelicot wurde schließlich geschnappt, als er Frauen im Supermarkt heimlich unter den Rock fotografierte.

Hat die Scham nun die Seiten gewechselt? Bewirkt der Fall Pelicot eine grundsätzliche Wende, hin zu mehr Respekt und Empathie? Gisèle Pelicot hat ihre Wahl getroffen, als sie es ablehnte, nur ein Opfer zu sein. Ihr Weg in das Licht der Öffentlichkeit ist heroisch. Aber wie lebt sie weiter mit dem Missbrauch, mit dem Bewusstsein, das sie nicht einmal wissen kann, was ihr geschah? Die Antwort kann keiner geben. Der Fall Pelicot bleibt monströs, in jeder Hinsicht.

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